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Röhrkasten – Warum es auf dem Land so schön ist

Eine Geschichte über Ramazotti, Baumpaten und Vogelhütten

Röhrkasten. Irgendwo in Niedersachsen gibt es den idyllischen Ort mit gerade mal 290 Einwohnern. Angegliedert an die Stadt Obernkirchen, ohne eigenen Ortsbürgermeister und so unauffällig, dass man durchaus die Abzweigung verpasst, wenn man sich auf den Weg macht, dieses schöne Fleckchen Erde zu besuchen.

Dass es sich aber lohnt und wie schön das Landleben ist, wenn Jeder Jeden kennt und man gern mal auf einen „Schnack“ oder einen „Lütten“ sich trifft, dass erzählen wir Ihnen jetzt hier:



Röhrkasten

Zuerst ein paar Zahlen, Daten, Fakten… Die Ortschaft Röhrkasten gehört zur Stadt Obernkirchen. Obernkirchen liegt am Westhang der Bückeberge in Niedersachsen. Röhrkasten liegt etwa 200 m über NN, die Postleitzahl ist 31683. Obernkirchen teilt sich auf in drei Stadtteile: Vehlen, Gelldorf und Krainhagen – und der Ortschaft Röhrkasten. Röhrkasten wurde am 01. März 1974 eingemeindet und hat keinen eigenen Bürgermeister, dafür einen Ortsvorsteher, dass ist Heinrich Struckmeier.

Die Ortschaft Röhrkasten geht auf einen Adelshof derer zu „Rotherkissen“ (auch „Rorekersen“, „Rorekessen“, „Rorkarssen“) zurück. Eine Urkunde aus dem Jahre 1185 beweist die frühere Existenz. Um diesen Adelshof siedelten sich im Laufe der Jahrhunderte andere Bauernhöfe und Handwerker an. So entstand im Laufe der Jahrhunderte die Ortschaft Röhrkasten.

Das hat Wikipedia rausgefunden

Wenn man auf dem Weg in Richtung Obernkirchen ist, gibt es kurz nach dem Kreisel eine Abzweigung nach Röhrkasten. Die übersieht man allerdings leicht, hier muss man schon genau hinsehen. Aber – folgt man dem Schild „Röhrkasten“ entdeckt man eine Sammlung von Häusern, Feldern, eine Freiwillige Feuerwehr, viel Grün, viele interessierte Menschen und: eine neue Obstbaumwiese. Denn seit November 2017 gibt es ihn, den Verein „Dorfgemeinschaft Röhrkasten“, mit immerhin schon 68 Mitgliedern und vielen Fans.

Wer hat es sich ausgedacht?

Tobias Kranz (l.) und Lukas May hatten die Idee, etwas mehr für ihr Dorf zu tun – Foto: Sabine Christel

Die Idee dazu stammt von dem – sowieso sehr aktiven – Duo Tobias Kranz und seinem Cousin Lukas May. Kranz? Der Name kommt Ihnen bekannt vor? Richtig, es ist der Stabsquartiermeister „Q“ von den Bürgerschützen Obernkirchen. Noch ein ganz „junger Hüpfer“, aber mit dem Herzen an der richtigen Stelle und besonders schlägt es für seinen Heimatort Röhrkasten.

Idylle gesucht? Die gibt es hier, auf der neuen Obstbaumwiese in Röhrkasten – Foto: Sabine Christel

„Röhrkasten wird gern vergessen“, sagt er und: „weil wir eben so klein sind“. Und deshalb erhält man auch nur wenig finanzielle Unterstützung, die ja nach Größe der Ortschaften verteilt wird. Röhrkasten hat „nur“ einen Ortsvorsteher, keine Ratsvertretung, keinen eigenen Bürgermeister. Dafür aber wohl die engagierteste Freiwillige Feuerwehr, bei der fast jeder Dorfbewohner mitwirkt. Und wie gut der Brandschutz im Ort funktioniert konnte man kürzlich bei einem Feuer erleben, wo schnell geholfen wurde und man auch hinterher jede Unterstützung anbietet.

So ist das eben auf dem Dorf. Jeder kennt Jeden, aber man ist auch untereinander sehr hilfsbereit. Da gilt noch ein Wort und ein Handschlag. Oder – wie Tobias Kranz es auf den Punkt bringt: „Man will ja nicht, dass schlecht über einen geredet wird.“ Denn – im Dorf sprechen sich viele Dinge schnell herum. Informativer als jede Tageszeitung und mit mehr Speed als jedes Internet erfährt man über den Gartenzaun das Neueste.

Da wird soziales Engagement und bürgerschaftliche Solidarität nicht groß beworben, sondern gelebt.

Natürlich fehlt in so einem übersichtlichen Dorf manches, was die größeren Städte drumherum anbieten, beispielsweise die Möglichkeit, abends „um die Häuser zu ziehen“. Wobei – da sind wir ganz ehrlich – die Außengastronomie in manchen Orten ist auch mehr eine Art „Klatsch- und Tratschbörse“ – nur eben mit Verpflegung.

Auf dem Dorf gibt es das nicht, da trifft man sich dann entweder bei der Freiwilligen Feuerwehr, beim Nachbarn im Garten oder auf einer Bank in der Nähe des Klippschlosses. Und wenn man dann so beim Bier ein bisschen Brainstorming betreibt und sich denkt, „was könnten wir tun, damit unser Dorf noch schöner wird und wir noch mehr gemeinschaftlich aktiv sind?“ Nun, dann gründet man spontan einen Verein. Und aus der Laune einer kühlen Dose Hopfensaft heraus und weil es in den USA ja einen neuen Spruch gab, hat man sich überlegt – Warum eigentlich nicht? Frei nach dem Motto: „Make Röhrkasten great again – Röhrkasten first“.

Das ist eigentlich schon die Entstehungsgeschichte. Aber in Niedersachsen wiehert der Amtsschimmel genauso, wie überall in Deutschland. Und manchmal ist es besser, dass man vorher nicht weiß, was alles auf einen zukommt…

Eigentlich wollten wir nur einen Verein gründen…

So einen Verein gründet man aber nicht mal eben so, da gehört ein Notar zum beurkunden dazu und genügend Leute, die sich finden, um den Vorsitz zu bilden. Da muss ein Kassenwart her und ein Schriftführer und natürlich eine Satzung. Dann kommt noch das Finanzamt um die Ecke, denn hier soll ja kein Gewinn erzielt werden, sondern alle Einnahmen dem Förderzweck zugute kommen. Das muss alles genau überprüft werden und viele Angelegenheiten kosten Geld. Geld, das erstmal ausgelegt wurde, denn Einnahmen gab es ja noch keine. Und die Lauferei noch gratis dazu. Ganz schön viel Aufwand dafür, dass man doch ursprünglich nur das Dorf unterstützen wollte. Ein ganzes Jahr hat es gedauert, bis alles erledigt und korrekt im Vereinsregister eingetragen war. Dafür kamen im ersten Jahr gleich 60 Interessenten dazu, derzeit zählt der Verein 68 Mitglieder. Für 15 Euro pro Jahr kann man Mitglied werden, aber „nach oben ist natürlich der Betrag offen.“

Trotz der vielen Stolpersteine, die so ein Ehrenamt mit sich bringt, sind die beiden jungen Herren immer noch – oder jetzt erst recht! – mit viel Herzblut und Engagement unterwegs. Und was sie alles erreicht haben, kann sich sehen lassen:

Zum Beispiel gibt es eine Sitzecke an der Eilser Straße, dann einen Hundekloentsorgungskasten, ein Bienenstock und ein Insektenhotel sind fest geplant, im Wald soll noch eine neue Sitzecke hinzukommen und besonders schön ist die Baumpflanzaktion.

Jeder Baum hat seinen Paten

Eins vorweg: So ein Dorf hat auch den Vorteil, dass viele Dinge sehr schnell auf den Weg gebracht werden können und kaum jemand „nein“ sagt, wenn man um Hilfe und Unterstützung bittet. Die Idee mit den Obstbäumen war, Baumpaten zu finden und überall in Röhrkasten Obstbäume zu pflanzen. Die meisten davon, insgesamt 18, stehen auf einer schönen Wiese, die von der Eigentümerin Thea Bödeker eigens dafür zur Verfügung gestellt worden ist. Eine überaus charmante Dame, die zudem Wasser zum Gießen bereit stellt und auch sonst hilft, wo sie kann.

Die Bäume mit Aprikosen, Pfirsichen, Williams Christ Birne, Zwetschge und mehr könnten bereits in diesem Jahr die ersten Früchte tragen, die Blüten zumindest sehen schon sehr vielversprechend aus. Die ganze Wiese ist natürlich ordentlich gemäht und es stehen auch bereits zwei Holzbänke vor Ort, die ebenfalls dank großzügiger Spenden gestiftet worden sind. Eine davon hat Christian Anke, den kennen Sie auch als Adjutant der Bürgerschützen Obernkirchen, gespendet.

Die Wiese ist jetzt noch in der „Entwicklung“. Der kleine Teich in der Ecke soll als Biotop wieder bepflanzt und verschönert werden und dann wird noch eine Blumenwiese zwischen den Bäumen gesäht. Ein schöner Ort für wandermüde Spaziergänger, um eine Pause zu machen und irgendwann frisch gepflücktes Obst zu naschen.

Das Blütenfest wird nachgeholt

Ursprünglich war gedacht, die Wiese mit einem „Blütenfest“ einzuweihen. Allerdings hat das Coronavirus mit seinem Feier-, Versammlungs- und Kontaktverbot dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber – seien Sie sicher – das wird alles nachgeholt. Auf dem Dorf kann man auch spontan feiern.

Die Obstbaumpaten waren übrigens schnell gefunden, aufgrund der großen Nachfrage wurden sogar mehr Bäume gepflanzt, als ursprünglich geplant. Einige stehen auf der Obstwiese, einige in den Gärten im Ort. Der am weitesten weg Gepflanzte steht witzigerweise in Hameln, trotz Wegzugs aus Röhrkasten wollte man zumindest baumlich miteinander verpflanzt bleiben.

Das kleine „Rathaus Röhrkasten“

Einige schöne Bäumchen, sogar Walnussbäume, stehen an der Vogelhütte. Das ist sozusagen die mini Ausgabe der Lieth-Halle und gehörte früher dem Vogelzuchtverein. Nun hat sich die Dorfgemeinschaft dieser Hütte angenommen. Natürlich ist Innen die neue Theke (ehemals Gasthaus „Zum grünen Kranze“) bereits eingebaut, überhaupt ist das Innenleben ideal für kleinere Festivitäten, die mit Hopfenkaltschale, Grillwurst und mehr zusammenhängen.

Wobei, auch der Waldkindergarten hat hier schon Station gemacht und den Ort als Pausenraum genutzt. So richtig bewerben kann man diese Location zwar noch nicht, weil das „Hütterl mit dem Herzerl“ in der Tür zwar vorhanden, aber ein bisschen „verstopft“ ist. Außerdem könnte einem beim Toilettengang sprichwörtlich die „Decke auf den Kopf fallen“, deshalb wird auch dieses Haus gerade renoviert.

Für die einen ist es die Vogel-Hütte, für die anderen das kleine Rathaus von Röhrkasten – Foto: Sabine Christel

Der ehemalige Name „Vogel-Hütte“ steht zwar groß über der Eingangstür, aber intern nennt man es auch das „Rathaus von Röhrkasten“. Und so schön, wie das Häuschen liegt, kann man dort sicherlich sehr unterhaltsame Sitzungen abhalten….

Gemeinschaftsgefühl und Nachbarschaftshilfe

Schön an dem Verein ist, man ist entspannt dabei, keine lästigen langen Versammlungen, keine Verpflichtung, kein Zwang. Hier steht allein das Gemeinschaftsgefühl im Vordergrund und der Gedanke, sich den Ort so schön wie nur möglich zu gestalten. Deshalb dürfen bei der jährlichen Sitzung auch unter dem Punkt „Verschiedenes“ Wünsche Seitens der Ortsbewohner geäußert werden. Wenn jemandem irgendwo eine Sitzgelegenheit fehlt, ein Weg zu matschig oder eine Hütte renovierungsbedürftig erscheint, dann überlegt man gemeinsam, wie man es verbessern kann. Irgendeiner hat immer einen Trecker oder einen Rasenmäher oder kann sägen oder hat sonst eine Idee. Und deshalb ist so ein Verein zwar tatsächlich sehr zeitintensiv, aber es macht auch Spaß. Oder – wie die beiden Herren Kranz und May es formulieren: Kleinigkeiten schweißen zusammen.

… und wo bleibt der Ramazotti?

Wie eingangs schon erwähnt, auf dem Dorf nimmt man gern mal einen „Lütten“. Da kann es dann schon dauern, wenn man mal Zettel verteilt oder Einladungen überbringt. Die „schnelle Dorfpost“ verbreitet umgehend, dass die Zwei unterwegs sind und sie werden entsprechend erwartet und auch bewirtet. So kann es sein, dass man morgens um zehn Uhr schon auf zwei nette ältere Herrschaften nebst einer angebrochenen Flasche Ramazotti trifft und erst nach Leerung selbiger zum Nachbarn weitergehen kann. Einige Häuser und Getränke später ist klar, „das wird heute nichts mehr“.

So kann es durchaus ein paar Tage dauern, bis der Postweg erledigt ist. Und „nein“ sagen kommt für die Beiden nicht in Frage, denn „die Leute, besonders die Älteren, freuen sich doch, wenn Besuch kommt und dann erzählt man so ein bisschen und dann fragen sie ein bisschen und so vergeht die Zeit.“ Darum geht es letztendlich immer: Freude zu verbreiten. Und deshalb ist es auch so schön, dort nicht nur zu wohnen, sondern zu leben.

Foto: Sabine Christel

Röhrkasten ist begehrt

Und wenn Sie jetzt Lust haben, auch ein Röhrkastener zu werden, tja, dann müssen wir Ihnen leider, leider mitteilen, dass die Häuser dort sehr begehrt sind und man schon schnell sein muss, wenn mal eine Wohnung oder ein Haus frei werden. Bauplätze sind nämlich keine verfügbar und wer dort wohnt, bleibt. Ein bisschen „überaltert“ ist der Ort und nur die jungen Leute ziehen erstmal weg, auch, weil man ja für Ausbildung und Beruf oftmals weite Wege zurücklegen muss. Aber früher oder später kommen die Jungen dann doch gern zurück in „ihr“ Dorf. Und dann geht die Suche nach freiem Wohnraum los.

Denn sie wissen, warum es hier so schön ist: eine tolle Dorfgemeinschaft, die weltbeste Freiwillige Feuerwehr, eine zauberschöne Obstwiese und natürlich der Verein „Dorfgemeinschaft Röhrkasten“.

Röhrkasten. Besser leben als nur wohnen.