Lernen trotz Virus? Corona vs Schulpflicht

Lernen trotz Virus? Corona vs Schulpflicht

Die Bundeskanzlerin hat es in ihrer Pressekonferenz am 15. April 2020 (bitte lesen Sie dazu HIER) schon gesagt – die Schulen sollen langsam wieder starten. Doch schon da gab es erste Unstimmigkeiten der Bundesländer. Eine einheitliche Regelung kann es so nicht geben, allein schon, weil die Ferienzeiten und Prüfungen unterschiedlich sind, so hieß es. Klar ist jedoch, dass die älteren Jahrgänge und diejenigen, die mit Prüfungen und dem Wechsel auf weiterführende Schulen zu tun haben, zuerst wieder die Schulbank drücken sollen.

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Einen Plan dazu für das Land Niedersachsen lesen Sie HIER.

Doch, so einfach, wie das klingt, ist das ganze Konzept gar nicht umzusetzen. So wenig wie die Krankenhäuser und Arztpraxen auf die Corona Pandemie vorbereitet waren, so wenig sind in Deutschland die Schulen darauf vorbereitet: „Was tun, wenn eine Pandemie auftritt?“

Und über eines müssen wir uns alle im Klaren sein: Die ersten Änderungen der bisherigen Einschränkungen bedeuten keinesfalls, wir nähern uns dem Ende der Pandemie, sondern nur der Versuch, ein Mindestmaß an dem, was wichtig ist, gewährleisten zu können unter den derzeitigen Bedingungen und eine Verhinderung des wirtschaftlichen und schulischen Zusammenbruchs in Deutschland.

Ein Ende der Corona Pandemie ist jedoch erst erreicht, wenn man entweder einen Impfstoff gefunden hat, der flächendeckend wirkt und/oder ein Medikament, welches das Virus bekämpft. Da dies noch in weiter Ferne liegt, darf man die allgemeinen Lockerungen lediglich als kleine Pause verstehen. Ungeduld und die Frage: WANN dürfen wir alltägliches wieder tun, WANN ist es endlich vorbei – sind hier fehl am Platz.

Im benachbarten Nordrhein-Westfalen sollen bereits ab dem 23. April die Schulen wieder ihre Türen öffnen, auf der Homepage des Gymnasiums Porta gibt es dazu beispielsweise entsprechende Hinweise. Allerdings bislang nur für die Schüler der Qualifikationsstufe Q2. Gleichzeitig versucht man, den normalen Schulbetrieb und alles das, was demnächst anfallen würde, wie Wahlfächer etc., schon einmal anzubieten und zur Verfügung zu stellen.

An anderen Schulen wird es ähnlich gehandhabt. Doch, richtig glücklich sind viele Betroffene darüber nicht. Denn, wie soll das Sicherheitskonzept mit Hygiene und Kontaktverbot funktionieren? Wie lernt man unter den Bedingungen? Und werden die Schüler durch den erweiterten Kontakt zu Virenüberträgern zu Hause? Wie kann man den Schulweg sichern und in den Schulen besonders die Ein- und Ausgänge, sowie den Pausenhof entsprechend virenfrei gestalten?

(Community) Maske für Schüler?

War man vor einigen Wochen, als die Vorgabe der Regierung kam, die Schulen zu sofort bis Ende der Osterferien zu schließen, noch voller Hoffnung, nach den Ferien tritt wieder eine Normalität ein, muss man jetzt zugeben, dass das zu einfach gedacht war. Und scheinbar gibt es kein vernünftiges Konzept, keine Vorbereitung, nichts, was in dieser Situation entsprechend angewendet werden kann.

Und diese offene Planlosigkeit führt dann oftmals auch dazu, dass sowohl das Virus unterschätzt wird, als auch, dass unser Schulsystem zeigt, wie dringend überholungsbedüftig es letztendlich ist.

Homeschooling? Ja, bitte.

Aber dann für alle zu den gleichen Bedingungen. Wer zu Hause ohne Smartphone oder PC ist, hat schon schlechte Karten. Da, wo Eltern nicht helfen können (oder wollen?), sind die Schüler auf sich selbst angewiesen.

Schüler zu Hause dazu zu bringen, ernsthaft zu lernen, ist auch etwas, was nicht so leicht umzusetzen ist. Es lernt sich „im Rudel“ leichter. Es fehlt der gegenseitige Antrieb, die Konkurrenz, die Teamarbeit. Und es fehlt eine Lehrkraft.

Schüler des Adolfinum Bückeburg

In Bückeburg gab es für die 12. Klasse des Adolfinums erste Angaben Seitens der Fachlehrer: 6 Stunden täglich soll ab jetzt gelernt werden, die Aufgaben sind nun nicht mehr „nur so“ zur Wiederholung, sondern gelten als Verpflichtung.

Sechs Stunden? Gemeint sind aber nicht 6 Schulstunden á 45 Minuten, sondern 8 Schulstunden werden als 6 volle Homeschoolingstunden gerechnet.

Ganz schön viel, denn rechnet man die Unterrichtsstunde brutto auf reine netto Lernzeit runter (Abzug für Fragen, Störungen und mehr) bleiben höchstens 30 reine Lernminuten übrig, mal acht wären das insgesamt 240 Minuten, die gelernt werden sollten, dass wären vier volle Stunden am Stück. Denn, machen wir uns nichts vor, zu Hause gibt es keine Pausenregelung. Pause ist für viele „Homeschooler“ gleichbedeutend mit „damit ist der Schultag beendet“.

Was ist nun mit den Schülern, die Lernprobleme haben, wie AD(H)S, LRS, Legasteniker, Dyskalkulie, Konzentrations- oder Sprachprobleme, etc. Was ist mit Schülern, die Nachhilfe benötigen, welche seit Wochen ersatzlos weggefallen ist? Was ist mit den Schülern, die Zuhause keine Unterstützung erhalten aus diversen Gründen? Findet hier Lernen noch nach gleichen Maßstäben statt? Wie wird, wie kann bewertet werden?

Zwangswiederholung der Klasse oder Aussetzung des Sitzenbleibens?

Wie wird die bislang verlorene Lehrzeit aufgeholt? Zwangsweise die Klassen wiederholen – auch den Vorschlag gab es aus den Reihen der Bundesregierung. Aber auch das genaue Gegenteil: Sitzenbleiben wird ausgesetzt, alle Schüler erreichen die nächsthöhere Klasse. Dabei baut sich das ganze System auf die einzelnen Klassen auf, was jetzt an Wissen fehlt, wird später zum Verhängnis.

Eine Stellungnahme des Gymnasium Adolfinum war bislang nicht zu bekommen.

Wohl aber Meinungen Seitens einiger Schüler:

„Homeschooling klingt besser, als es ist. Man muss sich schon überwinden, wirklich täglich zu lernen, und dass schon früh morgens. Netflix und Co sind schon verlockend. Die Lehrer handhaben den Fernunterricht unterschiedlich, meistens bekommen wir Aufgaben, die wir zu einem Termin erledigen müssen.

Unter Freunden schreiben wir per Whatsapp, helfen uns dort, aber man muss schon für sich selbst sehen, wie man klar kommt.

Jetzt geht es ab kommenden Mittwoch für den Jahrgang 12 los, auch mit Videounterricht per Skype, was ich schon richtig peinlich finde, und man sieht auch, wie unterschiedlich die Schüler damit umgehen. Da wir nächstes Jahr Abitur haben, müssen wir jetzt Seminarthemen lernen, was aber gar nicht geht, weil wir derzeit überhaupt keinen Unterricht haben. Und die Frage ist, schaffen wir es, den Stoff fürs Abitur und die entsprechenden Klausuren dafür vorzubereiten?

Manches an Stoff ist viel, da sitzt man sehr lange dran, manches ist einfacher. Es ist für die Lehrer sicherlich schwer einzuschätzen, wieviel Aufgaben ein Schüler in einer bestimmten Zeit allein zu Hause bewältigen kann. Trotz allem fehlt die Vorbereitung durch den Unterricht.

Diese Ungewissheit – wann geht die Schule los, wie wird gewertet, was wird mit dem Abitur, den Klausuren, den Seminararbeiten, etc., dass ist schlimm. Denn fast täglich ändern sich die Meldungen. Schule ja, Schule nein, Geschäfte auf, Geschäfte zu – Eigentlich weiß doch keiner genau, was richtig ist.

Oberstufe, Gymnasium

„Also, ich finde Homeschooling so mittel – einerseits ist es entspannter morgens, man muss nicht so früh los, andererseits finde ich zwei Stunden lernen total anstrengend. Ich nehme mir oft vor, nach einer Pause noch was zu tun, aber so richtig motiviert bin ich nicht. Mit meinen Freunden zocke ich gern online, wir reden aber auch über die Schule und über das Virus.

Ich verfolge in den Nachrichten, wie sich das Virus entwickelt und gehe mal davon aus, dass wir noch mindestens ein Jahr damit zu tun haben werden. Ich hoffe, dass es einen Impfstoff gibt, der dann auch wirkt, und dass wir dann wieder alles machen können. Jetzt denkt man immer viel nach, was passieren kann und wo man sich anstecken könnte.

Mir fehlen meine Freunde, und dass man nicht ins Kino oder Schwimmbad kann. Ständig sieht man Polizeiwagen herumfahren. Und dass jeden Tag schreckliche Meldungen im Fernsehen sind. Ich mache mir auch Sorgen um meine Großeltern und überhaupt die Familie.

Schule ist wichtig, aber im Moment ist wichtiger, dass wir alle gesund bleiben. Und dass man anders lernen muss. Im Unterricht mit Mundschutz ist schwierig. Ich hab eine Maske für draußen, das ist nach einer Weile unangenehm und beim Sprechen verschiebt sie sich.

Wenn wir alle von der Schule Tablets hätten für zu Hause, dann könnten wir darüber uns austauschen. So digitale Klassen, dass wäre eine gute Idee gewesen, aber so modern sind wir leider nicht.“

Schüler, Gymnasium

Ich bin Schüler der 9ten Klasse einer Gesamtschule in Nrw. Es wird vier Stunden darüber verhandelt, ob die Länder sich einheitlich beschließen, also die Bundesländer oder ob es am Montag die Schule Öffnung wieder gibt und es wurde beschlossen, dass am 4. Mai für alle Schülerinnen und Schüler erst die Schule wieder anfängt bzw wann für die Abschlussklassen, sprich die 11 12 13. Das Ding ist einfach, es war komplett sinnlos, eine 4 stündige Konferenz im Düsseldorfer Kanzleramt zu halten, und dann musste die arme Merkel noch fast eine halbe Stunde für nichts reden und 14 h später macht jeder, was er will, besonders die „tolle“ Frau Schulministerin, und weil der Herr Laschet seinen Plan nicht durchsetzen konnte, stellt er sich jetzt gegen alle.

Dass finde ich ziemlich frech, lieber sollte sich da mal ein Beispiel an dem Herrn Söder aus Bayern genommen werden. Die Minister waren sich alle einig. Es ist einfach so, Regierung beschließt, Schulministerin und Herr L. machen direkt was anderes und überall in den Medien heißt es dann: „Wir sind froh, dass wir eine Entscheidung getroffen haben, mit der jeder zufrieden ist und es keine Alleingänge gibt.“

Außerdem muss dann jeder eine Mund Nasen Maske tragen, aber ganz ehrlich, wer hält sich schon daran?

Meine Nachbarn grillen trotz Kontaktverbot, die Kinder spielen miteinander, warum? Weil man da mal wieder sieht, dass der Herr Laschet sich nicht durchsetzen kann, unabhängig von unserer Schulministerin, die noch vor dem Treffen selbst gesagt hat, dass die Abiturprüfungen am 12. Mai stattfinden.

„Für alle Abschlussklassen als auch die Abiturienten, euch ist es selbst überlassen, ob ihr am Montag zur Schule geht oder nicht. Ihr könnt, müsst aber nicht“, dass wurde (vor 34 Minuten) offiziell im Internet bestätigt.

Laut Medienberichten zufolge kann das Coronavirus noch 2 Jahre andauern. Tut mir einen Gefallen, ich weiß, dass unter euch viele Leute sind, die genauso denken wie ich, nach der (gestrigen) Abstimmung über 75%. Schreibt alle zum Land NRW und zur Frau Gebauer, nur so können wir sichergehen, dass das Infektionsrisiko gemindert wird. Gute Beserung!

Searax11 /Instagram

„Hallo, ich bin zurzeit in der 12. Klasse auf der Gesamtschule
Scharnhorst. Ich finde es ganz ehrlich gesagt schlecht und sehr verwirrend, dass jedes Bundesland seine eigenen Regeln noch mal machen kann. Zum einen ist der Informationsfluss sehr eingeschränkt, zum anderen, warum gibt es dann überhaupt diese Sitzungen, wenn eh jeder macht was er will.

Aber was ich auch noch relativ dramatisch finde, ist ja nicht nur, dass man nicht weiß, wann man jetzt zur Schule geht, sondern auch, wenn man zur Schule geht, ob überhaupt das richtige Sicherheitskonzept in der Schule eingehalten werden kann. Ich weiß nicht, ob man sich das gut vorstellen kann, aber wenn sich Freunde oder Schüler über so eine lange Zeit nicht mehr gesehen haben, kann es ja sein oder wird es sein, dass sie sich sehr nah kommen unter 1,50 m und ich denke auch nicht, dass jeder Schüler auf diese 1,50 m achten wird, vor allem wie soll der Unterricht dann gestaltet werden? Meiner Meinung sind das alles Fragen, die bis jetzt noch keiner so richtig beantwortet hat.“

Frage Scarlett: Vielen Dank für deine Antwort! Du sprichst das an, was auch sehr wichtig ist, Hygienevorschriften hin oder her, aber wir sind alle Menschen und wir sind impulsiv. Dass zum Thema Sicherheitsabstand. Wir würden auch gern wissen, wie läuft es derzeit bei euch mit dem Homeschooling?

Antwort: „Das Homeschooling läuft relativ stressig aus meiner Sicht, wir bekommen eine Art Wochenplan Aufgabe, und die müssen wir zum Ende der Woche an die zuständigen Lehrer/Lehrerinnen senden. Hilfe so zu bekommen, also über Emails etc. finde ich leider auch sehr problematisch, weil ich finde, dass man so nicht viel daraus lernt, als wenn es jemand dir persönlich erklären könnte.

Ich persönlich bin eigentlich dafür, dass die Schulen weiterhin geschlossen bleiben, aus dem einfachen Grund, da sich meiner Meinung nach sonst die Infektionsrate wieder sehr stark anheben wird. Dass ist aber nur meine Meinung und ich bin ja auch kein Virologe oder ähnliches und kann dies auch nicht so bestimmen.“

Jan Leidag

Danke allen Schülern, die zeigen, wie sehr sie sich Gedanken machen und auch die Hilflosigkeit, die dahinter steht. Die jungen Leute sind in dem Zwiespalt: Lernen zu Hause läuft nicht so optimal, wie im Schulunterricht, gleichzeitig ist die Gefahr der Ansteckung in den Schulen und auf den Schulwegen bzw in den Pausen oder Schulbussen sehr hoch. Und dann wird über ihre Köpfe hinweg etwas bestimmt, womit man in den einzelnen Schulen umgehen muss.

Ein wichtiger Punkt: Schüler und Kontaktverbot?

Wie soll das funktionieren? Wir reden hier von Menschen, Sie wissen doch, wie es im Kopf eines Puberteenies aussieht, und dann sollen sich die Schüler stets daran erinnern, den Mindestabstand einzuhalten?

Als wir vom Magazin vor Wochen den Vorschlag machten, „öffnet die Schule und sorgt für Mundschutz und Hygiene“, gab es viele Leser, die das als „undenkbar“ abgetan haben. Wie kann man das von Kindern verlangen, wie soll das gehen?

Ministerpräsident Markus Söder hat deshalb auch in der Pressekonferenz gesagt, dass man kleinen Kindern in Kita und Kindergarten das nicht zumuten möchte.

Den älteren Kindern aber scheinbar schon! Viertklässler sollen Anfang Mai wieder zum Unterricht erscheinen. Im Durchschnitt 10jährige dürfen nach Wochen wieder zum Unterricht und es wird erwartet, dass sie sich an Einschränkungen halten, bei denen es sogar Erwachsenen zu oft schwerfällt, sich daran zu erinnern bzw selbige einzuhalten. Siehe Wochenmärkte, Parks, Baumärkte, etc. Sobald man aufeinandertrifft, vergisst man so einiges.

Und nochmals: Das Virus ist nach wie vor aktiv. Und – man sieht es niemandem an, wenn er das Virus in sich trägt.

Das Thema Schule und Schulpflicht ist in der Zeit der Corona Pandemie eine nicht überall auf einen Nenner zu bringende Aufgabe. Allerdings existiert in Deutschland die Schulpflicht bis zum Alter von 18 Jahren und diese Lücken, die jetzt entstehen, werden schwer aufzuholen sein. Und dass bis zum Herbst das Virus sich erledigt hat, davon ist nicht auszugehen. Eher „hangelt“ man sich in der Regierung von Monat zu Monat mit den Einschränkungen, und besser wäre es sicherlich, einen längerfristigen Plan – gerade für die Schulen – einheitlich aufzustellen.

Das intensive Homeschooling soll jetzt die Vorbereitung sein, für den demnächst wieder stattfindenden Schulunterricht. Alles in kleinen Klassen, alles mit hohen Hygienevorschriften und nur die Fächer, die keinen direkten Kontakt bieten, dass heißt Sport und ähnliches fällt dementsprechend aus.

Vermutlich wird man auch nach Wertigkeit entscheiden und sich auf die Haupt- bzw prüfungsrelevanten Fächer konzentrieren.

Schon jetzt weisen aber einige Eltern darauf hin, das schlechte Noten, die auf mangelnde Vorbereitung aufgrund des Virus zurückzuführen sind, durchaus als Klagegrund angesehen werden könnten. Am Ende wird es immer jemanden geben, der eine aktuelle Regelung in Frage stellt.

Ganz wichtig also die Frage: Was wirkt stärker, die gesetzliche Schulpflicht oder der Schutz jedes Einzelnen vor Ansteckung?

Bleiben Sie gesund!

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