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Im Portrait – Echopreisträger und Meister-Dirigent Christoph-Mathias Mueller
Christoph-Mathias Mueller (sc)

Im Portrait – Echopreisträger und Meister-Dirigent Christoph-Mathias Mueller

Christoph-Mathias Mueller, geboren am 26. Februar 1967 in Peru, aufgewachsen in der Schweiz und ehemaliger Chefdirigent des Göttinger Symphonie Orchesters, wohnhaft in Hannover, Echo Preisträger im Bereich Klassik, internationale Koryphäe in seinem Fachgebiet. Doch, was macht eigentlich ein Dirigent?

Der Vater von Mueller arbeitete in den 50er Jahren in Barcelona. Als Lehrerehepaar gingen die Eltern dann nach Peru, wo auch Christoph-Mathias geboren wurde. Nach zweieinhalb Jahren ging es  zurück in die Schweiz. Bis heute hat sich Mueller seine Vorliebe für Wärme und warme Gegenden bewahrt, wenngleich er bislang nicht mehr in Peru war. Seine Eltern jedoch, sein Vater, nun deutlich über 80jährig, reisen in diesem Jahr wieder zurück an den Ort, an dem alles begann.

Christoph-Mathias Mueller wuchs in einer musikalischen Familie auf. Klassische Musik war schon früh sehr wichtig, es wurde gesungen, mit seiner Schwester und seinen Eltern spielte er  Blockflötenquartett, brachte sich Klavierspielen bei und stieg dann von der Blockflöte auf die Geige um. Am Gymnasium gab es ein sehr gutes Orchester, in dem er spielte. Dort stellte er dem Musiklehrer seine erste eigene Komposition vor. Diese wurde aufgeführt und der Musiklehrer forderte Christoph-Mathias auf, das Stück auch selbst zu dirigieren. Ein gewisses Grundtalent schien durchaus vorhanden und er spürte, dass das sein Weg werden könnte.

Erst studierte er allerdings Geige, auch, um die instrumentalen Grundlagen für das Dirigieren zu erlernen und um überhaupt für sich selbst die Berechtigung zu haben, ein Ensemble dirigieren zu dürfen. Danach ging er in die USA zum Dirigierstudium, auch, weil es dort die damals beste Ausbildungsmöglichkeit gab.

Als Außenstehender denkt man sich vielleicht: „Das bisschen Dirigieren, was mag das schon sein?“ Doch weit gefehlt. Zum Dirigieren muss man bewegungstechnisch idealerweise begabt sein, sich aber auch musikhistorisch gut auskennen, stilistisches Stilempfinden entwickeln und klare musikalische Ideen haben.

Nach Abschluss des Studiums wurde er 1996 Assistent beim berühmten Pianisten und Dirigenten Vladimir Ashkenazy, damals Chefdirigent beim Deutschen Symphonie Orchester in Berlin. Danach kam er zu Claudio Abbado, dem damaligen Chef der Berliner Philharmoniker. Und schließlich wurde er selbst Chef, zuerst beim Cairo Symphony Orchestra, dann beim Göttinger Symphonie Orchester. Ein gut ausgebildeter Weg in hervorragende Orchester und unter erfahrenen und erfolgreichen Lehrmeistern.

Seit 13 Jahren war er Chefdirigent des Göttinger Symphonie Orchester. Doch 2018 endete die gemeinsame Zeit.

Christoph-Mathias Mueller blickt dankbar und zufrieden auf die langen Jahre der gemeinsamen Arbeit zurück. Orchester und er seien gut aufeinander eingestimmt. Es ist so etwas wie eine große musikalische Familie. Man kennt sich sehr gut, kennt die Familien, auch die mittlerweile vielen Kinder.

Und um sich ganz der Arbeit zu widmen, war sein Wohnsitz immer auch in Göttingen. Viele Musiker würden ihre Wohnsitze in größeren Städten haben und beruflich pendeln. Auch Mueller hatte zeitweise eine Wohnung in Berlin, „aber“, so sagt er, „wenn man nur alle zwei Monate nach Berlin fährt, dann lohnt es sich nicht, also habe ich sie dann aufgegeben.“ In Göttingen erschien es ihm auch wichtig, direkt vor Ort zu sein. „Man muss viel auf politischer Ebene arbeiten, Kontakte pflegen, viel Zeit investieren und ich behaupte, es hat sich gelohnt“, so Mueller, „das Orchester ist immer fester in der gesamten Stadt verwurzelt. Gleichzeitig sind wir kulturelle Botschafter Göttingens in Niedersachsen, aber auch auf Tourneen bis nach China.

Trotzdem beschlich ihn Wehmut bei dem Gedanken, dass es am 24.08.18 das letzte Konzert unter seiner Leitung geben sollte. „13 Jahre sind schon eine ungewöhnlich lange Zeit“, so Mueller, „aber die Entscheidung ist getroffen und es fühlt sich für mich richtig an.“

Für das Orchester ist es auch gut, wenn jemand Neues kommt, der neue, andere Impulse setzt. „Man selbst macht vielleicht gewisse Schritte nicht mehr, es muss jemand kommen, der eine neue Richtung, einen neuen Zugang bringt“, so Mueller. Er kann aber auch stolz sein, auf die von ihm geleistete Arbeit mit den Symphonikern. Das ist das, was ihm nach den Auftritten stets attestiert wird. Und es ist auch das, was ihm auf bei seinen letzten Konzerten stets in warmen Worten mitgeteilt wurde. Nicht nur ihm sind die Leute aus dem Publikum in den Jahren ans Herz gewachsen, auch umgekehrt löste die Nachricht, dass er seine Zeit in Göttingen beenden wird, großes Bedauern aus. So richtig glauben möchte man es nicht.

Doch wie sieht der Alltag eines Dirigenten, wie sah sein Alltag in Göttingen mit den Symphonikern aus?
Die Tage variieren, sind abhängig davon, ob ein Konzert ansteht, wo das Konzert stattfindet, ob im In- oder Ausland. Ganz exklusiv hier nun mal ein Einblick in einen ziemlich normalen Arbeitstag im Leben des Christoph-Mathias Mueller:
Um sieben Uhr beginnt sein Tag. Nach dem Aufstehen ein kurzes Frühstück. Dann liest er seine Emails, verfolgt die politischen Neuigkeiten, sortiert Werke, die am Tag dirigiert werden sollen und danach geht es ins Büro. Die Göttinger Symphoniker sind wie ein großes Unternehmen mit einem Umsatz von über fünf Millionen Euro. Demzufolge gehört auch viel Verwaltung dazu. Im Büro trifft er sich mit Angestellten, Konzert- und Personalfragen des Orchesters werden besprochen. Von 10.00 Uhr bis 12.30 Uhr erfolgt die erste Probe. Das ist eine hochkonzentrierte und anstrengende Arbeit, vergleichbar mit Hochleistungssport. Danach wieder ins Büro, wo er während eines schnellen Mittagessens wieder Gespräche führt. Ein entspanntes Mittagessen gibt es für ihn nicht. Von 14.30 Uhr bis 17.30 Uhr findet die zweite Probe statt, wieder sehr anstrengend. Danach schließen sich Gespräche mit Musikern an, gegen 18.30 Uhr ist Büroende. Zu Hause wird zu Abend gegessen. Ist es ein Abend ohne Auftritte oder weiteren Treffen, dann setzt er sich danach an Partituren bis gegen 23.00 Uhr. Evtl. gönnt er sich noch ein Glas Wein, bevorzugt Rotwein, liest ein wenig, versucht sich zu entspannen und geht gegen 01.00 Uhr zu Bett.
Bei ca. 100 Konzerten im Jahr, findet praktisch jeden dritten Tag ein Auftritt statt.
Von daher verständlich, wenn nach 13 Jahren in diesem durch-getakteten festen Alltag, ein bisschen Ruhe einkehrt. Er möchte die Zeit nutzen und sich wieder mehr der Musik widmen. „Man wird sehr schnell im Lernen von neuen Stücken“, meint Mueller, „jetzt kann ich wieder Neues ausprobieren, habe wieder mehr Zeit für mich und die Familie.“ Denn die gibt es ja auch noch. Als Ehefrau muss man akzeptieren, dass die Musik viel Zeit einnimmt. „Die Musik ist eine anspruchsvolle Geliebte“, bringt es Mueller mit einem charmanten Lächeln auf den Punkt.
Was bedeutet nun eigentlich Dirigieren, die Musiker haben doch ihre eigenen Notenblätter. Ist ein Dirigent demzufolge nicht nur ein menschlicher Taktgeber?
Christoph-Mathias Mueller erklärt, dass Dirigieren aus zwei Elementen besteht. Die Notenschrift ist im Prinzip unvollständig, zwar richtunggebend, aber schlussendlich bietet sie viele Möglichkeiten der Interpretation. Das erste Element ist die Probe. Man benötigt zwei Tage für ein neues Programm. Dem Orchester wird die eigene Interpretation der Schrift vermittelt, man selbst nimmt aber auch den Input, die Ideen der Musiker an. Das zweite Element ist das Konzert. Auch, wenn eine gemeinsame Richtung verabredet ist, passieren manchmal im Konzert unvorhergesehene Dinge, denn man hat ein Publikum als Gegenüber, je nach Reaktion wird man noch mehr inspiriert.
Man steht vielleicht vergleichbar mit einem Fußballtrainer am Platz und muss nach der Probe darauf vertrauen, dass das Orchester gut vorbereitet ist: Im Gegensatz zum Trainer hat man jedoch wenige Momente vor einer schwierigen Passage Zeit, dass Orchester entsprechend zu führen und einzugreifen.
Und was, wenn ein Musiker doch „aus der Reihe tanzt“? Dafür hat Mueller seinen „bösen Blick“, lacht er. Was eher unvorstellbar ist, sitzt man dem überaus charmanten Mann mit dem schweizer Akzent gegenüber, aber er sagt auch, dass er diesen Blick wirklich nur sehr selten einsetzen muss.

Kann er Konzerte anderer Dirigenten noch genießen oder achtet er mehr auf die Nuancen in deren Interpretation?
Christoph-Mathias Mueller sagt, man müsse den kritischen Geist ausschalten. Natürlich hat man einen professionellen Blick auf deren Arbeit, aber er habe gelernt, die Musik zu genießen, nicht immer zu hinterfragen und zudem sei es durchaus spannend, Kollegen zu beobachten.
Warum hat er sich entschlossen, nicht ein einzelnes Instrument zu spielen, sondern gleich alle Instrumente, sprich das ganze Orchester?
Zum Einen gefällt ihm der Klang des Orchesters. Zum Anderen mag er das große musikalische Repertoire für Orchester. Das war die Grundmotivation. Natürlich verbindet man immer Macht mit dem Dirigieren, dass war jedoch nie seine Intention.
Die Arbeit eines Dirigenten ist zudem sehr vielfältig. Neben dem eigentlichen Dirigieren geht es auch um das Studieren der Partituren: die Artikulation (spielt man kurz oder lang, ist ein Punkt über der Note, etc.), dann stilistische Fragen (wie spielte Mozart seine Musik selbst, wie war die Musik ursprünglich gedacht, die Orientierung sozusagen „an der Quelle“), was und wie wurde das Stück ursprünglich komponiert?
Vergleichbar ist es mit einem Lehrer, der abends und nachts vor seinen Büchern sitzt, so sitzt ein Dirigent vor seinen Partituren. Tagsüber Proben, abends Konzerte.
Natürlich schaltet Mueller auch mal ab und macht andere Dinge, aber die Musik erzeugt schon Stimmungen im täglichen Leben, nimmt viel Zeit in Anspruch. Trotzdem muss man die Musik vom täglichen Leben trennen und nicht noch beim Abendessen mit der Gabel einzelne Stücke dirigieren.
Nachdem er in jungen Jahren auch komponiert hat, findet er heute leider nicht mehr die Zeit dazu, es fehlt an innerer Ruhe oder Antrieb.
Seine persönliche Vorliebe in der Musik? Er bezeichnet sich selbst als „Musikverschlinger“ aller Epochen und Stilrichtungen, wobei die Qualität maßgebend sei. Bach sei allerdings sein absoluter „Musikgott“ (deshalb ist ihm Bückeburg auch so sympathisch, war doch einer der Söhne Bachs hier Kantor), aber daneben sei immer das Aktuelle, was gerade ansteht, das Lieblingsstück.
Wie verändert die moderne Zeit die Musik, gibt es Tendenzen, inwieweit klassische Konzerte noch „en vogue“ sind?
„Wir im Orchester beobachten, dass die Menschen durch die permanente Reizüberflutung in ihrem täglichen Leben wieder die Ruhe eines – besonders klassischen – Konzertes suchen. Aufgestellte Erhebungen haben zudem gezeigt, dass klassische Musik richtig populär ist“, so Mueller. Das Problem an vielen Schulen sei allerdings, dass der Musikunterricht oftmals keinen hohen Stellenwert mehr einnimmt oder einfach die Mittel dafür fehlen. Diese Aufgabe fällt dann immer mehr den Musikern zu. Eine eigentlich schöne Aufgabe, die aber sehr zeitaufwändig ist und bei dem noch die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen. „Ich glaube an die Kraft der Musik“, so Mueller, „wir sehen, wie begeistert die Schüler sind, wenn wir an ihren Schulen musizieren.“
In den klassischen Konzerten sind neben den Musikliebhabern oftmals auch Menschen, die aufgrund gesellschaftlicher oder familiärer Verpflichtungen teilnehmen (müssen), ohne tatsächlich Schubert von Mozart unterscheiden zu können. Wie ist das für einen Dirigenten, welches Publikum ist ihm lieber?
Christoph-Mathias Mueller hat eine ganz klare Antwort: „Musik kann jeden berühren, auch, wenn der erste Impuls eher einer gesellschaftlichen Verpflichtung entsprungen ist. Immerhin haben sie sich trotzdem die Zeit genommen, ins Konzert zu gehen. Als Musiker hofft man dann, diese Menschen durch die Musik zu erreichen. Durch die emotionale Aussage der Musik schafft man das auch sehr gut. Schön ist aber allein die Tatsache, dass ein großes Orchester auch in der heutigen Zeit noch so großen Anklang bei den Menschen findet.
Sein eigener Musikgeschmack liegt zwar im klassischen Bereich, aber auch der alte Jazz aus den 40er und 50er Jahren, wie von Ella Fitzgerald oder Frank Sinatra gefällt ihm.
Popmusik sei allerdings gar nicht seins, die Qualität sei auch nicht so überzeugend. Wobei auch die Symphoniker mit ihrer Reihe „Pop meets Classic“ erfolgreich mit Musikern moderner Musikrichtungen zusammengearbeitet haben. Entscheidend ist dabei einfach die Qualität. Mueller hat den gleichen Anspruch an einen Popsänger, wie auch an klassische Musiker.

Christoph-Mathias Mueller im Gespräch mit Sabine Christel (pr.)
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