You are currently viewing Verzweiflungstaten in Zeiten des Virus

Verzweiflungstaten in Zeiten des Virus

In Zeiten des Coronavirus heißt es, sich die Freizeit zunutze zu machen. Liegengebliebenes aufzuarbeiten und vielleicht auch mal das zu tun, was man sonst gern vor sich her geschoben hat.

Werbung

Unser Leser Rolf Netzer hat sich auf den Weg gemacht, seinen Dachboden genauer zu lupieren und dort einiges an Erinnerungsstücken wiedergefunden….

Rolf Netzer

Das Corona-Virus hat die Welt im Griff und führt zu einem Umgang mit anderen Menschen, wie wir es uns vor ein paar Wochen nicht hätten vorstellen können.

Werbung

Ein Roman mit einem solchen Inhalt wäre in den Bereich der SF-Literatur und der Utopie abgeschoben worden.
Nun müssen wir aber mit all den Einschränkungen leben, die uns nicht nur unsere Regierung in Berlin, sondern auch unser Verstand auferlegt hat (sofern er dazu in der Lage ist, das eigentlich Absurde dieser Realität als gegeben hinzunehmen und danach zu handeln).
Alle sozialen Kontakte sind derzeit am Boden und dort werden sie noch eine Weile bleiben.


Was bleibt uns noch?
Sicher, wir können per WhatsApp oder Telefon miteinander reden.
Wer diese Möglichkeiten nicht hat, greift vielleicht einmal wieder zum Briefpapier, um den Menschen, die ihr oder ihm am Herzen liegen anzuzeigen, dass man noch da ist.
Man kann maximal zu Zweit spazieren gehen. Doch nur mit gehörigem Abstand zu Anderen. Und das auch nicht den ganzen Tag lang.
Veranstaltungen jeglicher Art – auch privater Natur – sind nach dem Infektionsschutzgesetz verboten.
Wie also kann seine hinzu gekommene „Freizeit“ nutzen?
Den ganzen Tag lang in die Röhre gucken oder `Mensch ärgere dich nicht´ zu spielen, nervt auch. Zu Letzterem braucht man übrigens einen zweiten Menschen.


Also? Was tun?
Nun, es gibt da noch so einige Dinge, die man schon lange vor sich hergeschoben hat und die sich an diesen Tagen (und Wochen?) geradezu aufdrängen:
Fenster putzen, bügeln, Staub wischen. Die Schuhe müssten auch mal wieder geputzt werden.
Für mich alles vollkommen unzumutbar! Also was?
Da kam mir heute eine absurde Idee!
Ich könnte mal den Dachboden aufräumen.

Wollte ich schon vor Jahren machen.
Zumindest könnte ich damit anfangen. Ich habe es getan!
Man glaubt ja gar nicht, was man da alles findet.
Dinge, die mein Gedächtnis schon vor langer Zeit abgehakt hatte.
Eines meiner Hobbys aus einer Zeit, als ich noch nicht zu den Menschen gehörte, die man heute als „gefährdet“ betrachtet, war das Schnorcheln und Tauchen.


Was finde ich? Meine Schwimmflossen! Sie sind schon sehr alt und als ich sie näher ansehe, stelle ich fest, dass sie schon porös und brüchig sind.
Also erst einmal eine kleine Pause beim Aufräumen machen und in Erinnerungen schwelgen. Ich sehe mich in Gedanken vor der Küste Griechenlands in einer wunderbaren Wasserwelt und auch in den etwas trüben Fluten der Ostsee schwimmen und tauchen.
Ach ja! Seufz!
Weiter machen!
Alte Pappkartons und Plastiktüten öffnen und die Inhalte begutachten.


Was ist das denn?
Ein kleines etwas verbogenes Büchlein.
Es handelt sich um das Poesiealbum eines meiner Söhne aus der Zeit, als er die Grundschule verließ und seine Mitschülerinnen und Mitschüler zur Erinnerung niedliche Verse hineinschrieben.
Weil mein Sohn inzwischen über 50 ist, weiß man, dass dieses Buch Museums-Charakter hat.
Ich werde es ihm zu seinem nächsten Geburtstag schenken…
Ein kleiner Kunststoffkasten mit dem Aufkleber „Frage- und Antwortspiel nur für Erwachsene“ taucht auf.
Das muss zu einer Zeit gewesen sein, als wir Teenies (damals nannte man uns `Halbstarke´) anfingen, uns für das jeweils andere Geschlecht zu interessieren.


Die Karten wurden gemischt und jeder in der Runde (natürlich Mädchen und Jungen) bekam eine Anzahl verdeckt liegender Karten.
Auf jeder Karte stand eine Frage und eine Antwort.
Eine(r) stellte z.B. die amouröse Frage „Darf ich mit dir gehen?“ und zeigte auf die / den Angesprochenen und sie oder er las die auf seiner Karte stehende Antwort laut vor: „Ich muss erst meine Mutter fragen.“
Und das ging so weiter. Ein wahnsinnig erotisches (?!) Spiel aus einer Zeit, als es das Wort SEX noch gar nicht gab und das Wort GEIL eine andere Bedeutung hatte als heute.
Ich musste beim Durchblätter der Karten laut lachen.
Mann, waren wir früher naiv!


In einer brüchigen Plastiktüte fand ich alte, selbst bemalte T-Shirts, die wir früher bei Kostümfeten im großen Saal der Gaststätte Fenkner getragen hatten.
Auch wieder: Erinnerungen.
Man kann sich vorstellen, dass ich beim stundenlangen Aufräumen nicht viel geschafft habe.
Morgen mache ich weiter und ich bin schon jetzt gespannt, was für Schätzchen ich finden werde.


Mein Appell an all jene, die nichts mit ihrer neu gewonnenen – amtlich verordneten – Freizeit anzufangen wissen:
Geht mal auf den Dachboden und räumt auf!
Ihr werdet überrascht sein, was ihr dort so alles findet.Und ihr schlagt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Dachboden wird endlich entrümpelt und alte Erinnerungen werden wieder wach.
Besser, als wieder vor der Röhre zu sitzen.

image_print