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Ich wünsch mir „Mary Poppins“ – Eine musikalische Probe mit dem Blasorchester Krainhagen

Ich wünsch mir „Mary Poppins“ – Eine musikalische Probe mit dem Blasorchester Krainhagen

Hoch oben in Krainhagen an einem Sonntag im Oktober… – Foto: Sabine Christel

Eine Konzertankündigung. Normalerweise erhält man per E-Mail einen fertigen Text, den es zu veröffentlichen gilt. Oder man bekommt spontan ein „Komm doch am Sonntag mal vorbei, wir proben“. Also finde ich mich an einem kalten Sonntag im Oktober dort wieder, „wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen“ und man einen spektakulären Ausblick über das Schaumburger Land hat. Schon von weitem lockt mich die bekannte Melodie „Supercalifragilisticexpialidocious“ an, schwungvoll gespielt von einem Orchester. Denn dort oben am Wald (am, nicht im – sie sind schon in einem Gebäude) proben die Damen und Herren des Blasorchester Krainhagen. Ich warte also mitsummend vor der Tür, bis die Musiker eine Pause einlegen, dann öffne ich selbige und …

Das Waldhorn ist neu – Foto: Sabine Christel

… sitze ich schon fast zwischen den Saxophonen, denn das mittlerweile auf 60 Musiker angewachsene Orchester füllt den Raum bis auf den letzten Zentimeter aus. Von wegen Blasorchester. Das klingt doch eher nach Volksfest, Bratwurst und Bierseligkeit. Was ja nichts schlechtes ist, aber das Blasorchester Krainhagen (BOK) müsste einen ganz anderen Namen haben, einen, der viel mehr das beschreibt, was sie ausmachen. Denn sie spielen auf hohem Niveau querbeet von Klassikern und Klassischem über Musicalmelodien bis hin zu Märschen oder bekannten Rock- und Popsongs so ziemlich alles, was sich als Orchester umsetzen lässt.

Roman Reckling konzentriert bei den Proben – Foto: Sabine Christel

Jetzt steht das Abschlusskonzert, das sogenannte Jahreskonzert an. Davor gibt es noch ein Wunschkonzert. Und tatsächlich zwei verschiedene Programme. Denn beim Wunschkonzert können die Zuschauer vorher auf vorbereiteten Zetteln abstimmen, welche Stücke gespielt werden sollen.

Das Wunschorchester mal gequetscht auf einem Bild – Foto: Sabine Christel

Und auch hier, bei der Probe, wird ein Wunsch erfüllt. Nämlich meiner 🙂 . Ich wünsche mir das Stück „Mary Poppins“, einmal durchgespielt, ohne Pause. Nun, ich sage es mal so, ganz ohne Pause ging es zwar nicht, aber einmal durchgespielt haben sie es tatsächlich.

Und deshalb nenne ich das BOK ab sofort das Wunschorchester.

Zuerst ein paar Infos:

Blasorchester Krainhagen – Foto: Sabine Christel

Das BOK besteht seit mittlerweile über 60 Jahren und hat – wie erwähnt – 60 Musiker. Sogar mit eher ausgefallenen Instrumenten, wie dem Waldhorn oder der Kontrabassklarinette (erinnert mich an ein modernes Alphorn). Viele sind über die Bläserklasse „Blas & Spaß“ (fragen Sie mich nicht, wer sich DEN NAMEN ausgedacht hat…) und dem Ausprobieren eines Blasinstruments zur Gruppe gekommen.

Roman Reckling – Foto: Sabine Christel

Roman Reckling ist nicht nur seit 2013 der Dirigent, sondern auch der musikalische rote Faden, der sich durch das Orchester zieht. Wenn Sie sich eine Weile mit ihm unterhalten, werden Sie feststellen: dieser Mann lebt Musik. Und er gestaltet die Proben zwar mit einem gewissen Humor, aber sehr konsequent und penibel genau. Ihm entgeht keine halbe Note und kein verpasster Einsatz. Und – er weiß, wie er wann wo den Kontakt zum einzelnen Musiker suchen muss, um die Geschichte des Stücks für den Zuhörer so leicht wiederzugeben, dass jeder an seinem Instrument das Beste gibt. Zudem weiß er aus Erfahrung, dass Wochenendproben viel entspannter und besser verlaufen, als nach einem langen Arbeitstag. Trotzdem gibt es die „in der Woche“ Probe, aber mehr, um die Routine in der Gruppe und das Gemeinschaftsgefühl zu erhalten. Geprobt wird jeweils Freitagabend und dann an einigen Wochenenden.

Links die Kontrabassklarinette (übrigens die größte Klarinette in der Familie) – rechts der Kontrabass. So vielseitig ist das BOK. Hier darf man ausprobieren, welches Instrument das richtige für jeden Musiker ist. Wobei, wohl eher, bis das Instrument den richtigen Musiker gefunden hat… – Foto: Sabine Christel

Amüsant sind auch die Eigenarten, die ein Musiker so mit sich bringt. Und schon sind wir wieder in einem Film, denn so wie sich der Zauberstab seinen Zauberer aussucht (Harry Potter), so sucht sich das Instrument seinen Musiker aus. Das zumindest ist die These von Roman Reckling und in seinem Fall muss man wirklich sagen, dass sich der Taktstock wohl den Dirigenten ausgesucht hat, denn ein einzelnes Instrument wäre zu wenig für diesen leidenschaftlichen Musikbegeisterten, er spielt gleich auf dem ganzen Orchester. Es klingt aber schon witzig, wenn er die Marotten einiger Musiker aufzählt und zum Beispiel die Sänger als hypersensibel darstellt, weil sie beim kleinsten Hüsteln in der Umgebung schon Abstand suchen, aus Sorge, ihrer Stimme könne das schaden.

Überhaupt sind Sänger für ein Orchester schon wichtig, denn für einige Stücke benötigt man durchaus eine Singstimme. Nur gespielt würde man das Stück gar nicht verstehen. So zum Beispiel bei den Songs von Adele, die durch die Stimme erst wirken und die Musik ist deshalb direkt für den Text geschrieben worden und nicht der Text für eine fertige Komposition.

Dieses Mal hat er sich „The greatest Show“ ausgesucht. Beim ersten Hören schockverliebt mit dem Gedanken: „Das möchte ich für unser Orchester auch“, sich die Noten besorgt und dann für das BOK arrangiert. Aber – es fehlt die Stimme, die das Stück verständlich macht. Deshalb gibt es bei einigen Titeln auch sehr gute stimmliche Unterstützung.

Als absoluter Laie erschließt sich mir nicht, warum das, was so leicht klingt, so schwierig ist. Ist es die Stückauswahl? Ich stelle mir das so vor: Man bekommt die Noten, kennt das Stück und spielt einfach los. Nein, so ist es dann doch nicht. Denn der einzige, der alle Noten der Musiker gesamt auf seinem Dirigententablet hat, ist Roman Reckling. Die Musiker haben jeweils nur die Noten für ihr Instrument. So weiß die Trompete also gar nicht, wann die Klarinette einsetzt oder wo das Schlagzeug seinen Einsatz hat. Außerdem ist das Stück derart „zerpflückt“ gar nicht erkennbar. Dazu kommt, dass man eine Note unterschiedlich spielen kann: sanft und wie einen Hauch oder kräftig und laut zum Beispiel. Deshalb wird ein Musikstück in kleinste Teile zerlegt und in Abschnitten gespielt. Dadurch können die einzelnen Musiker hören und erkennen, wann sie wo zu spielen haben und vor allem wie das Zusammenspiel funktioniert.

Dabei macht es keinen Unterschied, einen bekannten Popsong oder einen Marsch zu spielen.

Roman Reckling führt das Orchester – Foto: Sabine Christel

Reckling erklärt: Es ist wie in der Literatur: die einen lesen Kleist, die anderen die Tageszeitung. Das hat nicht nur mit Geschmack, sondern auch mit dem eigenen Verständnis zu tun. So ist es auch bei der Musik, Klassik muss nicht schwerer sein als Popmusik. Es gibt allerdings verschiedene Abstufungen in den Stücken: es gibt Titel, die man auch als „Kleist light Version“ arrangieren kann, dass wäre etwas leichter zu spielen und leichter für die Zuhörer. Sein Ziel ist es jedoch, die schwere Version so zu spielen, dass sie leicht klingt.

„Manch einer denkt sicherlich, ich zerteile da vorn mit dem Stab nur die Luft, denn, das Orchester spielt ja von allein. Das ist aber vergleichbar mit einem Fußballtrainer, der hat zwar vorher seine Arbeit getan, aber trotzdem „dirigiert“ er vom Spielfeldrand noch die Spieler, kann durch Handzeichen oder Zurufe die Strategie umstellen oder Spieler anders einsetzen.“

Roman Reckling erklärt das Dirigieren

Zurufen kann Reckling bei einem Konzert zwar nicht, aber er spürt, wie die Musiker am Konzerttag aufgelegt sind und hört genau, wo es Schwierigkeiten oder Unsicherheiten gibt. So sucht er den Blickkontakt bzw. der Musiker erkennt aus den Augenwinkeln die Armbewegung von Reckling und kann sich daran orientieren: JETZT ist der Einsatz, hier muss ich schneller sein, da mein Instrument zurücknehmen.

BOK – Foto: Sabine Christel

Eine Motivation für jeden Musiker ist es auch, wenn das Publikum das Thema verstanden hat und „mitgeht“. Applaus und Begeisterung sind wie ein Adrenalinschub und helfen, dass die Musiker förmlich über sich hinauswachsen. So ist Reckling auch jemand, der Konzerte mitmoderiert, um die Zuhörer in die Geschichte des Stücks einzuführen und die Besonderheiten zu erklären.

Während der Probe spürt man deutlich die Spannung im Raum. Jeder weiß um seinen Einsatz, hört genau zu, trotzdem ist es sehr angenehm dabei zu sein. Das Wunschorchester ist eine Einheit, wirkt fast wie eine große Familie, die „XXL Kelly Family“ sozusagen. Und wenn man über mich sagt, ich habe eine „blumige“ Schreibweise, so muss man über Roman Reckling sagen, dass er sehr blumig seine Erklärungen abgibt, was jede Kritik angenehm und verständlich macht.

Eine Probe – Foto: Sabine Christel

Es wird an so einem Probentag nur ein Ausschnitt geprobt. Jedes Mal, wenn ich denke, jetzt spielen sie einmal ganz durch, kommt ein „Halt!“. Dann muss die Klarinette das A sanfter spielen, war die Trompete einen Moment zu früh und die Saxophone zu „breit“. Eine Flöte hat sich verspielt und „jetzt bitte noch mal ab Takt 13“. Mit der Zeit höre ich genauer hin und bilde mir ein zu erkennen, was jetzt nicht stimmig war. Das zeigt, wie gut Roman Reckling ein Orchester führen kann, denn, man darf eines nicht vergessen, dies ist ein Laienorchester bestehend aus Musikern, die sonst in der Sparkasse, der Polizei oder der eigenen Praxis tätig sind und dies als Hobby betreiben. Trotzdem bewegen sie sich auf einem Niveau, dass man spürt, wie hoch der Anspruch geworden ist. Und das hören auch die Zuhörer, die für ausverkaufte Konzerte sorgen und zudem aus vielen Wiederholungshörern bestehen. Altersmäßig übrigens „von bis“.

Wie kommt das Programm zustande?

Unter der Dusche, wenn es schön warm und entspannend ist, kommen Roman Reckling die meisten Ideen. Oder er hört etwas, was ihm gefällt, hat ein Thema, um das sich die Stücke dann ergeben. Jetzt war es „mit Schirm, Charme und Melone„. Das kennen zumindest noch einige und darum rankt sich jetzt die Musikauswahl. „Schirm“ ist Mary Poppins und daraus wird es ein Medley der bekannten Titel geben, so dass der Zuhörer bei jeder Melodie die passenden Bilder im Kopf hat.

Mary Poppins in Noten – Foto: Sabine Christel

Die genaue Stückauswahl hat er dann aber doch nicht verraten, obwohl ich wirklich meine neugierige Nase tief in die Notenblätter gesteckt habe. „Es wird eine gute Mischung“, verspricht Reckling.

Wunschkonzert und Jahresabschlusskonzert der Proms Konzerte

Bei dem Wunschkonzert am Samstag, 16. November um 18.30 Uhr können sich unsere Gäste aus unserem Repertoire die Titel für die 2. Halbzeit wünschen. Es werden große Wunschzettel im Foyer des Rathaussaales aufgehängt und jeder darf 5 Wunschtitel ankreuzen. Das Abschlusskonzert findet am Sonntag, 17. November um 15.00 Uhr ebenda statt.
Warum überhaupt zwei Konzerte? Letztes Jahr war es im Saal so voll – es konnten nicht alle unser Konzert miterleben. Und so haben wir mit Roman noch gleich an dem Tag entschieden, dass es in 2019 zwei Konzerte gibt.

Sabine Werner, BOK

Karten

Tickets gibt es wie immer an den bekannten Vorverkaufsstellen oder direkt bei jedem Musiker des Wunschorchester BOK zum Preis von 15,00 Euro. Weitere Infos auf der Seite des BOK.

Noch was zum Schluss…

Vielleicht steht das „K“ beim BOK gar nicht für Krainhagen, sondern für Klarinette, denn davon gibt es sehr viele im Orchester und damit sind sie auch da wieder etwas Besonderes.

Die Klarinetten des Orchester – Foto: Sabine Werner
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