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Sex and the City? – Von Vorurteilen, Männern und Frauen und dem, was uns die Serie wirklich sagen will
Scarlett - Die Kolumne

Sex and the City? – Von Vorurteilen, Männern und Frauen und dem, was uns die Serie wirklich sagen will

Allein für den langen Titel verdiene ich einen Preis. Aber was soll ich machen, ich muss doch alles in eine Überschrift quetschen, damit Sie überhaupt wissen, worum es geht. Und jetzt versuche ich, das Ganze so kurz wie möglich in eine Kolumne zu fassen.

Filmszene aus der Kultserie „Sex and the City“ mit Sarah Jessica Parker

Sie kennen vielleicht die beliebte Serie „Sex and the City“, die in den 90er Jahren das Leben von vier (zuerst) Singlefrauen in New York begleitete. Von ihren Dates, ihren Liebesgeschichten bis hin zur Familie und den damit verbundenen Problemen. In dieser Serie ging es ursprünglich um Mode, Schuhe, das Leben in New York, den Alltag, aber auch um Freundschaft, die oftmals die Familie ersetzt, um Liebe und Enttäuschungen, um Zusammenhalt und vielen Klischees.

Es ging aber auch um etwas ganz anderes: Sex. Und die Frage: Dürfen Frauen soviel Sex haben wie Männer?

Wenn eine Frau mehr als eine intime Beziehung hat, ist sie dann ein „Flittchen“, während es für einen Mann diesen Begriff – und die moralische Entrüstung – gar nicht gibt? Und obwohl wir gesellschaftlich ja immer bemüht sind, uns für Gleichberechtigung in allen Bereichen einzusetzen, leben wir gedanklich tatsächlich noch in der Generation unserer Mütter und Großmütter. Die brave Frau, die sich ihren guten Ruf erhalten muss. Und der endet spätestens beim zweiten Mann, dem dritten Freund oder gleichgeschlechtlicher Liebe. „Eine richtige Dame darf so etwas nicht“.

Frauen dürfen heute zum Mond fliegen und sogar in Männerberufen tätig sein, aber ansonsten sollten sie züchtig und zurückhaltend leben. Sie glauben das nicht? Ein Beispiel. Da gibt es einen ehemaligen Politiker, der schon mehrfach verheiratet war. Okay, eigentlich gibt es derer sogar mehrere. Jedenfalls scheint dieses „Ja-Wort“ nicht unbedingt für die Ewigkeit zu gelten oder vielleicht hat er als Politiker auch die Idee, dass man sich nicht an sein eigenes Wort halten muss. Natürlich wird darüber gelächelt. Aber das war es dann schon.

Eine Frau in der Sitution muss sich schon einiges mehr – und vor allem Abwertendes – gefallen lassen. Von „man kann sich ihren Nachnamen schon gar nicht mehr merken“ über „Männerverschleiß“ bis hin zu „die war schon immer ein Flittchen“ kommen einige negative Sätze zum Vorschein.

Und so ist das Intimleben von Frauen doch eher ein Tabuthema.

Küss nicht zu viele Frösche, es wird nicht besser

Weiser Ratschlag einer Großmutter

Ein Auto musst Du auch vor dem Kauf Probefahren

Weiser Rat einer Autorin

Die Serie polarisierte. Während die (weiblichen) Fans sich eher auf die Schuhe (Manolo Blahnik) konzentrierten und heimlich für Mr. Big schwärmten, reduzierten die Nichtkenner sie als zu pornografisch. Frauen, die wechselnde Liebschaften haben und das auch noch ausleben… Wie alltäglich ist das. Ist es nicht eher „typisch amerikanisch“? Zuviel Film? Oder wenn, dann doch nur zutreffend für eine Großstadt?

Es wurden tatsächlich einige moralische Brennpunkte in den Folgen verarbeitet, von gleichgeschlechtlicher Liebe über AIDS bis hin zum Fremdgehen, Konvertierung und Drogen war einiges vorhanden. Komischerweise sorgte die Serie trotzdem damals für gar nicht soviel Aufregung, wie es heutzutage der Fall wäre.

In den 90ern rauchte man noch in den Bars und erfror nicht auf dem Balkon, es gab Mobiltelefone, aber man nutzte sie tatsächlich zum Telefonieren, nicht zum Surfen im Internet. Die Menschen trafen sich noch live in Cafés und verbrachten ihre Zeit nicht beim Skypen. Wenn Dein Partner Dich betrogen hat, hast Du es selbst herausgefunden oder man hat es Dir erzählt. Heute stalkst Du den anderen im Internet, verfolgst seine Onlinespuren. Überhaupt redet man heute viel mehr übereinander als miteinander. Und regt sich zu sehr über Dinge auf, die zu anderen Zeiten nicht mal annähernd wichtig waren. Man erschafft sich künstliche Probleme und zeigt sich echauffiert nach Belieben. Und wir sind so scheinheilig geworden: Predigen Wasser und trinken doch lieber Wein.

Wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, uns Gedanken über andere zu machen, anstatt „vor der eigenen Türe gepflegt zu kehren“ und sich daran zu erinnern, was auch heute noch Bestand hat: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Und witzigerweise fühlen sich dabei immer genau diejenigen auf die Füße getreten, die gemeint sind, sich auch erkennen und beim Blick in den ihnen vorgehaltenen Spiegel sich aber erbost abwenden. Wir holen den moralischen Zeigefinger nur zu gern heraus – bei anderen wohlgemerkt. Und so lange sich noch genügend finden, die uns zustimmen, funktioniert das Bestens. Wehe dem, der keine Freunde hat. Auch so ein neues Produkt der Gegenwart: Mobbing. Nicht nur im Job, sondern auch privat.

Und dieses „über die Grenzen gehen“ und Achtung und Respekt voreinander zu verlieren, zieht sich nicht nur über das anonyme Internet, wo es scheinbar keine Hemmschwelle mehr gibt und wir völlig fremden Menschen unsere Meinung kundtun, und dass in einem Ton, der nicht nur eine gute Kinderstube, sondern auch einen guten Duden vermissen lässt. Vielmehr auch durch unser Leben außerhalb des www.

Seit wann sind wir so kritisierend geworden? Und seit wann ist das Leben der anderen spannender als das eigene? Und warum gibt es so viele Moralapostel überall und so wenig Solidarität und Mitgefühl?

Wann haben wir verlernt, uns und unserer Meinung zu vertrauen und sind dazu übergegangen, uns Rat und Hilfe von völlig Fremden zu holen, aus dem Internet, dem toten Gegenüber? Und warum müssen wir neuerdings alles schlechtmachen, was uns nicht gefällt? Warum müssen wir alles kritisieren und kommentieren und unser Fähnchen in den Wind hängen, der gerade angesagt ist? Wann haben wir aufgehört, selbständig zu denken, zu vertrauen und uns ein eigenes Bild vom anderen zu machen?

Und warum haben die Frauen sich ihre Freiheit – in jeglicher Hinsicht – erkämpft, um dann wieder gesellschaftlich in die uralte Schublade zu rutschen? Lästern über andere, dass gab es doch schon in den Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Das klingt sehr nach 50er Jahre, wo die Frau doch eher keine eigene Meinung haben sollte.

Macht uns das Internet gefühlloser? Leben wir eigentlich nur noch in einer Cyberwelt und das Leben existiert nur noch online?

Und dann ist es durchaus entspannend, sich eine Serie anzuschauen, in der es darum ging, was uns wirklich ausmachen sollte: Zusammenhalt. Füreinander dasein und nicht sich gegenseitig zu verletzen und zu hintergehen. Den sozialen Medien nicht zuviel Aufmerksamkeit zu geben, sondern sich lieber im HIER und JETZT befinden. Statt stalken lieber das Gegenüber selbst befragen. Und wenn Sie das Gegenüber sind, auch besser ehrlich bleiben, denn die Wahrheit ist sicherlich irgendwo sowieso sichtbar. Und am Ende hilft uns auch nur das weiter. Das – und der Gedanke, wie wäre es, wenn ich in den Schuhen des anderen stecken würde? Wie würde ich mich fühlen?

Bevor wir verurteilen sich doch lieber die Frage stellen, warum tun wir das gerade? Was steckt dahinter? Sind es nicht eher andere Gefühle, wenn wir uns moralisch über den anderen erheben?

Zurück zur ursprünglichen Frage und zur Doppelmoral: Warum dürfen Frauen nicht auch ihr Leben so leben, sich ausprobieren und etwas Neues wagen, ohne dass sie abgestempelt werden? Was ist eigentlich die männliche Form von „Flittchen“ oder wie nennen wir einen Mann, der mehr als eine Beziehung hatte?

So, ich mache es mir mit einem Eiskaffee gemütlich. Im Fernsehen wird „Sex and the City“ wiederholt. Und irgendwie steckt in jeder Frau doch eine Samantha, Carrie, Charlotte oder Miranda. Und in jedem Mann steckt doch ein Aiden, Steve, Mr. Big oder Smith. Konzentrieren wir uns doch lieber wieder auf schöne Schuhe, Cocktails, den Job und Freundschaften und weniger auf das, wie andere leben oder was gesellschaftlich erlaubt ist. Denn – seien wir doch ehrlich – die Gesellschaft, die das vorgibt, dass sind wir doch selbst. Und wenn jeder ein wenig von den alten Vorurteilen lässt, dann sind wir auch endlich im 21. Jahrhundert angekommen. Es gibt genug Probleme in der Welt, da müssen wir nicht noch mehr vor der eigenen Haustür erschaffen. #thegrassisgreenerontheotherside #indenschuhendeinesgegenübers

#schönensonntag

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