Tabuthema Gewalt in Beziehungen
Scarlett - Die Kolumne

Tabuthema Gewalt in Beziehungen

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Ehrenmord, Gewalt in Partnerschaften, Vergewaltigung in der Ehe, Missbrauch in Familien

Vor kurzem lief in der ARD der Kinofilm „Nur eine Frau“ – nach einer wahren Begebenheit – aus dem Jahr 2019. Er handelte von dem Ehrenmord an der Türkin „Aynur“. Diese war, nach einer Zwangsverheiratung, aus der Türkei zurück zu ihrer Familie gekehrt, hatte sich aber später ein eigenes Leben aufgebaut. Mit Abnehmen des Kopftuches und Annehmen eines freien Lebensstils zog sie sich den Zorn, vorwiegend der männlichen Mitglieder der Familie, besonders ihrer Brüder, zu. Diese versuchten mit Drohungen, sie von ihrem – aus ihrer Sicht – freizügigen Lebenswandel abzuhalten. Am Ende tötete der jüngste Bruder seine Schwester. Das Kind, das sie hinterließ, kam zu dessen Schutz und auf Wunsch Aynurs in eine Pflegefamilie. Aynur hatte auch die Polizei um Hilfe gebeten und versucht, ihre Familie davon zu überzeugen, dass ihr Leben richtig und gut war. Immer wieder versuchte sie, den Kontakt zu ihnen aufrecht zu erhalten. Sich so zu akzeptieren wie man ist, das war ihre Idee.

Ihr Tod war in der Öffentlichkeit ein Zeichen für das veralterte Denken und die antiquierte und völlig falsche Lebenseinstellung dieser Religion. Vor allem, weil davon auszugehen ist, dass noch heute diese Denkweise verfolgt wird. Noch heute gibt es Zwangsehen in der Türkei. Und gerade heute hat der dortige Präsident ein Gesetz vorgeschlagen, wonach der Vergewaltiger und Misshandler eines minderjährigen Mädchens nach einer Vergewaltigung durch die Heirat des Opfers straffrei wird.

Gemäß des Gesetzentwurfes sollen Männer, die Sex mit einer Minderjährigen hatten, einer Strafe entgehen, wenn sie die Frau heiraten. Der Entwurf soll im Parlament der Türkei zur Abstimmung kommen, Frauenrechtler weltweit sind alarmiert. Das berichtet „Independent“.
Sogenannte „Marry-your-Rapist“-Gesetze (zu deutsch: Heirate deinen Vergewaltiger) werden weltweit im Namen und zum Schutz der „Familienehre“ angewandt, zum Beispiel im Nahen Osten und in Nordafrika, so „Independent“.

Genau so gewaltverherrlichend ist die Aussage des amerikanischen Politikers Todd Akin der behauptet hat, der Körper einer Frau würde sich bei einer Vergewaltigung vor einer Schwangerschaft „von selbst“ schützen, deshalb war er auch gegen Abtreibungen, die in Verbindung zu einer Vergewaltigung stehen. (Quelle: Wikipedia)

Solche Gedanken kommen von Männern. Und sie sind in den überwiegenden Fällen auch die Täter. Täter, die mit Gewalt etwas erzwingen, weil sie die Frau als minderwertig und/oder ihr eigenes Verhalten als normal einstufen.

In Deutschland gab es noch bis vor gar nicht so langer Zeit die straffreie Vergewaltigung in der Ehe, wobei man das Ganze abtat als „Recht des Mannes auf den Beischlaf“. Wenn die Frau nein sagte, zählte es nicht als nein. Erst seit 1997 (!) ist es eine strafbare Handlung.

Vergewaltigung in der Ehe ist seit Juli 1997 strafbar. Mit dem 33. Strafrechtsänderungsgesetz wurde das Merkmal außerehelich aus dem Tatbestand der Vergewaltigung,§ 177 StGB, gestrichen, sodass seitdem auch die eheliche Vergewaltigung als ein Verbrechen geahndet wird. Es lässt sich feststellen, dass es nach der Erweiterung des Vergewaltigungstatbestandes einen leichten Anstieg dieser Straftaten gegeben hat. Es wird vermutet, dass sich die Zahl der Vergewaltigungen im häuslichen Bereich seitdem nicht erhöht, sondern vom Dunkel- ins Hellfeld verlagert hat. Trotzdem kommt, wie Dunkelfeldstudien belegen, ein Großteil der Sexualstraftaten zwischen Ehepartnern weiterhin nicht zur Anzeige. Studien belegen zudem, dass Sexualstraftaten sehr selten von Fremden begangen werden. Meistens findet sexuelle Gewalt im häuslichen Bereich statt, wobei es sich bei einem Großteil der Täter um den Ehemann bzw. Lebensgefährten des Opfers handelt.

Deutscher Bundestag

Wer einmal eine Befragung oder ein Verfahren erlebt hat, weiß, warum es immer noch eine Dunkelziffer gibt. Das Opfer muss die Tat als solche belegen, muss sich seelisch entblößen, um den Täter der gerechten Strafe zuzuführen. Doch gerade Frauen, die – mit körperlicher und/oder psychischer Gewalt – unterdrückt worden sind, scheuen den Weg in die Öffentlichkeit, machen sich selbst für das Verhalten des Partners verantwortlich und versuchen, die für sie peinigende Situation auszublenden, auszuhalten, oftmals zum Wohl der Kinder oder, um ihren gesellschaftlichen Status nicht zu verlieren. Mangelnde Unterstützungen innerhalb von Familie und Freunden fördern dieses Verhalten.

Auch Opfer von sexueller Gewalt ausserhalb einer Beziehung müssen sich zu oft einer Vorverurteilung entgegenstellen. So wird dann durchaus behauptet, sie haben es ja „provoziert“, durch ihr Auftreten, durch ihre Kleidung. Mit der Meinung sind wir ganz nah wieder bei dem Verhüllen des weiblichen Körpers und der Verschleierung.

Scheinbar gibt es in den Köpfen vieler ein „Nutzungsrecht“ an der Frau. Sie wird als Sexualobjekt betrachtet, das frei verfügbar ist, so sie denn die entsprechenden Signale aussendet. Signale, die ein Mann als solche identifiziert, die aber von der Frau so nicht gesendet werden.

One Billion Rising (OBR) (englisch für: Eine Milliarde erhebt sich) ist eine weltweite Kampagne für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und für Gleichstellung. Sie wurde im September 2012 von der New Yorker Künstlerin und Feministin Eve Ensler initiiert. Die „eine Milliarde“ weist auf eine UN-Statistik hin, nach der eine von drei Frauen in ihrem Leben entweder vergewaltigt oder Opfer einer schweren Körperverletzung werden.

Weltweit wurden eine Milliarde (engl. billion) Frauen zu Streiks und Protestkundgebungen aufgerufen. Indem sie ihre Häuser, Geschäfte und Arbeitsstellen verlassen und gemeinsam öffentlich tanzen, sollten sie ihre Solidarität und gemeinsame Kraft demonstrieren. Das Ereignis sollte am 15. Jahrestag der V(agina)-Day-Aktionstage gegen Gewalt gegen Frauen (victory over violence) am 14. Februar 2013 (Valentinstag) stattfinden.

Entstehung

Die Aktion wurde von Ensler initiiert, nachdem sie mit der Veröffentlichung der Vagina-Monologe 1998 den Anstoß für die V-Day-Aktionstage gegeben hatte. Einer der Auslöser für ihren Aufruf waren die Äußerungen des US-amerikanischen Politikers der Republikanischen Partei Todd Akin über Abtreibungen, bei der selbst Schwangerschaften, die durch Vergewaltigung entstehen, nicht beendet werden dürften. Seiner Auffassung nach könne der weibliche Körper von sich aus eine Schwangerschaft verhindern, wenn es sich tatsächlich um eine Vergewaltigung gehandelt habe. Im August 2012 antwortete sie ihm in einem offenen Brief, dass er Millionen Frauen wahnsinnig gute („insanely good“) Gründe gegeben habe, sich zu erheben.

Wikipedia

Die weltweite Aktion „One Billion Rising“ gehört auch zu einer Kampagne, die aufklären soll über die Gewalttaten – auch in Beziehungen -, vorwiegend Frauen gegenüber. Für meinen persönlichen Eindruck wird dem Thema zwar Aufmerksamkeit gewährt, es wird an manchen Orten jedoch „verniedlicht“. Gewalt an Frauen und die Tötung von Frauen ist nichts, was man schöntrommeln sollte. Befragt man Leute auf den Straßen, fällt eher der Tanz oder die Farbe auf, nicht aber der ernste Hintergrund.

Was bedeutet Gewalt an Frauen? Wie entsteht sie und warum sind vorwiegend Frauen die Opfer?

Gewalt in Beziehungen fängt keinesfalls mit der Androhung einer Tötung an. Bereits die Androhung, (Sex)-Geheimnisse oder Nacktfotos in den sozialen Medien zu verbreiten, ist – psychische – Gewalt. Auch das Denunzieren, Stalken und Verfolgen zählt zu einer strafbaren Handlung. Das gilt übrigens auch für Frauen, die andere Frauen aus niederen Gründen verfolgen, ausspionieren und deren Ruf gesellschaftlich schädigen wollen.

Im Jahr 2018 wurden unter den modifizierten Straftaten(-gruppen) Mord und Totschlag, Körperverletzungen, sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Vergwaltigung, Bedrohung, Stalking, Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution insgesamt 140.755 Opfer von vollendeten und versuchten Delikten der Partnerschaftsgewalt erfasst. Anzumerken ist, dass die Opferdaten der PKS – im Gegensatz zur Systematik der Tatverdächtigenaten nicht auf einer „echten“ Zählung in dem Sinne beruhen, dass eine Person, die während eines Berichtszeitraums mehrfach als Opfer erfasst wurde, nur einmal als solche gezählt wird. Es werden vielmehr die Opferwerdungen von Personen erfasst, was einschließt, dass eine Person die während eines Berichtszeitraums mehrmals Opfer wird, auch mehrmals gezählt wird.
Für die 2017 neu hinzugekommen Deliktsbereiche Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution wurden 6.898 Opfer registriert. 2018 wurden in diesen Deliktsbereichen 6.817 Opfer registriert. Gegenüber 2017 ist die Anzahl der Opfer partnerschaftlicher Gewaltdelikte angestiegen (2017: 138.893; +1,3%), was einerseits die in den Vorjahren festgestellte Entwicklung bestätigt und andererseits die zunehmende Bedeutung des Gesamtphänomens verdeutlicht. Gemessen an der Gesamtzahl der unter diesen Straftaten(-gruppen) registrierten Opfer entspricht dies einem Anteil von 16,9% (insgesamt 834.970 Personen).

Hinsichtlich der Beziehung des Opfers zur tatverdächtigen Person dominierte der Status „ehemalige Partnerschaften“ (53.055 Opfer; 37,7%), gefolgt von „Ehepartner“ (46.450 Opfer; 33,0%) und „Partner nichtehelicher Lebensgemeinschaften“ (40.826 Opfer; 29,0%). Mord und Totschlag fielen insbesondere „Ehepartner“ (50,1%, 211 Opfer; 57,0% von vollendeten Fällen) zum Opfer, wohingegen ehemalige Partner mehrheitlich von Bedrohung, Stalking, Nötigung (64,8%) oder Freiheitsberaubung (39,5%) betroffen waren.

Kriminalstatistische Auswertung 2018

Die Zahl der Frauen, die von ehemaligen Beziehungspartnern misshandelt oder getötet werden, ist hoch. Gleichzeitig ist klar, dass nicht jede Misshandlung als solche angezeigt wird. Scham und Angst vor dem, was kommt, spielen dabei eine große Rolle. Es gehört schon viel Fingerspitzengefühl und Einfühlsamkeit dazu, einer Frau in der Situation zu helfen – das gilt für Polizeibeamte genau so wie für medizinisches Personal, welches Vorfälle genau beobachten und den Opfern Hilfe und Rat anbieten sollte. Zu oft scheuen die Opfer jedoch vor einer Anzeige zurück.

So gibt es zum Beispiel einen Fall, bei dem Polizeibeamte dem Täter die Tat absprachen und das Ganze als „harmlos“ einstuften, wohlgemerkt im Beisein von Täter und Opfer. Dem Täter haben sie somit einen „Freibrief“ auf Gewalt erteilt, denn es war klar, dass sich das Opfer nicht mehr Hilfe holen wird. Wie kann es dazu kommen? Ein Täter ist durchaus in der Lage nach außen hin sein Gesicht zu wahren, wohingegen man das Opfer eher als eingeschüchtert und verängstigt erlebt. Ausserdem sorgen Scham und ein Eingeschüchtert werden dafür, dass sich das Opfer versucht, möglichst unauffällig und angepasst zu verhalten. Kaum ein Opfer wagt es, gegen den Täter anzusprechen, sonst würde es diese Taten doch gar nicht geben!

Der Weiße Ring hilft

Anlaufstellen für diese und ähnliche Fälle sind neben der Polizei auch zum Beispiel Beratungsstellen des „Weißen Rings“. Dort kann man schnell – auch finanziell – helfen und beratend zur Seite stehen. Ganz wichtig ist dabei auch, das Opfer zu begleiten, Termine zu machen und Wege zur Hilfe aufzuzeigen. Die Damen und Herren arbeiten allesamt ehrenamtlich und sorgsam.

Anke Heldt, von der Außenstelle des Weißen Rings in Schaumburg berichtete in dem Zusammenhang, dass das Wissen, das jemand hilft und vor allem dem Opfer glaubt, für diese Frauen sehr wichtig ist. Der Pein erst einmal entkommen zu sein bedeutet dann gleichzeitig, sich den zukünftigen Fragen zu stellen, dazu sind Opfer oftmals nicht in der Lage. Eine schnelle Hilfe, rund um die Uhr, ist über den Weißen Ring jedoch gewährleistet.

Anke Heldt berichtete zudem, dass auch Frauen mit Migrationshintergrund verstärkt Hilfe suchen:

„Der Begriff Ehrenmord ist leider immer noch Thema, ich selber hatte letztes Jahr einen Fall in Rinteln. Das Schwere für uns Mitarbeiter dabei ist, wir begeben uns da durchaus in gefährliches Gebiet. Es gibt viele Frauen mit Migrationshintergrund, die hier in Deutschland feststellen, dass es nicht normal ist in der Ehe geschlagen und psychisch unterdrückt zu werden und möchten sich von ihrem Partner trennen. Ein sehr brisantes Thema.“

Anke Heldt, Weißer Ring

Neben der Beratung und Betreuung von Erwachsenen, zählen auch Kinder zu Missbrauchsopfern. So hat der „Fall Lüdge“ in den Medien zwar große Wellen geschlagen, aber, vieles von den schrecklichen Taten, ist nicht nach außen gedrungen.

Allgemein ist die Betreuung der Missbrauchsopfer oftmals sehr schwer, weil manche Täter in den Familien zu finden sind und den Opfern oftmals das Auseinanderbrechen der Familie als Schuld angelastet wird. Außerdem sind Kinder nicht immer in der Lage, das Verhalten der Erwachsenen als Tat zu erkennen, das Vertrauen in das Gute ist groß, die Angst vor Strafen und das Eingeschüchtert werden spielen eine große Rolle.

Betroffene Kinder werden in der Verhandlungsphase übrigens lediglich stabilisiert, eine Aufarbeitung der Erlebnisse darf erst nach Abschluss der gerichtlichen und polizeilichen Ermittlungen stattfinden. Doch auch in dieser Zeit benötigen Betroffene Hilfe und Begleitung.

Kinder sollen und müssen zudem die Möglichkeit haben, sich an Vertrauenspersonen zu wenden, sobald sie das Gefühl haben, „etwas stimmt nicht“.

Aktuelle Zahlen des Falles Lüdge:

Die Außenstelle Schaumburg hat neun Opfer, inklusive der Angehörigen, betreut. Davon betreuen wir heute noch fünf Personen, eine Familie ist weggezogen. Wir hatten eine Betreuungszeit von 7.975 Minuten und sind dafür 3.636 km gefahren. Die Betreuung der Fälle lag ganz allein in der Hand der Aussenstelle Schaumburg.

Anke Heldt, Weißer Ring

Wie geht man als Beratung damit um? Anke Heldt erzählt, dass sie die Möglichkeit nutzt, sich so oft es geht abzulenken: Spaziergänge in der Natur, mit Freunden etwas unternehmen zählen dazu, um das Gehörte verarbeiten zu können. Gleichzeitig bietet der Weiße Ring immer Gespräche an, die sogenannte Supervision, wo man über die Fälle spricht und sich ein Stück weit auch davon distanzieren kann und muss.

Scarlett Magazin unterstützt die Arbeit des Weißen Rings:

Dieses Thema können wir an dieser Stelle nur mit einem kurzen Ausschnitt vorstellen. Wir haben von der Redaktion aus jedoch beschlossen, das Logo des Weißen Rings zusammen mit einer Verlinkung auf die Seite zu nehmen, um die Möglichkeit zu geben, sich dort direkt Hilfe zu holen, um mehr Informationen zu erfahren und den Weißen Ring damit zu unterstützen. In Niedersachsen sind ca. 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 41 Außenstellen sieben Tage in der Woche im Einsatz.

Zudem eine Bitte: Achten Sie auf die Menschen in Ihrer Umgebung. Helfen Sie, wenn Sie die Möglichkeit dazu haben, verurteilen Sie nicht, sondern bleiben Sie offen und nutzen Sie als Betroffene die Hilfsangebote von Polizei und Notdienst, sowie den Beratungsstellen. Schweigen Sie nicht. Schweigen ist feige, Reden rettet Leben.

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