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Nichts ist so, wie es scheint – die Sonntagskolumne auf Scarlett
Scarlett - Die Kolumne

Nichts ist so, wie es scheint – die Sonntagskolumne auf Scarlett

Meine Nachbarin ist eine ganz patente Frau. Mit ihrer flotten Kurzhaarfrisur und ihrem gebräunten Teint sieht sie aus, als käme sie frisch aus dem Sylt-Urlaub. Sie strahlt eine positive Energie aus und hat etwas mitreissendes an sich. Wo sie ist, versprüht sie gute Laune und man kann nicht anders, als mitzulachen. Dabei ist sie schon 80 Jahre, wirkt aber deutlich jünger. Jetzt war sie eine Weile abwesend. Urlaub, dachte ich. Brustkrebs, unheilbar, sagte sie.

Auf Facebook postet eine Freundin Fotos von einer Feier. Ordentlich gerockt hat sie und die Fotos lassen vermuten, dass sie mega viel Spaß hatte. Nur wenige wissen, dass sie seit Jahren an MS, Multipler Sklerose leidet. Immer dann, wenn ein Krankheitsschub kommt, ist sie in der Klinik und versucht mühsam, die Situation zu verbessern. Dass sie zudem berentet ist, in so jungen Jahren, weiss kaum jemand.

Was diese Frauen eint, ist die Tatsache, dass man auf den ersten Blick nicht sieht, was sich hinter der Fassade verbirgt. Krebskranke erkennt man doch daran, dass sie keine Haare haben, blass und eingefallen sind. MS? Sind das nicht die Leute mit Rollator? Berentet? In jungen Jahren? Warum?

Positiv denken, wo fängt das an?

Wir alle machen uns ein Bild vom Gegenüber. Je nachdem, wie unsympathisch uns der andere ist, desto weniger schmeichelhaft fällt das Urteil aus. Manchmal fühlen wir uns bedroht oder reagieren mit einem Neidgefühl auf das Gegenüber. Außerdem haben wir auch gern mal ein Problem mit dem „jemandem etwas gönnen“. Roter Nagellack, Highheels und stets charmant und schon ist unser Vorurteil fertig. Allein, ohne Partner? Da stimmt doch was nicht. Besonders wir Frauen neigen leider zu solch „verknoteten Denkweisen“. Trotzdem sind Vor-Urteile geschlechtsneutral. Wir sind von Natur aus eher neugierig, wir finden oftmals das Leben der anderen spannender und wir mögen Gerüchte, Lästern und Geheimnisse. Wir rätseln und sind schnell geneigt, zu interpretieren. Dabei hilft es demjenigen, der im Focus steht, nicht einmal, wenn dieser – so schwer es ihm oder ihr auch fallen mag – die Wahrheit sagt. Das Vorurteil ist stärker. Und so redet man sich ein, dass es der Frau gar nicht so schlecht gehen kann, denn… man sieht es ihr ja nicht an.

Muss man also einem Klischee oder zum Beispiel dem allgemein gültigen Bild einer Erkrankung entsprechen, um Akzeptanz zu finden?

Wobei Akzeptanz… Wohl eher Mitleid, im schlimmsten Fall (so hart das klingt) Häme, Schadenfreude und eine gewisse Genugtuung.

Vielleicht hat uns das Leben, der Fortschritt, die Anonymität des Alltags dazu gemacht, dass wir oftmals so gleichgültig und heuchlerisch geworden sind. Wenn es jemandem gut geht, dann muss da ein Haken sein, sonst ist es irgendwie nicht „gerecht“. Und wir leben so öffentlich, teilen unser Empfinden mit der Welt über soziale Netze, kommentieren, kritisieren und urteilen, ohne dass wir genau informiert sind. Kann man sich Emotionen abtrainieren? Bekommt man eine „Hornhaut“ auf der Gefühlsebene, die verhindert, statt mitleidig mitfühlend zu sein? Mitgefühl, Verständnis. Muss man dafür einen Seelenstriptease hinlegen, alles Schlimme offenbaren, um Wertschätzung zu erfahren? Und dann? Sind wir nicht alle bemüht, uns das Leben mit einer Qualität zu erhalten ?

Wenn wir ein Foto posten, dann möchten wir so gut wie möglich aussehen. Wir möchten so gesehen werden, wie wir uns selbst sehen, uns empfinden. Und nicht unbedingt, wie es der Situation entspricht.

Was hilft es der Krebspatientin, wenn sie unglücklich ist und ihre Erkrankung publik macht? Im Umgang mit einem Erkrankten fühlen sich Außenstehende manches Mal hilflos, unsicher. Und was sie benötigt, ist Zuwendung und, dass man sie so sieht, wie sie ist und nicht auf ihre Erkrankung reduziert. Wobei auch nicht jede Erkrankung nach außen hin sichtbar ist oder man als Außenstehender darüber gut unformiert ist. Gut genug, um es zu verstehen.

Meine Nachbarin hat da für sich ein klares Konzept gefunden, sie sagt:

„Die Frage, „warum gerade ich oder was soll nun werden?“ habe ich mir nicht gestellt. Ich möchte nicht, dass die Krankheit mein Leben bestimmt und wenn ich mich gehenlasse, dann hat der Krebs gewonnen. Und deshalb versuche ich, die zu sein, die ich auch vor der Krankheit war. Und dazu gehört, so lange wie möglich das, was mich ausmacht, zu bleiben.“

Es sind ja nicht allein die Krankheiten, die auf den ersten Blick erkennbar sind. Es gibt genügend Situationen im Leben, die belasten. Kaum jemand möchte seine privaten Sorgen offen vor sich hertragen: „Seht her, „ich bin“ oder „mir fehlt“ oder „ich habe Sorgen“…“ Wir alle versuchen doch, den Schein aufrecht zu erhalten, dass alles gut ist und wir uns von unseren Problemen und Sorgen nicht unsere Persönlichkeit und das, was uns ausmacht, nehmen zu lassen.

In diesem Sinne, nichts ist aus der Ferne so, wie es scheint. Und manchmal verbirgt sich dahinter eine ganz besonders starke Person, die dem Leben die Stirn bietet.

Einen schönen Sonntag!

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