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Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

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Viele Menschen in unserem Land sind in diesen Tagen beunruhigt und machen sich große Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft. Sie fragen sich: Wie geht es weiter mit meinem Job, der Firma, meinen Lebensplänen?

Die Krise trifft uns alle, aber sie trifft nicht alle Menschen gleich: Homeoffice ist vielleicht nicht das, was sich die meisten wünschen – aber es ist ganz gewiss etwas anderes, als mit 60 Prozent seines Gehalts in Kurzarbeit zu gehen oder gar ohne Arbeit dazustehen; kaum jemand findet es schön, bei Sonnenschein zu Hause zu bleiben – aber es ist doch ein Unterschied, ob man etwas Grün ums Haus hat oder mit vier Kindern in einer kleinen Wohnung ohne Balkon lebt.

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Auch die Wirtschaft ist nicht überall gleich betroffen. Die Krise erschüttert manche Branchen besonders. Und insbesondere viele Kleinunternehmer, Gastwirte, Hoteliers, Freiberufler und Kulturschaffende wissen oft nicht, wie lange sie noch durchhalten können.

Zugleich gibt es auch in der Wirtschaft viele Beispiele von Hilfsbereitschaft gegenüber denjenigen, die in Schwierigkeiten geraten. Manche Familienunternehmer helfen mit, wenn bei Mitarbeitern wegen Kurzarbeit die Rückzahlung des Hypothekendarlehens schwierig wird. Manche Mittelständler verzichten auf einen Teil ihres Gehalts, um Solidarität mit den Mitarbeitern zu zeigen. Manche Unternehmen zahlen in einen Fonds, um besondere Härten für einzelne Mitarbeiter zu überbrücken.

Ich wünsche mir, dass diejenigen von uns, die glimpflich durch diese Krise kommen, auch weiterhin bereit sind, jene zu unterstützen, die wegen Corona wirtschaftlich in schwerem Fahrwasser sind.

Auch viele von Ihnen haben in den vergangenen Wochen ihre Solidarität mit Geschäften und Restaurants in ihrer Nachbarschaft unter Beweis gestellt, haben telefonisch bestellt oder Gutscheine erworben. Oft ist uns dabei erst richtig klar geworden, wie sehr uns der kleine Spielzeugladen oder der Gemüsehändler um die Ecke am Herzen liegt. Die Krise zeigt uns noch einmal neu, wie wichtig solche Orte sind.

Wir erleben in dieser Krise auch, dass es ohne Politik nicht geht. Wirtschaft und Gewerkschaften handeln verantwortungsvoll. Und wir erleben, wie kraftvoll unser Staat handeln kann. Er hat ein starkes Netz gespannt, um möglichst viele aufzufangen, die wirtschaftlich abzustürzen drohen. Kurzarbeitergeld, Hilfe für Selbstständige, Bürgschaften, Staatsbeteiligungen – auch das ist eine Form von Solidarität, die es in der Geschichte der Bundesrepublik in diesem Umfang noch nicht gegeben hat. Klar, manchmal hakte es am Anfang noch. Aber mancher in Not geratene Unternehmer konnte in den vergangenen Wochen kaum glauben, wie schnell und unbürokratisch unser Staat Hilfe leisten kann.

Dieser kraftvolle Staat, das sind wir alle. Das Geld, das er nun verteilen kann, haben Sie gemeinsam erarbeitet – und das Geld, das er sich jetzt leihen muss, wird später zurückzuzahlen sein. Wie das geschieht, darüber müssen wir nach der Krise demokratisch entscheiden. Fest steht: Die Solidarität, die wir jetzt erleben, die brauchen wir nicht nur während der Krise, wir brauchen sie in Zukunft umso mehr. Wir brauchen Solidarität auch, wenn es um die Bewältigung der Folgen von Corona geht.

Es gibt auch eine neue Nachdenklichkeit, die danach fragt, ob jede Routine aus der Vor-Corona-Zeit wiederkommen muss, ob jeder Termin, zu dem wir gefahren oder geflogen sind, die Wichtigkeit hatte, die wir ihm zugemessen haben. Die fragt, ob es nicht auch weniger aufwendige Möglichkeiten der Verständigung und Kommunikation gibt.

Vor allem erleben wir aber auch, wie die Krise Kreativität und Innovationskraft weckt. Wie plötzlich Dinge möglich sind, die vor der Krise noch Jahre entfernt schienen. In vielen Branchen wird experimentiert, improvisiert, digitalisiert – in großen Betrieben und in kleinen auch. Viele Beschäftigte erproben neue Wege der Zusammenarbeit. Und viele Unternehmen haben in kürzester Zeit ihre Angebote erneuert, ihre Produktion umgestellt oder Vertriebsformen weiterentwickelt.

Die Krise trifft unsere Gesellschaft hart, und sie wird noch eine ganze Weile dauern. Wir dürfen Risiken nicht ignorieren und zu erwartende Schwierigkeiten nicht kleinreden. Jetzt ist nicht die Zeit, um die Lage schönzureden. Aber es ist auch nicht die Zeit für schwärzeste Katastrophenszenarien.

Wahr ist, die Zeit wird nicht spurlos an uns vorbeigehen. Wir werden einiges von dem gemeinsam erarbeiteten Wohlstand preisgeben. Aber wir sind und wir bleiben eine starke Volkswirtschaft – mit Millionen Menschen, die weiter anpacken oder wieder loslegen wollen. So wie wir das Virus gemeinsam besiegen werden, so werden wir uns mit Fleiß und Klugheit auch aus dem wirtschaftlichen Tal gemeinsam wieder herausarbeiten.

Alles Gute – und geben wir acht aufeinander!

Berlin, 22. April 2020

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