König von Rom war Freischießen-König – Beste „Zehn“ im Jahr 1811 für Napoleons Sohn abgegeben
Mindener Bürgerbataillon

König von Rom war Freischießen-König – Beste „Zehn“ im Jahr 1811 für Napoleons Sohn abgegeben

Was hat Napoleon mit Minden zu tun?

Nun, die Truppen des französischen Kaisers vereinnahmten nach ihren Feldzügen bekanntlich auch die alte Weserstadt. Was aber niemand weiß, sein Sohn Napoleon II Franz, König von Rom, war im Jahr 1811 König von Minden, Freischießen-König!

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Das fand jetzt das Mindener Bürgerbataillon in Person von Klaus Holthaus und Volker Krusche bei einer Suche im Kommunalarchiv heraus.1811 gehörte Minden zu Frankreich. Die Stadt war ein Teil des Departements der Oberems, der Weser- und Elbmündungen. Napoleon hatte im Jahr zuvor die Habsburger Erzherzogin Marie Louise – Tochter von Kaiser Franz I – geheiratet. Am 20. März 1811 verkündeten in Paris dann 101 Salutschüsse die Geburt des Thronfolgers. Sein Name: Napoleon II Franz. Mit seiner Geburt wurde er sogleich zum König von Rom ernannt. Seine Taufe wurde auf den 9. Juni 1811 angesetzt. Aus diesem Anlass beschloss der General-Gouverneur des neuen Departements, vertreten durch den Marshall, Prinz von Eckmühl, am 24. März 1811 entsprechende Feierlichkeiten zu bestimmen und zu verordnen.

Dieser Beschluss wurde den Stadtoffizieren zwei Tage später in einer Versammlung mit dem Stadtcollegio mitgeteilt. Es wurde geplant, das beliebte Volksfest des Scheibenschießens, das 1806 zum letzten Mal durchgeführt wurde, wieder zu veranstalten. Nach Verfügung des Praefecten des Oberems Departments sollte das Fest am 10. Juni 1811 stattfinden. Dabei wurde entschieden, dass das Fest des Scheibenschießens auf dem Huckenbrink (der Hucken in Bölhorst) abgehalten und die Prämie von 50 Talern aus der Commun-Kasse genommen werden soll. Weitere Vorschläge wurden gemacht. Die Stadtoffiziere stellten ebenfalls Forderungen, die alle genehmigt wurden. Dazu gehörten: die Reparatur der Trommeln, die Miete für die Aufbewahrung der Schießzelte, die Heranschaffung der Schießzelte und der Auf- und Abbau, die Bezahlung der Tamboure und der Musikanten, die Abänderung der Fahnen (falls es erforderlich sein sollte), ein großes Zelt für die Municipalität und die Stadtoffiziere, Kosten für das Diner, für vier Scheiben, für die Nachtwächter und 33 ½ Tonnen Bier für die Bürgerschaft.

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Am Tag der Taufe des Königs von Rom, dem 9. Juni, läuteten in der Stadt alle Glocken, feuerten die Kanonen. Die Stadt war bis spät in die Nacht illuminiert und es wurde gefeiert und getanzt. Am folgenden Tag fand dann das Fest des Scheibenschießens statt. Die in sechs Kompanien eingeteilte gesamte Bürgerschaft hatte sich auf dem Großen Domhof versammelt. Der König von 1806, der Bürger Gerber Dehnhard, wurde vom Unter-Praefecten von dem Bussche mit der silbernen Krone gekrönt. In der Original-Akta „Die Feyer der Geburt und Taufe des Königs von Rom“ heißt es: „Als der Zug nach dem Scheibenschießplatz ankam, stellte sich die ganze Bürgerschaft in Parade und nun wurde ein lautes VIVAT auf das hohe kaiserliche Haus ausgebracht. Sämtliche Autoritäten begaben sich in das für selbige erbaute Zelt wohin der Schützenkönig von der 1ten Comp geführt wurde. Auf Ersuchen des Maire nahm Hr. Unterpraefect dem Schützen König die Krone ab, danach marschierte die 1te und 2te Comp. gem. flugs nach dem Schießzelten. Bevor mit dem Schießen der Anfang gemacht wurde, praesentierte der Bürger Major Anton Stoy nach dem einstimmigen Verlangen der Bürgerschaft, dem Unter-Praefecten eine Büchse, mit dem Ersuchen, im Namen Sr. Majst des Königs von Rom den 1ten Schuß zu thun. Derselbe begab sich darauf in Begleitung der Municipal Beamten und Stadt Officiere nach dem einen Schießzelte, wo selbst der Hr. Unter Praefect den ersten Schuß verrichtete und dabei das Glück hatte, beinah das Centrum der Scheibe zu treffen. Hiernach wurde von der ganzen Schützengesellschaft unter Abfeuerung der Kanonen laut ausgerufen „Es lebe der König von Rom!“

Des Mittags war in den Haupt Zelte, sowie in einigen der übrigen Zelten Diner, woran mehrere hundert Personen theil nahmen. Es wurden dabei die Toaste auf das hohe Wohl Sr kaiserl. Majestät und die hohen Familien ausgebracht. Diejenigen Personen welche an dem Diner nicht Antheil nehmen konnten, erhielten zu ihrer Erfrischung 30 Tonnen Bier.

Nachdem nun die Bürgerschaft abgeschlossen hatte und die Schüsse selbstuntersucht waren, ergab sich, daß Sr. Majestät der König von Rom den besten Schuß hatte. Allerhöchst derselbe wurde hiernach einstimmig und mit lautem Jubel als Schützenkönig der Stadt Minden ausgerufen.

Foto 1: Die Original-Akta „Die Feyer der Geburt und Taufe des Königs von Rom“, die im Mindener Kommunalarchiv aufbewahrt wird – Foto: Mindener Bürgerbataillon

Den 2ten besten Schuß hatte ein Bürger erhalten, dem die herkömmliche Prämie ad. fünfzig Thaler zu theil wurde. Nach beendigtem Feste wurde die Bürger Krone von dem Maire im Namen Sr. Majest. des Königs von Rom in Begleitung der ganzen Bürgerschaft vom Schießplatze nach der Stadt auf das Commun Haus gebracht. Das ganze Fest wurde mit der größten sittlichen Ordnung und Zufriedenheit, Heiterkeit und Frohsinn beendiget.“

Die Zuerkennung der 50 Taler-Prämie für den zweitbesten Schuss hatte allerdings ein Nachspiel. Sie wurde gleich von drei Personen beansprucht: dem Stadtofficier Capitain Mensing, dem Notaere Borries und dem Stadtofficier Capitain Carl Stammelbach. Um die strittigen Fragen zu klären, wurden die Herren ins Rathaus geladen. Es wurde beschlossen, dass der Stadtoffizier Mensing keinen Anspruch auf die Prämie hätte, weil seine Kugel die Scheibe nicht durchdrungen hätte, sondern abgeprallt sei. Der Scheibenwächter Rüter hätte die Kugel aufgesucht und abgegeben. Mensing nahm daraufhin seinen Anspruch zurück. Bei Notaere Borries war unklar, ob er auf die Scheibe Nr. 78 oder 79 geschossen hätte. Er selbst gab an, auf die Scheibe Nr. 78 geschossen zu haben. Im Schussregister war aber der Bürger Siebold eingetragen. Der Schuss ins Schwarze war auf der Scheibe Nr 79 abgefeuert worden. In der Entscheidung über den Anspruch spielte das aber keine Rolle mehr, weil Borries nach Hausberge gezogen war, dort ein Jahr gewohnt hatte, und nach seiner Rückkehr nach Minden hier noch kein Jahr gemeldet war. Nach Artikel 6 der französischen Reischs Constitution hatte er daher keinen Anspruch auf Ausübung des Bürgerrechts. Hintergrund: Während Minden zu Frankreich gehörte, war Hausberge ein Teil Westfalens. Die Weser war die natürliche Grenze. Blieb noch der Schuss des Stadtoffiziers Capitain Carl Stammelbach, der auf die Scheibe Nr 33 abgefeuert worden war. Dieser Schuss war unstrittig und daher wurde ihm schließlich die Prämie von 50 Talern für den zweitbesten Schuss zuerkannt.

Capitain Carl Stammelbach erklärte, dass er 25 Taler an die Eltern des beim Fest des Scheibenschießens verunglückten Kindes übergeben wolle. Der Rest solle seiner Kompagnie für die Tamboure und andere entstandenen Kosten zufließen. Damit waren durch den „Maire Secretaire“ Bambauer beide Freischießen-Könige ermittelt .Nach den bisherigen Erkenntnissen ist Napoleon II Franz, König von Rom, die bislang einzige herausragende Persönlichkeit, die die Königswürde des Freischießens erringen konnte. Seit vielen Jahren eröffnet der Bürgermeister des Königsschießen mit dem Schuss für den Bundespräsidenten.

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