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Und plötzlich hast du Krebs – Die letzte Kolumne im Scarlett Magazin

Drei Jahre lang habe ich all meine Energie, viel Liebe und besonders viel Zeit in dieses Magazin gesteckt. Drei Jahre, die nicht einfach waren. Und dann steckte ich in einer Kolumne zum Thema Brustkrebs fest. Es ist mir schwer gefallen darüber zu schreiben.



Gleichzeitig habe ich mich gesundheitlich nicht gut gefühlt. Nach einer Schilddrüsenoperation bin ich unglaublich pummelig geworden, ohne dass man mir sagen konnte, warum. Mein Internist hat mich dann zweimal ins MRT gesteckt und nur einer aufmerksamen Radiologin ist es zu verdanken, dass überhaupt ein Grund gefunden worden ist.

Ich hatte Aszites, das bedeutet, ich hatte Flüssigkeit im Bauch. Und das kann auf eine Krebserkrankung im Unterleib hindeuten. Ich war bei vielen verschiedenen Gynäkologen, die mich mit Hormonen behandelt haben, aber die nicht erkannt haben, dass ich bereits Krebs habe.

Wozu also die ganzen Vorsorgeuntersuchungen?

Erst war alles nur ein Verdacht doch plötzlich (es war zwei Tage nachdem ich noch auf dem Rittergut Remeringhausen über eine Veranstaltung berichtet habe) ging alles ganz schnell, Untersuchung, am nächsten Tag eine Operation, und dann das Ergebnis:

Krebs.

Ich habe mal eine Kolumne über Krebs geschrieben. Tatsächlich erkrankt jeder Zweite daran. Und jeder trägt die nötigen Zellen in sich, es kommt nur darauf an, bei wem sie entarten.

Ich erinnere mich daran, dass ich morgens zu einer Operation ins Krankenhaus gekommen bin und eine Ärztin mir das Ergebnis des zuvor gemessenen Tumormakers sagte: „Ja es ist Krebs, der Tumormarker hat es angezeigt“

Warum hat kein Arzt bei der Vorsorge mal den Tumormarker gemessen? Es hätte mir so viel geholfen. Ich war verzweifelt. Ich habe mich mit Händen und Füßen gegen den Gedanken an eine Chemotherapie gewährt. Ich hatte Angst. Furchtbare Angst. Und ich wollte und konnte die Diagnose nicht annehmen.

Nach der ersten Operation durfte ich nach Hause, um mich zu stärken. Dann kam die zweite, sehr aufwendige Operation mit einem riesigen Bauchschnitt und einer Behandlung auf der Intesivstation. Danach war klar, dass eine aggressive Chemotherapie erfolgen muss, da gibt es gar keine Diskussion mit den Ärzten. Ich war nicht glücklich im Mindener Klinikum und wechselte daher zu einer Onkologin. Die begann sehr bald mit einer Chemotherapie.

Wobei, so bald war es noch gar nicht: Die Erholungsphase zu Hause war sehr kurz, weil ich mit einem heftigen Erbrechen zu kämpfen hatte, welches einfach nicht zu stoppen gewesen ist, egal was ich für Medikamente genommen, oder was auch immer ich gegessen oder getrunken hatte.

Ein CT brachte Klarheit und zeigte an, dass mein Magen auf drei Liter angeschwollen war und der Zugang zwischen Magen und Zwölffingerdarm durch ein Krebsgeschwür verschlossen war. Der Magen konnte sich schlicht und ergreifend nicht mehr entleeren. Mir wurde ein Schlauch in den Magen gelegt, der alles absaugen sollte, das bedeutet aber auch, dass ich seitdem nichts mehr essen konnte. Lediglich etwas Flüssigkeit kann ich zu mir nehmen, sie wird aber nicht von meinem Körper aufgenommen.

Die künstliche Ernährung reicht von der Kalorienanzahl nicht aus und deshalb magerte ich ab und bestehe seither nur noch aus „Haut und Knochen“. Ich bekam eine Blutübertragung, weil meine Werte schlecht waren und damit ich endlich mit der Chemotherapie starten konnte.

Doch im Krankenhaus hatte ich dann ein Schockerlebnis: Nachdem man mir zuvor zumindest noch eine Chance von 50/50 eingeräumt hat, kam eines Tages eine Chirurgin zu mir und sagte: „Fahren Sie nach Hause, Sie haben noch ein halbes Jahr“

Plötzlich war ich umgeben von Pastoren, vom Palliativdienst und von Hospiz-Damen. Ich hatte Alpträume von den starken Medikamenten und ich hatte Angst zu sterben, Angst meine Familie zurück zu lassen. Angst die mich hinderte, auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können.

Ich war von Anfang an ehrlich mit meinen Kindern und mit meiner Familie und sie sind auch immer diejenigen, die an eine Heilung geglaubt haben, und das zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich selbst längst aufgegeben hatte. Meine Onkologin war nicht begeistert von der Aussage der Chirurgin gewesen, denn es war ja noch gar keine Chemotherapie erfolgt, woher also diese Prognose?

Ich sammelte all meine verbliebene Kraft zusammen und startete in die Chemotherapie:

Ich weiß nicht, was ich mir unter der Therapie vorgestellt habe. Tatsächlich ist es sehr wichtig, dass man bereit ist, diese Therapie auch wirklich durchzuführen. 30 % des Erfolges hängen nur von der eigenen Einstellung ab. Das bedeutet, jede Therapie schlägt bei jedem Patienten anders an und niemand kann vorhersagen, wie es am Ende aussehen wird. Wehrt ein Patient sich gegen die Therapie, hat sie wenig Aussicht auf Erfolg.

Die Chemotherapie ist eigentlich sehr unspektakulär. Sie besteht aus Infusionen, die in die Vene geträufelt werden. Pures Gift. Letztendlich hat die Chemotherapie die Funktion, alle schnellwachsenden Zellen zu zerstören, also nicht nur den Tumor, sondern auch Haare, Haut und Nägel sind betroffen. Meine Haare sind ausgefallen, aber ich sage mal wie es ist, das ist das geringste Problem, mit dem man sich in dem Moment beschäftigt.

Ich habe kürzlich einen Bericht im Fernsehen gesehen, da ging es darum, dass Frauen mit Brustkrebs sich trotzdem schminken und gut fühlen sollen. Als ob Brustkrebs die einzige Krebserkrankung wäre. Als ob Haare das größte Problem wären. Das größte Problem sind die Panikattacken, die einen überfallen, wenn man zu müde ist, um etwas zu tun und zu wach zum Schlafen. Wenn die Gedanken im Kopf Karussell fahren und man das Gefühl hat, man drehe durch und könne nichts mehr tun. Man ist gefangen in einem Körper, den man nicht mehr kennt. Man ist zu schwach, um sich zu bewegen, um aufzustehen, um irgendetwas im Haushalt zu erledigen.

Und dann die Übelkeit: Die Übelkeit, die einen lähmt und für Tage lahmlegt. Der Brechreiz, wenn man spürt, wie sich das Zwerchfell bewegt und man einfach nicht mehr kann und nicht mehr will. Ich habe in der Zeit geweint und Angst gehabt und mein Leben verflucht. Ich habe meine Familie gebeten mich gehen zu lassen, weil ich einfach nicht mehr konnte. Und dann guckt man in die Augen seiner Kinder und weiß, es muss weitergehen, man muss kämpfen und man darf nicht aufgeben. Hätte mir jemand vor einem halben Jahr gesagt, was alles auf mich zukommt, ich hätte nur den Kopf in den Sand gesteckt und nie wieder herausgeholt.

Man fängt an, das Leben mit anderen Augen zu sehen. Was wirklich wichtig ist sind Familie, gesunde Ernährung und Zeit.

Wie oft mussten meine Kinder warten, wenn ich unbedingt noch einen Artikel geschrieben habe. Wie viele Nächte habe ich gearbeitet, um nach einer Veranstaltung alle Emotionen die ich empfunden habe, in Worte fassen zu können.

Und wofür?

Am Ende für so viel Neid und Missgunst, für so viel Häme und Spott und für Menschen, die mir nicht wohlgesonnen waren. Deshalb habe ich ganz am Anfang beschlossen, dass ich das Magazin stilllegen werde. Die mir verbliebene Zeit möchte ich mit meiner Familie verbringen und einfach noch ein bisschen leben. Denn letztendlich ist es völlig egal ob es Krebs ist oder irgendetwas anderes: Unser aller Leben ist begrenzt und es kann morgen schon vorbei sein und was hast du dann, wenn du dir nur Stress und Gedanken machst?

Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um überhaupt über diese Krankheit sprechen zu können, um sie anzunehmen und um sagen zu können: „Deswegen habt ihr so lange nichts von mir gesehen“ Ich habe lange gebraucht und ich weiß, dass ich noch einen langen Weg vor mir habe.

Ich danke allen Menschen, die mich unterstützt haben.

Ich danke allen, die mir Mut und Kraft geben.

Ich habe im Krankenhaus oft mit Menschen zusammen auf einem Zimmer gelegen, die nur von dem Tod gesprochen haben und ich kann sagen, dass war nicht angenehm und hilft letztendlich niemanden. Ich finde auch, dass man als Schwerkranker über sein Leben und seinen Körper und seinen Alltag entscheiden kann. Ich finde es sehr wichtig, die Hoffnung zu haben, das alles irgendeinen Sinn ergibt und das es noch nicht vorbei ist. Und ich wünsche allen, die in einer ähnlichen oder vergleichbaren Situation sind, dass sie den Mut nicht verlieren und wirklich versuchen, nach vorn zu blicken.

Was auffällt ist, sobald man an Krebs erkrankt ist, ist man in einer anderen Welt.

Für Außenstehende ist das nicht erfassbar, wie man sich fühlt, was für Gedanken einen überfluten. Aber die Krebskranken die man kennenlernt bilden sofort einen engen Kontakt zueinander, und was bei allen Kontakten aufgefallen ist, ist die Sorge um die Familie und diejenigen, die man vielleicht zurücklässt, die ebenfalls betroffen sind – Das ist das, was alle bewegt.

Hier geht es nicht um „Haarausfall und auch als Krebspatient bist du schön“ hier geht es nicht um „Wie geht’s mit dem Beruf weiter“ oder „Was muss ich jetzt tun“ sondern die Sorge um die Familie ist das, was alle vereint und was an erster Stelle steht und was ich so bei keinem anderem Krankheitsbild bislang erlebt habe.

Du lebst ab sofort in einer Welt von der du nicht weißt, wie lange sie besteht, was auf dich zukommt und ob du eine Chance zum Überleben hast. Irgendwann fängst du an, deine Krankheit anzunehmen, zu akzeptieren und nicht in Frage zu stellen.

Das Allerwichtigste ist ein gutes Umfeld und eine positive Einstellung.