Sally Perel – „Wenn Dein Leben in Gefahr ist, lüge!“

Sally Perel – „Wenn Dein Leben in Gefahr ist, lüge!“

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„Hitlerjunge Salomon“ zu Gast im Gymnasium Adolfinum

Es gibt Begegnungen, die zähle ich zu den Sternstunden. Wenn man jemanden kennenlernt, der ein Stück Geschichte verkörpert und eine Zeit lebendig macht, die nicht rühmlich für Deutschland war, aber gerade deshalb so wichtig ist und niemals in Vergessenheit geraten darf, dann ist das so eine Sternstunde.

Vor kurzem kam mein Kind aus der Schule und erwähnte einen Vortrag. „Das kann nichts Gutes sein, wenn der Lehrer davon begeistert ist“, so die kritische Aussage. Umso erstaunter war es dann, als ich völlig begeistert war. „Den gibt es also wirklich?“ Die Rede war von Sally Perel, auch bekannt als „Hitlerjunge Salomon“, der gerade im Fernsehen auf RTL über seine Lesereise sprach. Nun sollte er zum Ende dieser Reise auch Station am hiesigen Gymnasium machen. Der letzte Termin, bevor er wieder nach Hause, nach Tel Aviv, reist.

Heyne Verlag

Schulleiter Michael Pavel erzählte, dass er ihn bereits vor 17 Jahren einmal erlebt habe und – man möge ihm verzeihen – nicht sicher war, ob Perel noch zu Vorträgen unterwegs sei. Nun wäre er sehr dankbar, wieder einmal Sally Perel hören und sehen zu dürfen. Und wie sehr diese Begegnung bewegen kann, dass merkte man Pavel deutlich an. Nicht damit gerechnet hat er sicherlich, dass auch die Schüler sich so berührt zeigten und sich im Anschluss an den ersten von zwei Vorträgen so viele junge Leute fanden, die unbedingt ein Autogramm wollten und dazu noch Fragen stellten. Man möchte Sally Perel am liebsten quer durch alle Schulen schicken, denn eindringlicher kann man keine Ereignisse näherbringen. Perel will nicht belehren, er zeigt nur ganz klar auf, wie schnell Menschen falschen Denkweisen verfallen können und wie formbar gerade junge Leute sind, die sich leiten lassen von Lügen, Parolen und Ideologien, die wie Gift sich in junge Köpfe festsetzen. Sein wichtigstes Anliegen ist es, die Jugend zu Selbständigkeit und kritischem Denken zu erziehen.

Während meiner Schulzeit habe ich anklagend meine Großeltern und Eltern gefragt, „wie kann man einem einzelnen Führer so fanatisch und blind folgen?“ Meine Familie ist vertrieben worden von der deutschen Wehrmacht, ihre Geschichten waren mir wohlbekannt. Nicht aber die Hitlerpropaganda. Sally Perel hat die Antwort. Adolf Hitler war ein guter Redner, der charismatisch war und begeistern konnte. Er wusste, was die Menschen hören wollten und wie er sich ihnen gegenüber darstellen musste. Und sein Aufruf zum Völkermord war kein Geheimnis, bereits in seinem Buch „Mein Kampf“ stellte er seine Ideen vor. Er propagierte dieses Denken und erreichte damit die Massen, die ihm in so großer Zahl folgten. Und Perel geht noch weiter und sagt in aller Deutlichkeit, dass es auch heute wieder so ist, dass Menschen falsche Gedanken propagieren und damit Erfolg haben. Damals jedoch machte das Land von Kant und Schiller 1935 ein Gesetz zum Völkermord, in dem es die Nürnberger Rassengesetze beschließt.

Warum? Weil gerade in Zeiten, in denen die Menschen Sorgen haben und Not leiden es jemand sehr leicht hat, der ihnen verspricht zu helfen und einen Sündenbock sucht, dem man die Schuld daran geben kann. Das zumindest ist meine persönliche Meinung. Und auch Perel ist davon überzeugt, dass man davor warnen muss, damit sich die Geschichte – trotz des Wissens um die schlimmen Folgen! – nicht wiederholt.

Sally Perel

Foto: Sabine Christel

Er bezeichnet sich selbst als letzter lebender Zeuge dieser Zeit und ist damit auch derjenige, der all das, was in vielen Geschichtsbüchern in dürren Worten niedergeschrieben ist, lebendig macht. Und so begrüßte er die anwesenden Schüler: Er sei dort in der Rolle als Geschichtslehrer, obwohl er eigentlich gar keiner sei. Aber, die besten Geschichtslehrer sind die Zeitzeugen, die gelebte Geschichte erzählen können. Das habe schon der Regisseur Steven Spielberg gesagt, als er „Schindlers Liste“ gedreht habe. Er sagt: „Wir sind lebende Geschichtslehrer und wir beschäftigen uns mit der Frage: Was wurde in Deutschland falsch gemacht, zur Zeit der Weimarer Republik und VOR der Zeit des Nationalsozialismus? Damit muss man sich beschäftigen, damit sich die Fehler nicht wiederholen.“

Und er sagt klar in seinen Lesungen an Schulen: Ihr seid der Beweis, dass ihr euch weigert, geschichtsfrei zu leben. Viele Jugendliche wollen es nicht wissen und tun diese Zeit als Lüge ab. Siehe auch „Ausschwitz-Lüge“.

„In meinen Augen sind es Dummköpfe, wenn sie die Wahrheit nicht wissen. Aber wenn sie die Wahrheit wissen und sie leugnen, dann sind es Verbrecher.
Wer diese Vergangenheit in Frage stellt, kann die Zukunft nicht gestalten, nicht frei atmen.“

Sally Perel, Dezember 2019 zur Leugnung des Holocaust

Und Sally Perel schaffte mit seinem Vortrag etwas, was unglaublich ist: Er erreichte mit seinen Worten die Schüler der Klassen 5 – 12, die anfangs noch mehr oder weniger interessiert auf ihren Plätzen saßen und auf den Beginn der Veranstaltung warteten. Um mich herum hörte ich einige, die von ihren Eltern informiert wurden und ihnen zuliebe ein Buch gekauft haben und nun gespannt sind, wer dieser Hitlerjunge eigentlich ist. Trotzdem sitzt hier eine Generation, die höchstens noch aus den Erzählungen der Groß- eher der Urgroßeltern etwas aus dieser Zeit erfahren hat. Und so eine große Anzahl von Schülern gleich zu begeistern, ist nicht leicht zu schaffen.

Dieser mittlerweile 94jährige ältere Herr ist so klug und klar in seinen Ausführungen, blickt wachsam über die Anwesenden. Mit klarer Stimme beginnt er zu erzählen. Es ist keine Lesung, sondern Perel ist ein Geschichtenerzähler.

Begeisterte Schüler bei der Signierung des Buches – Foto: Sabine Christel

Geboren wurde er am 21. April 1925 in Peine, einer kleinen Stadt in Niedersachsen und erlebte eine anfangs unbeschwerte Kindheit. Alles das, was ein gewisser Adolf Hitler in seinen Reden von sich gab hörte er wohl, aber er verstand es nicht, als Kind waren ihm andere Dinge wichtiger. Ernst wurde es erst, als er im Zuge der Rassengesetze (1935) die Schule nunmehr als Drittklässler verlassen musste, weil er als Jude nicht an einer deutschen Schule unterrichtet werden durfte. Ausgegrenzt wegen seiner Religion, etwas, wofür er gar nichts kann, und was bis heute unverständlich sein sollte.

So änderte sich sein Leben, denn seine Familie beschloss später nach Polen zu gehen. Kaum hatte Sally sich mit der polnischen Sprache angefreundet, wurde Polen im September 1939 von Deutschland überfallen und der erste Weltkrieg begann. Die deutschen Besatzer errichteten im Zuge dessen Mitte 1940 einen eigenen Bezirk, in den sie die vielen jüdischen Mitbürger (250.000) unterbrachten, es war das sogenannte Warschauer Ghetto. Sallys Eltern waren jedoch weitsichtig genug, um zu erkennen, dass sie zwar lebend in dieses Lager kommen würden, jedoch dieses nicht mehr lebend verlassen werden. Sallys Bruder David befand sich als polnischer Soldat in deutscher Kriegsgefangenschaft, die Eltern beschlossen also, dass Sally und sein älterer Bruder Isaak sich nach Russland durchschlagen sollten, während Vater, Mutter und Schwester Bertha in Lodz, später im Ghetto, bleiben wollten. Und so nahmen sie schweren Herzens von Sally und seinem älteren Bruder Abschied und schickten sie heimlich fort, sie sollten fliehen vor den deutschen Besatzern. Erst viele Jahre später verstand Sally, wie groß das Opfer war, dass seine Eltern für ihn gaben. Er ahnte damals nicht, dass er seine Eltern niemals wiedersehen würde. Nur die Worte, die sie ihm mit auf den Weg gaben, die hat er noch heute im Ohr.

Sein Vater, ein gläubiger Rabbi, sagte ihm:

„Sally, bleib immer ein Jude, verleugne niemals Deinen Glauben.“

Und seine Mutter sagte:

Geh, Junge, geh, Du sollst leben.“

Und diese drei Worte „Du sollst leben“ sind es gewesen, die ihm sein Leben gerettet haben. Seine Mutter, die ihre Kinder fortschickte, in eine ungewisse Zukunft und alles dafür tat, um ihr Leben zu retten, mit dem Wissen, dass sie ihres verlieren würde, hatte die übermenschliche Kraft dies zu tun. Für Sally der größte Liebesbeweis, den eine Mutter erbringen kann, Mutterliebe in ihrer höchsten Form.

Sally schlägt sich mit seinem Bruder in den sowjetisch besetzten Teil Polens, bis zur ostpreußischen Grenze, durch. Er kommt in ein Kinderheim, wo Sally wieder ein Stück Normalität mitnehmen kann. Wieder geht er zur Schule, aber nachts quält ihn das Heimweh zur Mutter. Was er in der Zeit gelernt hat, weiß er nicht mehr. Kinder, die so unter einer Seelenqual leiden, können nicht lernen. Sein Bruder findet Arbeit in der Stadt Wilna, doch nach zwei Jahren, als Deutschland den totalen Krieg gegen die Sowjetunion führt, müssen alle aus dem Kinderheim fliehen. Wieder muss Sally sich auf den Weg machen, ohne zu wissen, wo es ihn hinführt. Der Weg nach Minsk war die Hölle, alles voller Feuer, so stellt man sich ein Inferno vor. Unterwegs verliert er die übrigen Bewohner des Heims, schlägt sich allein durch. In Minsk wurden alle Flüchtlinge gesammelt und von der deutschen Wehrmacht eingekesselt. Sie mussten sich in langen Reihen aufstellen, die Juden wurden sofort aussortiert und im nahe gelegenen Wald erschossen. Und ein Leugnen des Judentums war nicht möglich, denn die jüdischen Jungen werden nach ihrer Geburt beschnitten, was die Wehrmacht einfach überprüfte, in dem die Jungen und Männer ihre Hosen herunterlassen mussten.

Sally wird zu Josef

Sally stellte sich hinten an und überlegte verzweifelt, was er tun soll. Wenn sie erfahren, dass er Jude ist, wird er sterben. Flüsternd bittet er seine Eltern um Hilfe, er will nicht sterben. Und versuchte zu überlegen, was er tun kann. Er nahm seinen Ausweis und bohrte mit dem Absatz seines Schuhs ein Loch in die weiche Erde, dort vergrub er seine Papiere. Dabei schob sich die Schlange immer weiter vorwärts. Sally hörte die Stimme seines Vaters im Ohr: „Verleugne nie, dass Du Jude bist, sonst verlässt Dich Gott.“ Aber dann hörte er seine Mutter sagen: „Sally, Du sollst leben.“ Und dieser Satz wirkte viel stärker auf ihn. Ja, man soll nicht lügen. Aber – wenn das eigene Leben auf dem Spiel steht, dann muss man zu dieser Waffe greifen. Und Sally will leben, so, wie es seine Mutter für ihn wollte, die ihr Leben für ihn gegeben hat, die ihn fortschickte, damit er eine Chance hat. Und als es an ihm war zu reden, antwortete er auf die Frage des Soldaten: „Nein, ich bin doch kein Jude!“ Und er ist so überzeugend, dass der Soldat ihn ohne Überprüfung durchlässt. Mehr noch, er wird als Beutedeutscher mitgenommen, später dann als Wolgadeutscher betitelt. Und obwohl Sally ein äußeres Merkmal hat, dass ihm kurz nach der Geburt in Form seiner Beschneidung eindeutig als Juden ausweist, verzichtete der Soldat auf die körperliche Überprüfung. Nur Sally durfte die Hosen anbehalten.

Viele Jahre später, hat der Stern ein Interview geführt, mit Sally und einigen anderen aus der damaligen Zeit und besagter Wehrmachtssoldat wurde gefragt, was ihn veranlasst habe, Sally so uneingeschränkt zu glauben. Und dieser erzählte, es sei eine Stimme in ihm gewesen, die ihm sagte, „Glaub diesem Jungen.“

Damals, als sich der angebliche Blitzkrieg der Deutschen hinauszögerte, wurde Sally, der sich den Namen Josef gegeben hatte, auf die Akademie der Hitlerjugend nach Braunschweig geschickt. Vorher war er als Übersetzer für die deutschen Soldaten eingesetzt. Auf dieser Schule wurden er und andere Hitlerjungen ausgebildet. Er lernte, wie ein Nationalsozialist zu denken, die Parolen auswendig zu sprechen und die Ideologien der NS anzunehmen. Auf die Frage, wie das möglich sei, entgegnete er, dass er innerlich gespalten war: einerseits Josef „Jupp“, der Hitlerjunge, andererseits Sally, der Jude. Und dies geschah, weil die tief in ihm verwurzelten Schutzmechanism einsetzten, die ihm dazu verhalfen, diese Rolle nicht nur zu spielen, sondern auch so zu sein. Er war nicht nur als Hitlerjunge verkleidet, sondern identifizierte sich damit.

Aber mit einem Thema war er nicht einverstanden, mit der Rassenkunde, in der es darum ging, das jüdische Volk zu vernichten. Er verstand durchaus die Denkweise der Nationalsozialisten, die sich als Herrenrasse ausgaben. Und er versteht auch heute noch, wie so etwas funktionieren kann. In dem man jungen Menschen einredet, sie seien etwas Besonderes. Das schmeichelt vielen und es fördert auch die Überheblichkeit und den Größenwahn, vieles in der damaligen Zeit beruhte auf allein diesem Größenwahn. Man manipulierte das Denken junger Menschen, die aufgrund ihres Alters Dinge und Aussagen weder hinterfragten noch richtig einordnen konnten. Sie glaubten, was man ihnen sagte. Sie folgten den Aufrufen und Parolen. Sie sangen inbrünstig vom Sieg und Perel sagt heute mit tiefem Bedauern, dass man sich an diesen Jungen versündigt hat, denn man hat ihnen falsche Ideologien eingeprägt, aufgrund dessen sie später auf den Schlachtfeldern elendig gestorben sind. Und stattdessen hätten diese Jungen heute stolze Großväter sein können, die ihr Leben nicht so sinnlos verloren hätten.

Was aber waren die Ideologien der Nationalsozialisten?

Sie waren der Ansicht, dass es einen Gott nicht gibt, sondern das die Natur die Gesetze vorgibt. Alles klang so wissenschaftlich, denn sie übernahmen den Darwinismus, die darin enthaltene Logik überzeugte die Jugend schnell. Der Schlüssel war die Evolution, die Gesetze zur Entwicklung der Menschheit. Wenn man jeden Tag dieses Gift gesagt bekommt und man Jungen im Alter von 14, 15, 16 Jahren sagt, „Du gehörst zur Rasse der Auserwählten“, das pusht, das macht überheblich. Diese Jugend hatte zu wenig Allgemeinwissen, um sich zu wehren, um Dinge in Frage zu stellen. Ihnen wurde dazu gesagt, dass jeder Jude den Satan verkörpert. Sie teilten die Menschen in Rassen ein, die Jüdische galt als minderwertig. Sally Perel sagt, der Rassenwahn sei das größte Verbrechen der Nazis an der deutschen Jugend.

Als Darwinismus bezeichnet man das Theoriensystem zur Erklärung der Artentransformation (Evolution) von Charles Darwin, wobei insbesondere die natürliche Auslese, d. h. das Selektionsprinzip, im Vordergrund steht. Die Darwin’sche Theorie basiert auf der Vererbung, der Variabilität und der natürlichen Auslese (Selektion). Voraussetzung darwinistischer Entwicklungen ist die Blindheit der evolvierenden Individuen gegenüber den Rahmenbedingungen. Nur unter dieser Bedingung kann von rein zufälligen Vorgängen gesprochen werden. Wer den Menschen für erkenntnisfähig hält, z. B. zur Erkenntnis eines in der Natur vorhandenen Evolutionsgeschehens, der wird das Darwin-Wallace’sche Ausleseprinzip nicht problemlos auf menschliche, zumindest nicht auf intellektuelle Phänomene, anwenden können.

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Die hochwertigste Rasse waren die Arier, blond, blauäugig und vor allem großgewachsen. Das wurde auch den Jungen an dieser Schule unterrichtet. Eines Tages sprach der Lehrer davon, anhand von Beispielen den Schülern zu erklären, woran man die Juden erkennt und wie die übrigen Rassen äußerlich erkennbar sind. Und wieder zitterte Sally um sein Leben, denn war er nicht ein typischer Jude? Und als der Lehrer ihn zur Tafel rief und ihn als Balticdeutschen einordnete, da dachte Sally bei sich, wenn der Lehrer wüsste, wieviel Jude tatsächlich in ihm steckte und er es nicht mal gesehen habe.

Aus dem Publikum kam später die Frage, ob Sally nicht Angst gehabt habe, und er antwortete darauf „doch, jeden Tag“. Nur verliert sich die Angst etwas, weil man nicht unaufhörlich mit der Furcht leben kann. Man arrangiert sich, passt sich an, um zu überleben. Tagsüber war er der brave Hitlerjunge Jupp und nachts der weinende Junge Sally, der seine Familie schmerzlich vermisste und sich zu seinen Eltern ins Ghetto sehnte. Beide Jungen waren in einem Körper vereint, bekämpften sich, führten zu einer inneren Zerrissenheit. Noch heute, in seinem hohen Alter, leben diese beiden Seelen in ihm.

Und die ständige Angst, entdeckt zu werden, versuchte Sally zu lindern, in dem er sich selbst zu trösten begann. Nie habe er an Selbstmord gedacht, man will doch nicht sterben, ohne vorher gelebt zu haben. Er habe sich selbst Mut gemacht, sich vorgestellt, dass unter den Uniformen der Soldaten Menschen sind, die würden ihn doch nicht so einfach töten wollen?

Die Schüler in den Schulen in Israel fragen ihn oft, ob er sich als Verrat an den Juden sieht? Und er sagt, nein, denn er habe sich niemals freiwillig gemeldet, dass Schicksal habe ihn gegen seinen Willen hineingeschleudert, um zu überleben, habe er alles getan. Der Drang zum Leben ist in jedem Menschen vorhanden.

Die Suche nach den Eltern

Eines Tages nahm Sally einen Urlaubsschein und fuhr zum Ghetto nach Polen, um dort nach seiner Familie zu suchen. Er wollte zu ihnen und bei ihnen bleiben. Vor dem Ghetto musste er jedoch feststellen, dass er nicht so ohne weiteres hineinkam. Allerdings fuhr eine Straßenbahn direkt durch das Ghetto, die bestieg er. Nur gab es im Inneren gar keine Haltestelle, weil die Juden nicht mit der Bahn fahren durften, stattdessen fuhr die Bahn, fest verriegelt, quer durch das Ghetto hindurch. So suchte Sally vom Fenster aus nach seinen Eltern und fuhr die ganzen 12 Urlaubstage mit der Bahn hin und her. Er fand sie allerdings nicht, nur was er sah, erschreckte ihn zutiefst. Gefrorene Tote, die man nicht einmal weggebracht hatte, hungernde Menschen, eingepfercht auf zu engem Raum. Diese Bilder verfolgen ihn noch heute.

Warschauer Ghetto

So fuhr er doch wieder zurück nach Braunschweig. Er wusste zu dem Zeitpunkt auch nichts vom Schicksal seiner Schwester. Diese blieb ja zuerst bei den Eltern im Ghetto, doch als die Aufforderung zum Weitertransport kam, sorgten die Eltern dafür, dass sie fliehen konnte. Sie gehörte einer Reinigungsgruppe an und kehrte nicht ins Ghetto zurück, sondern machte sich auf den Weg zum Kinderheim, in dem Sally damals noch war. Eine Nacht lang blieb sie dort und sie teilten gemeinsame Erinnerungen. Dann ging sie zum gemeinsamen Bruder nach Wilna. Erst als Sally das Buch schrieb, dass war 1985, erfuhr er vom Schicksal seiner Schwester.

Seine Schwester Bertha war mit seiner Schwägerin in ein Lager gekommen, bei einer Verlegung zu einem neuen Lager, froren ihr im Winter bei dem langen Fußmarsch die Hande und Füße ein, so dass sie nicht mehr gehen konnte. Obwohl die Schwägerin alles versuchte, um sie zu stützen, hatte Sallys Schwester keine Kraft mehr. Ein junger Soldat der Wehrmacht erschoss sie daraufhin kaltblütig mit einem Genickschuss. Die Schwägerin behielt diese Geschichte bis zum Schreiben des Buches für sich.

Auch die Eltern Sallys überlebten nicht, nur zwei Brüder von ihm, Isaak (dessen Frau zusammen mit Bertha im Lager war) und Daniel überlebten den Holocaust.

Sally lebte vier Jahre als Hitlerjunge Josef unter den Nationalsozialisten. Vier Jahre wie eine Ewigkeit unter der „Haut des Feindes“, wie er sagt. Vier Jahre unter Christen, die sich wenig christlich verhielten, die Familien hatten, teilweise Kinder, Haustiere, die liebten und trotzdem so kaltblütig töteten und Parolen verbreiteten, bar jeder Menschlichkeit. Irgendwo hoffte Sally, muss doch Menschlichkeit in ihnen sein. Denn die Nazis waren doch auch getaufte Christen. Seit 2000 Jahren gibt es doch die christliche Nächstenliebe. „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“. Das muss doch bewiesen werden. Aber – so sagte er, die Hitlerjugend wurde zum Hass erzogen. Alles, was ausländisch war, wurde gehasst und abgelehnt. Alles was jüdisch war, wurde gehasst. Alles, was nicht deutsch war, wurde verboten. Hass war der wichtigste Bestandteil der Nazipropaganda. Die heutigen Neonazis haben das perfekt übernommen.

Wenn Sally heute in Schulen unterwegs ist, auch in Israel, wird er oft gefragt, wo Gott war in der Zeit. Weil einem Christen doch immer gesagt wird, Gott ist überall. Und darauf hat Sally eine Antwort. Er sagt:

1 1/2 Millionen (1.500.000) jüdische Kinder wurden in Ausschwitz verbrannt.

Ausschwitz, Polen

Und wenn Sally Perel an die 1 1/2 Millionen Kinder und Säuglinge denkt, die in den Gaskammern durch die Nationalsozialisten getötet wurden, dann sagt er, „nein, Gott war nicht vor Ort. Ein Gott kann nicht da gewesen sein, wo man Kinder tötet.“ Und er sagt sehr eindringlich zu den zuhörenden Schülern, dass er am liebsten mit den Tränen dieser verbrannten Kinder alle Jugendlichen impfen würde als Schutz gegen die neuen Ideologien der Nazi Leugner. Er empfiehlt, dass jeder einmal nach Ausschwitz fahren sollte. So eine Lüge darf nicht durchkommen, dass sind wir alle diesen Kindern schuldig.

Konzentrationslager heute

Perel kennt die Ausschwitz-Lüge, gesagt von Menschen, die den Holocaust leugnen, die nichts wissen wollen von der Judenvernichtung, von der Vernichtungsmaschinerie Ausschwitz, davon, dass es Menschen wie Adolf Hitler geschafft haben, Millionen von Menschen in den Krieg zu schicken und zu töten.

Gaskammer, Konzentrationslager

Er sagt, dass Deutschland, das Land der Dichter und Denker, viele bekannte Menschen in der Geschichte hervorgebracht hat, an die man sich erinnere. Aber auch Himmler und Hitler gehören dazu, denn beide haben die Geschichte geprägt, auch das Böse gehöre dazu und dürfe nicht vergessen werden, nur so könne man verhindern, dass jemals wieder so etwas geschieht. Das deutsche und das jüdische Volk müsse sich auch noch zwei Generationen später damit auseinandersetzen. Die Ausschwitzinvaliden werden uns immer verfolgen, es ist nichts, was man sich einfach wie Staub von einem Mantel abschüttelt, es sitzt zu tief im Gewebe. 6 Millionen (6.000.000) Juden ermordet aus rassistischen Gründen. Als ob man sich aussuchen könnte, als was man geboren wird! Über 55 Millionen (55.000.000) Kriegstote hat der zweite Weltkrieg hervorgebracht. Sechs Jahre dauerte der Wahnsinn, der als „kurzer Blitzkrieg“ angekündigt war. Dabei kann man bei einem Krieg immer nur den Beginn bestimmen, niemals das Ende. Denn der Feind schießt auch nicht mit „Bonbons“ und man weiß nie, wie es enden wird. Das muss sich jeder von uns vor Augen halten!

Kriegsgräber

Und zu diesem Krieg sagt er: Das Judentum hat Deutschland nie den Krieg erklärt. Stattdessen haben auch die Juden im ersten Weltkrieg heldenhaft neben allen anderen gekämpft. Dann hieß es: Deutschland vergisst nie seine Helden. Lüge, alles Lüge. Fast jeder Krieg beginnt mit einer Lüge.

Und am Ende sagt Sally Perel etwas, was sich tief in das Gedächtnis der anwesenden Schüler, Lehrer und Gäste einprägen soll:

„Da ich euch diese wahre Geschichte als Zeitzeuge erzählt habe, habe ich euch damit ebenfalls zu Zeitzeugen der Geschichte gemacht. Erzählt sie weiter, gebt sie weiter an eure Familien, damit sie niemals in Vergessenheit gerät. Das ist mein Auftrag an euch.“

Sally Perel, Bückeburg, Dezember 2019

Und Sally Perel schaffte es, dass die Schüler, aus unterschiedlichen Familien, unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Religionen beeindruckt zuhörten, er erreichte das, was viele Politiker nicht schaffen, sich gegen die derzeitigen Parolen indiskutabler Parteien durchzusetzen, er bringt die Anwesenden zum Nachdenken, sie stellen Fragen, sie wollen begreifen, wie man aufgrund seiner Religion zum Tode verurteilt werden kann, warum Menschen, die Christen sind, sich gegenseitig bekämpfen und wie man es schafft, so viele Menschen für diese Lügen zu begeistern.

Foto: Sabine Christel

Sie fragen, wie Sally sich gefühlt habe, ob sein Elternhaus in Peine noch steht, wo er jetzt lebt. Und Sally hat eine unbeschreiblich positive Ausstrahlung und eine Lebensfreude, die demütig und sprachlos macht. Er ist gelebte Geschichte und er erreicht allein durch seine Art davon zu erzählen, dass die Nazizeit nichts ist, was man irgendwann mal gehört oder davon gelesen hat, sondern, dass es in den Familien zu Gesprächen kommt, dass die Schüler später in den Klassen Fragen stellen, sich gegenseitig ihren Eindruck mitteilen.

Schüler Gymnasium Adolfinum – Foto: Sabine Christel
Foto: Sabine Christel

So war es auch bei uns. Meine Kinder stellten Fragen, waren beeindruckt von Sally und besonders davon, einen Zeitzeugen persönlich getroffen zu haben. Und ganz am Ende ist es so, wie Sally Perel gleich zu Beginn seines Vortrags erzählt hat: Die wahren Geschichtslehrer sind die Zeitzeugen. Und ihre Aufgabe ist es, ihre Geschichte weiterzugeben.

Der Talmud sagt: »Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten.“

Sally Perel, es war eine ganz besondere Ehre, Sie persönlich kennenlernen zu dürfen.

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