„Noch einmal über die Reeperbahn, wie Du es Dir gewünscht hast“
Hamburg - Landungsbrücken, St. Pauli

„Noch einmal über die Reeperbahn, wie Du es Dir gewünscht hast“

Hamburg nimmt Abschied von Jan Fedder

Das wird ihm gefallen haben, da, auf seiner Wolke 14: Ein Meer roter Rosen und Rosenblüten, dazu seine Lieblingsmusik, all die Menschen dabei, die ihm etwas bedeutet haben und die nun Abschied nehmen müssen, obwohl es viel zu früh ist.

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Jan Fedder, das ist für Dich.

Foto: NDR Presse

Ganz Hamburg nahm Abschied von dem letzten großen Volksschauspieler, wie er selbst sich nannte. Die Elbschiffe flaggten auf halbmast und ließen ihre Schiffshörner laut über die Elbe ertönen, Taxis fuhren mit schwarzen Fahnen und entlang der Reeperbahn auf St. Pauli standen die Leute Spalier für „ihren“ Jan. Die anschließende Trauerfeier auf dem Kiez sollte eine Geburtstagsfeier sein, denn Jan wäre an diesem Tag 65 Jahre geworden.

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Die BILD Zeitung sendete via Livestream die Trauerfeier und auch der NDR sendete sowohl im TV, als auch im Livestream sowie im Radio den Trauergottesdienst.

Jan Fedder. Hamburger Jung. Ein Urgestein. Der letzte wahre Volksschauspieler. Dabei kein großer Redner, er hatte stets seine eigene Meinung und hat gesagt, was er dachte, auch, wenn er damit angeeckt ist. Ein Kumpeltyp, jemand, der seine Gefühle in kurzen Sätzen ausdrückte. In seinen Rollen spielte er oft diejenigen, die nicht auf der Sonnenseite im Leben stehen, Charaktere, die sich durchkämpfen müssen. Mit der Rolle des Polizisten Dirk Matthies in der Kultserie „Das Großstadtrevier“ hat er sich ein Denkmal geschaffen, mit Herz und Humor und brachte somit nicht nur St. Pauli und die Davidswache, sondern auch die Polizei in ein gutes Bild. So gut, dass er zum Ehrenkommissar ernannt wurde und so, dass er in Hamburg von der Polizei die höchste Auszeichnung verliehen bekommen hat. Bei der Trauerfeier wird das deutlich, denn viele „Kollegen“ von der Wache sind da, um Abschied zu nehmen von ihrem Ehrenkommissar. Der auch mal in seiner Schauspielerkluft, der Uniform, nach Drehschluss durch die Straßen gegangen ist, der mit dem Polizeiwagen aus der Serie zum „Dom“ ist, um für die Kollegen Apfeltaschen zu organisieren.

Man kannte das in Hamburg, das war eben Jan Fedder. Wortkarg, aber mit einem Zwinkern in den Augen, was auf „er hat es faustdick hinter den Ohren“ schließen lässt.

Aber Fedder hatte auch dunkle Momente. Seine Krebserkrankung, die ihn am Leben zweifeln ließ. Der Krebs hat Jan Fedder jahrelang wie ein unliebsamer Gast begleitet, hat ihm viel von seiner schier unerschöpflichen Energie genommen und ihn auch dazu gebracht, auch mal zu überlegen, ob das Leben so überhaupt noch lebenswert ist. So oft hat er schon „oben, am Himmelstor“ angeklopft, aber noch wollte man ihn nicht reinlassen, erzählte er ehrlich. Noch war er stärker als die Krankheit und noch siegte die Liebe zum Leben, zu seinem St. Pauli und zu seiner Frau Marion über die Schmerzen und die vielen Krankenhausaufenthalte.

Zum Schluss war er bei den Dreharbeiten zur letzten Staffel des „Großstadtreviers“ im Rollstuhl, spielte nur noch im Film den unverwüstlichen Polizisten. In lediglich sechs von 16 Folgen war er dabei, dann war er zu krank, um weiter mitzumachen. Die Ausstrahlung der neuen Folgen, die hat Jan nicht mehr miterleben können. Diese werden die Fans demnächst sehen und noch einmal mit Wehmut das Lied vom Schutzmann hören, dass längst zur heimlichen Hymne der Polizei geworden ist.

Am 30. Dezember 2019 endete die Reise von Jan Fedder. Für die Familie, die Freunde und Kollegen und besonders seinen Fans trotzdem unerwartet. Und mit seinem Tod zeigte sich dann, wie beliebt das Hamburger Urgestein Fedder tatsächlich ist: allein sieben Kondolenzbücher füllten sich, die für alle Fans an der Davidswache ausgelegt waren. Stundenlang harrten sie von überall her anreisend aus, um sich zumindest ein letztes Mal zu verabschieden. Und wie sagte Pastor Alexander Röder im Trauergottesdienst? Anfragen habe man erhalten, von ganz Deutschland, nach Karten für den Gottesdienst, so viele wollten ihn auf seinem letzten Weg begleiten und das zeigt, wie beliebt er war. Auch seine Fans vom Kiez, Leute, die ihn kannten, die ihn getroffen haben, sagten einstimmig, das er ein prima Kerl gewesen sei, einer, mit dem man auch mal ein Bier trinken konnte, einer von ihnen, trotz seines Erfolgs auf dem Teppich geblieben.

Am 14. Januar 2020, Fedders 65. Geburtstag, fand nun die Trauerfeier im Hamburger „Michel“, der St. Michaelis Kirche statt. Dort war Jan getauft, dort sang er im Chor und las über viele Jahre Heiligabend die Weihnachtsgeschichte. Und dort hatte er auch seine Frau Marion geheiratet. In einem Interview mit Reinhold Beckmann sagte er einmal, dass seine Beerdigung auch dort stattfinden werde, „ist alles schon geplant“, so Fedder mit seinem typischen Hamburger Dialekt.

Und so fanden sich unzählige Trauergäste in und vor dem Michel ein, um ein letztes Mal an seiner Seite zu sein und ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten. Neben Politik und Intendanz auch Pominente wie Uschi Glas und Michaela May, ebenso wie Ben Becker oder Claude Oliver Rudolph. Die Musiker Sasha, Klaus Meine oder HP Baxxter, der zu seinen engen Freunden zählte. Fernsehkoch Tim Mälzer gehörte zudem zu denjenigen, die ihn kurz nach seinem Ableben mit aus der Wohnung getragen haben. Ein buntes Publikum, das zeigt, dass er mit jedem klargekommen ist. Dazu die Büttenwarder Fernsehfamilie und natürlich die Kollegen vom Großstadtrevier. Viele Polizeibeamte, die ihren Ehrenkommissar verabschieden wollten. Und natürlich Fans. Wer keinen Platz mehr in der Kirche fand, stand draußen Spalier.

Und Jan, es war ein ganz besonderer Gottesdienst, den hast Du gut geplant.

In seiner Predigt erzählte Pastor Alexander Röder von Dir, Deinem Leben, Deiner Art und wie Du die Stadt geprägt hast. Aber auch, dass Du trotz all Deiner Ecken und Kanten so liebenswert warst. Dein Rückzugsort war stets Deine Wohnung auf St. Pauli. Mit Blick auf den Hafen, wo schon Hans Albers die Reeperbahn besungen hat, da hast Du Dich am wohlsten gefühlt.

Jan Fedder war ein Kind des Stadtteils, hoch über dem Hamburger Hafen. Röder sagte, er habe gehört, dass Jan durchaus jemandem „über den Mund fahren konnte“, aber er ließ auch „fünfe gerade sein“. Und er zeigte immer wieder sein großes Herz und seinen Sinn für Gerechtigkeit. Das spiegelte sich auch in seinen Rollen wieder, die ihn weit über die Grenzen Hamburgs hinaus so beliebt machten. Im Michel habe er auch viele Jahre lang die Weihnachtgeschichte vorgelesen und sei davor so nervös gewesen, dass er eine Zigarette nach der anderen in der Sakristei geraucht habe – und niemand habe es ihm verboten. „Es wäre wohl auch nicht gelungen“, so Röder.

Und nun schließt sich hier ein Kreis, wenn Jan Fedder noch einmal in „seinen“ Michel gekommen ist, damit alle von ihm Abschied nehmen können. „Die Liebe höret nimmer auf“, dass beinhaltet alle Liebe, alle Feiern, alles Schöne, was man mit Jan Fedder verbindet und was ein Trost sein mag für all diejenigen, die viel zu früh Abschied nehmen müssen, aber auch eine Bestätigung für seine Frau, die über den Tod hinaus gilt. Jan Fedder habe seine Abschiedsfeier geplant und förmlich so gesehen, wie sie jetzt stattfinden würde. Mit all den Liedern, die er mochte und mit diesem Psalm, der alle Momente seines Lebens beinhaltet.

Dein Spruch „Die Liebe höret nimmer auf“ soll ein Trost sein für diejenigen, die nun um Dich trauern und die Dich vermissen.

Dann sang Jessy Martens eins der Lieblingslieder von Jan Fedder „Knocking on Heavens Door“ von Bob Dylan. Viele der Trauergäste saßen mit geschlossenen Augen da oder weinten. Niemals hat ein Lied besser beschrieben, was alle im Michel fühlten…

Mama, take this badge off o‘ me
I can’t use it anymore
It’s gettin‘ dark, too dark to see
I feel I’m knockin‘ on Heaven’s door

Knock, knock, knockin‘ on Heaven’s door

Mama, put my guns in the ground
I can’t shoot them anymore
That long black cloud is comin‘ down

Mama, nimm diese Dienstmarke weg von mir
Ich brauche sie nicht mehr
Es wird dunkel, zu dunkel, um etwas zu sehen
Ich fühle mich, als klopfe ich an die Himmelspforte

Klopf, klopf, klopfe an der Himmelstür

Mama, steck meine Waffen in den Boden
Ich kann mit ihnen nicht mehr schießen
Diese lange schwarze Wolke kommt herunter,
Ich fühle mich, als klopfe ich an die Himmelspforte

Knocking on Heavens Door

Auch die Reden, die auf Dich gehalten wurden, waren von dem geprägt, was Dich ausmacht: Herzlichkeit, einen trockenen Humor und ein Mann mit wenig Worten, aber dem Herz auf dem rechten Fleck. Einen, dem man vertraut und der sagt, was er denkt, auch, wenn das nicht immer den Konventionen entspricht.

Es sprach Volker Herres, ARD Programmdirektor. In all den Würdigungen habe man von einem waschechten Hamburger Jung, ja einem echten „St. Paulianer“ gesprochen, wie seine Alter Ego Dirk Matthies sagte: „Das ist eine ganz besonders edle Rasse. Einer aus dem Volk, der sich nicht verbiegen lässt, der sagt, was er denkt.“ Und es gibt den Satz: „Egal, wie fett andere sind, Jan war Fedder„. Jan war eigen, seine Authentizität war das Geheimnis seiner Beliebtheit.

Herres wusste um das Talent von Jan Fedder, aber sah an der Fähigkeit, zerrissene Charaktere zu spielen, auch den Hintergrund, dass man das nur spielen kann, weil man aus seinem eigenen Leben weiß, wie sich das anfühlt. Er erzählte auch, dass Jan Fedder ihn einmal nach Drehschluss mit auf einen Elbdampfer genommen und zum Kapitän gesagt habe: „Fahr mal los“ und dann seien sie über die Elbe gefahren. Sie redeten darüber, wie es Jan geht: „Besser, aber nicht wirklich gut.“ Jan habe ihm zwei Dinge mit auf den Weg gegeben: „Komm zurück nach Hamburg“ und „Du musst mich und das Großstadtrevier beschützen, es muss weitergehen, ist das klar?“ denn das war seine Serie und gehörte zu seinem Leben dazu. Er wirkte damals schon „angezählt“, nachdenklich. Aber – wenn es Jan Fedder nicht gut ging, dann machte er das mit sich allein aus.

Er zitierte aus dem Essay von Siegfried Lenz: „Im Schmerz erkennen wir, dass, wenn die Totenglocke für einen läutet, sie es gleichzeitg auch für jeden von uns tut. Und dem Schmerz verdanken wir die Erkenntnis, dass wir nicht allein sind.“ Er endete mit den Worten: „Jan, Du bist nicht allein, Du lebst in unseren Herzen weiter. Versprochen. Tschüss, mein Freund.“

Es folgte die Rede von Lutz Marmor, ehemaliger NDR-Intendant. „Wir konnten einander“ so sagte er und „Jan war kein Diplomat, rauh, direkt, unverfälscht, nicht immer einfach, aber ganz, ganz besonders. Die Kodderschnauze vom Kiez hat die Herzen im ganzen Land erreicht.“ Wer ihn einmal persönlich getroffen hat, könne das nachvollziehen. Ein Herzensmensch, der einen sofort in seinen Bann gezogen hat. „Diese Stimme, diese Augen, unvergesslich“. Und dieses Charisma hat sich über die Bildschirme übertragen. „Das Leben ist schön, so wie es ist“, soll er gesagt haben, „man muss es genießen.“

Jan Fedder war für das NDR Publikum ein Stück Heimat und darauf ist der Heimatsender stolz. Jan Fedder gehört zum NDR, wie der Michel zu Hamburg, Uwe Seeler zum HSV und wie Dirk Matthies zum Kiez. Jan hat sich für den ganzen Norden verdient gemacht. „Und Jan, wenn Du gerade von der Wolke 14 herabsiehst: Danke. Danke für alles.

Der Hamburger Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagte in seiner Ansprache, dass es der Wunsch von Jan Fedder gewesen sei, sich nicht nur von St. Pauli und der Stadt Hamburg zu verabschieden, sondern auch von seiner Polizei. „Damit drückst du, lieber Janni, Deinen Respekt für die Hamburger Polizei aus.“ Er sei zudem über die Grenzen von Hamburg hinaus beliebt und Ehrenkommissar in Schleswig Holstein und in Bayern. Fast 30 Jahre „Großstadtrevier“ haben ein starkes Band zur Polizei in Hamburg wachsen lassen. Im Jahr 2000 zeichnete ihn die Hamburger Polizei zum Ehrenkommissar aus. 2011 erhielt die Serie den Polizeistern, für besondere Verdienste um die Polizeiarbeit.

Seit 10 Tagen stehen die Leute nun Schlange, um sich in die Kondolenzbücher einzutragen. Über 2.500 Einträge von Menschen aus ganz Europa zeigen, wie beliebt Fedder war. „Jan lebte seine Rolle, wir hätten ihn jederzeit mit auf Streife nehmen können“, so Meyer. Über die „Kollegen“ an der Davidswache hat er immer gesagt: „Das sind meine Jungs (und das schließt die Deerns mit ein).“ Er endete mit den Worten: „Mit Jan geht nicht nur ein Hamburger Original, sondern auch ein Förderer und Freund. Hamburg und seine Polizei werden Dich nicht vergessen.

Der NDR hat Dir also viel zu verdanken und auch die Stadt Hamburg ist stolz auf ihren berühmten Sohn. Die Hamburger Polizei sieht Dich als den ihrigen an. Aber der berührendste Moment war sicherlich, als Deine Frau Marion die Stärke hatte, sich persönlich von Dir zu verabschieden und Dich mit den Worten „noch einmal fährst Du über die Reeperbahn, wie Du es Dir gewünscht hast“ auf Deine letzte Reise schickte. Und wie groß diese Liebe ist, war in diesem Moment zu spüren: Die Kraft zu haben und noch einmal nicht über Dich, sondern nur zu Dir zu sprechen, mit Worten, die hätten von Dir stammen können. Und – es würde zu Dir passen, wenn Du Dir das von ihr gewünscht hast.

„Mein geliebter Mann, das ist der schwerste Gang, den ich je machen musste. Du warst meine Familie, mein Mann, mein Fels. Es wird nie wieder jemanden geben wie dich. Dich nun zu beerdigen, hier im Michel, tut mir unendlich weh. (…..) Nun muss ich dich auf deine letzte Reise schicken, einmal noch über die Reeperbahn, das hast du dir gewünscht. Und dann heißt es schlafen, für eine lange, lange Zeit. Endlich Ruhe haben und träumen, von all den schönen Dingen, die Du erlebt hast. Mein geliebter Jan, schlaf gut.“

Marion Fedder

Zu den Klängen der Titelmelodie aus dem „Großstadtrevier“ betraten sechs Polizeibeamte, die den Sarg tragen sollen, den Michel und wurde der Blumenschmuck hinausgetragen.

Den letzen Gang aus dem Michel jedoch begleitete das Lied von Jan Fedder für seine Frau.

Mit dem Lied „Ich halt dich, denn ich lieb dich, bis in alle Ewigkeit“, singt er das Lied, welches er für seine Frau aufgenommen hatte.

Draußen, vor der Kirche, stehen die Menschen Spalier und klatschen ein letztes Mal für den großen Hamburger Jung. Und so fährt der Sarg mit Fedder mit einer Polizeieskorte und gefolgt von einem Motorradkorso den Weg, den Jan Fedder so geliebt hat: Auf der Reeperbahn vorbei an seiner Wohnung auf St. Pauli und am Millerntor entlang. So, wie er es sich gewünscht hatte. Blumen landen auf dem Auto, die Menschen bleiben stehen, oft wird aus Zuneigung und Respekt geklatscht. Auf dem Kiez wird eine Schweigeminute eingehalten, da wo eigentlich sein Geburtstag mit ihm gefeiert werden sollte. Immer wieder rufen sie ein „Tschüss, Jan“. Er wird fehlen.

Quelle: NDR

Und dann noch etwas: Das Herz, was auf dem Auto mit dem Sarg von Jan Fedder befestigt war, war ein Herz aus roten Kunstrosen. Dieses Herz ist vor zwanzig Jahren zur Hochzeit von Marion und Jan auf dem Hochzeitswagen befestigt gewesen und Marion Fedder hat es so lange aufbewahrt. Nun war es auf der letzten Fahrt über die Reeperbahn dabei. Die Liebe höret nimmer auf. Machs gut, Jan.

Hier der Stream zur Trauerfeier von Jan Fedder in voller Länge auf BILD.de https://www.bild.de/unterhaltung/leute/leute/jan-fedder-64-st-pauli-nimmt-abschied-vom-kult-schauspieler-67326998.bild.html

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