#Homeschooling in Zeiten des Coronavirus

#Homeschooling in Zeiten des Coronavirus

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Vom Plusquamperfekt und warum „*Mon Cheri“ dabei so wichtig sind

#Homeschooling und #Homeoffice. Obwohl es ähnlich klingt zwei Begriffe, die nicht wirklich kompatibel sind. Und doch gehören sie sicherlich zu DEN Worten des Jahres 2020. Neben Coronavirus. Denn – wer hätte Anfang des Jahres gedacht, dass dieses ursprünglich so weit entfernt grassierende Virus, ganz plötzlich unser aller Leben lahm legen würde? Obwohl es in Asien und danach auch in Italien bereits Todesopfer gefordert hatte, fanden in unseren Regionen doch noch fröhlich Veranstaltungen statt, fast so, als ob man noch alles schnell erledigen wollte, bevor dann die „Klappe zu“ ist. Praktisch wie bei einem selbst: Man bemerkt schon das erste Halskratzen als Vorbote einer Erkältung, will sich trotzdem die Party nicht entgehen lassen. Nach dem Motto: Vielleicht wirds ja doch nicht so schlimm.

Wie wir mittlerweile festgestellt haben, ein Irrglaube. Und tatsächlich fühlt es sich auch ziemlich irre an, wenn man jetzt durch leergefegte Innenstädte geht und große Teile der Bevölkerung mit Mundschutz und Einmalhandschuhen unterwegs sind. Das soziale Leben findet derzeit sehr unsozial homealone statt. Viele Arbeitnehmer sind im Homeoffice und auch die schulpflichtigen Kinder lernen jetzt brav am heimischen Küchentisch, anstatt in den Schulen. Denn…

..nachdem so nach und nach alles zumachte, hat man sich dazu entschlossen, die Schulen ebenfalls abzuriegeln. Auch, weil es seinerzeit noch hieß, Kinder haben keine oder wenige Symptome, sind aber nette Überträger des Virus an zum Beispiel Eltern und Großeltern. Deswegen verhindert man eine Ausbreitung, indem man die Kinder am besten gleich Zuhause lässt.

Was in einigen Familien als „Corona-Ferien“ entspannt stattfindet, ist tatsächlich aber Homeschooling. Und was so niedlich klingt, entpuppt sich schlichtweg als wahre Plage, denn Homeschooling erfordert nicht nur die Lern- und Arbeitsbereitschaft eines Schülers, sondern auch Zeit, Einsatz und vor allem starke Nerven des Unterrichtenden – und das sind dann die Eltern…. Aber – von Anfang an…

So schwer kann das doch nicht sein…

Homeschooling…. gemunkelt wurde es schon eine ganze Weile, dass die Schulen die Kids nach Hause schicken. Erstmal bis zum Ende der Osterferien (und seien Sie nicht überrascht, wenn es auch darüber hinaus weitergehen wird…). Für die Schüler zählt das als verlängerte Osterferien, für viele Eltern durchaus ein echtes Problem: Arbeiten und Kinderbetreuung? Oder Homeoffice und Homeschooling?

Der Anreiz zum Lernen ist weitaus größer im Rudel, sprich mit mehreren Schülern. Allein hat das Schulbuch wenig Anziehung im Vergleich zu Netflix, Playstation und Youtube. Wie sagte doch ein Vater so schön? Sein Kind macht brav #socialdistancing – zu Hause, allein an der Konsole. Das kann auch die nächsten Monate so weitergehen – so lange das Internet funktioniert, genügend Strom und Verpflegung vorhanden sind, wird sich daran nichts ändern…. Aber EIGENTLICH sollen die Schüler doch LERNEN? Wobei – auch da hakt es. Denn – die Aufgaben dürfen nicht benotet werden, dienen nur der Wiederholung. Ja, wie denn jetzt? Lernen für umsonst? Das zählt nicht? Wie erfolgen denn dann die Noten? Durch raten und schätzen? Sie sehen, es ist ein Problem, auf das niemand wirklich vorbereitet war.

Haben Sie auch so zwei fleißige Nerds zu Hause? Nein? Schade, ich auch nicht.

Homeschooling heißt speziell für mich, dass ich zwei schulpflichtige Kinder zu Hause habe und an die Vernunft und was-auch-immer appelliere, dass jetzt gelernt wird. Am besten ohne Kopfhörer und Rapmusik im Ohr und noch besser, wenn nicht nebenbei ein Youtube Video läuft und man mit dem anderen Auge schon Richtung Uhr schielt, weil gleich ein wichtiges Battle auf Fortnite stattfindet…. Hier bin ich sozusagen Lehrer, Schulleitung und Erziehungsberechtigte in einer Person. Und ich habe mir das auch gar nicht so schwer vorgestellt, eigentlich… Kein frühes Aufstehen, keine Hektik, wir teilen uns alles schön ein, jeder hilft jedem, wir arbeiten ganz entspannt in aller Ruhe….

Denn ich habe kürzlich noch einen Bericht gesehen über Angelo Kelly von der Kelly Family. Die (also seine Kinder und er mit Frau) sind eine ganze Zeit lang durch die Gegend gefahren und haben dabei Homeschooling gemacht. Ich bin nicht sicher, war seine Frau nicht sogar Lehrerin? Ich mag jetzt nicht nachgoogeln. Jedenfalls sah das bei denen so nett aus: Die Kinder sitzen am Tisch und die Mutter macht mit ihnen Unterricht. Oder macht das die Menge? Je mehr Kinder, desto fleißiger?

Was bei den Kellys so leicht aussah, ist bei uns irgendwie anders. Ich bin jetzt morgens nicht nur Weckdienst, Frühstücksservice und Antreiber, sondern habe die ehrenvolle Aufgabe, meine Kinder auch noch „unterrichten“ zu dürfen. Wohlweislich neben meiner anderen schreiberischen Tätigkeit und dem Haushalt nebst allem, was daran noch klebt.

Den Gedanken, dass wir nach einem gemeinsamen nahrhaften gesunden Frühstück in Ruhe zu dritt am Tisch sitzen und homeschoolen und homeofficen, habe ich dann schon nach der ersten Stunde verworfen. Konzentration auf meine Arbeit: Null. Fragen an mich: zweimillionendreiundneunzigtausend. Wichtigster Satz: „Wir besprechen das gemeinsam.“ Und der Satz war nicht von mir.

Mein Plan „wir stehen um 8 Uhr auf und fangen um 9 Uhr an“ hat auch nicht wirklich funktioniert. Warum früh aufstehen, wenn man doch zu Hause ist? „Welche Strafen gibt es denn fürs Zuspätkommen? Nachsitzen oder den Pausenhof fegen?“ Und „Ooopsi, ich hab die Schulbücher vergessen, hole ich mal kurz aus dem Zimmer…„. 12 Minuten und ein Youtubevideo später… „Sorry, der Bus hatte Verspätung!

Na, da hat wohl jemand einen Clown gefrühstückt? Apropos Frühstück. Irgendwo steht noch eine Schachtel Mon Cheri. Die brauche ich jetzt. Zucker ist Nervennahrung. Warum hat man da nur eine blöde Kirsche reingestopft? Nimmt den ganzen Platz weg für den Likör.

Bisschen viel Kirsche, aber sonst sehr lecker….

Motivation und Mon Cheri – mehr braucht man eigentlich nicht….

Kind 2 hat eine Leserechtschreibschwäche, deshalb ist Deutsch nicht gerade ein Lieblingsfach. Trotzdem wagen wir uns an das reichhaltige Aufgabenangebot, das uns die Lehrerin per E-Mail übersandt hat. Immerhin, die Reihenfolge können wir frei wählen. Wobei Wahl… Zwischen Pest und Cholera vielleicht… Ich fühle mich an alte Schulzeiten zurück erinnert und täglich grüßt das Murmeltier…

Wir stecken beide in den langweiligen Geschichten fest, die überarbeitet und neu geschrieben werden sollen. Welche gnadenlos schlechten Autoren haben sich die Geschichten nur ausgedacht? Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Und dabei muss ICH noch motivieren!

Eine gute Planung ist alles…

Kind 1 bereitet sich derweil aufs Abitur vor. Mein Hilfsangebot in der Zeit: Saft reichen, Bleistifte anspitzen und ansonsten bin ich da raus. Raus ist übrigens noch nicht, wie das mit den Klausuren weitergeht und natürlich ist man interessiert zu erfahren, wie regeln sie das dieses Jahr mit dem Abitur? Und man hörte es irgendwo, dass evtl. zumindest die Oberschüler vorzeitig zur Schule zurückkehren werden.

Auch gibt es Unterschiede beim Homeschooling – manche Schulen oder Schulklassen bieten Videounterricht an, ansonsten bilden sich Whatsapp Gruppen, in denen man sich austauscht. Was fehlt ist jedoch das gemeinsame Arbeiten, Teamwork und immer wieder der soziale Kontakt. In dieser, durch das Virus bestimmten, Zeit merken gerade die älteren Schüler, wie wichtig persönliche Kontakte sind, und das auch das Internet mit all seinen Möglichkeiten so etwas nicht ersetzen kann.

Auch das Stöbern in den Bibliotheken, um vor Ort sich Literatur zum Lernstoff zu holen und dort zu lernen, fehlt.

Lebensweisheiten, die genau betrachtet sinnfrei sind…

Es heißt ja immer: Du lernst für dich und nicht für die Schule. Das ist die größte Lüge überhaupt, denn man lernt in Wirklichkeit für solche Situationen, in denen man den Kindern Unterrichtsstoff aus der Schule erklären soll. Aber meistens ist das genau das Zeug, das man in der Schule selbst nicht verstanden hat und sich mühsam durchschlängeln (abschreiben?) musste. Dass sagt einem aber auch kein Lehrer während der Schulzeit. Niemand sagt: „Pass gut auf, denn es kann sein, dass dir deine Kinder irgendwann richtig auf die Nerven gehen und sagen:“Los, erklär mir das, ich verstehe das nicht„.“ Und als Eltern muss man doch allwissend sein. Nie wurde ich auf den Prüfstand gestellt, ob meine Noten wirklich so gut waren, wie ich immer erzählt habe (Leistungskurs Politik, Klassenbeste, Schulsprecher und Nerd). Und mit dem Alter wird das Langzeitschulerinnerungsgedächtnis nicht unbedingt verbessert. Regelmäßige interne „Renovierungsarbeiten“ finden doch gar nicht statt, oder lesen Sie vor dem Einschlafen noch französische Grammatik oder Funktionsanalysen?

Was ist beispielsweise ein Plusquamperfekt? Klingt wie eine Mischung aus Kaulquappe und Wackelpudding, aber das kann ich natürlich nicht sagen. Meine Hilfsquelle ist Google, mal ehrlich, ich kann mir die unwichtigsten Dinge merken, aber diese Sachen, die ich vor Ewigkeiten mal in der Schule gelernt habe, sind im Gehirn ganz hinten verstaut und ich habe echt keine Lust, die Kisten davor wegzuräumen, um das rauszusuchen. Elegant versuche ich – ein Auge bei Wikipedia – derartige Begriffe zu erklären. Warum bekommt man als Eltern nicht zumindest Lösungshefte zugeschickt? Wenn ich schon als Aushilfspädagogin fungieren muss?!

Rechtschreibung und LRS sind übrigens zwei Dinge, die nicht wirklich gut zusammenpassen. Ich bin aber nicht so eine fiese Ersatzlehrerin, die alles im Aufsatz rot anstreicht und sagt, dass es falsch ist, stattdessen bemühe ich mich darin, Kind 2 zu motivieren und schaffe es sogar, dass es wieder Lust an Aufsätzen hat. Als Mama habe ich ehrlich gesagt nicht automatisch mehr Geduld, aber ich habe Mon Cheri und ich weiß, dass das ständige Hinweisen auf eine Schwäche ein Kind nicht gerade zum Lernen anregt. Ist bei Erwachsenen doch auch so: Ein ewig meckernder Chef kann das ganze Betriebsklima zum Erliegen bringen. Lob ist das Zauberwort. Und Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden (ich brauche mehr Mon Cheri!!).

Kind 1 muss eine wirklich extrem langweilige Abhandlung zu einem Buch von Erich Kästner schreiben. Ich finde es zwar gar nicht so schlecht, brauche allerdings einen Moment, bis ich die Fragen der Lehrerin verstanden und für mich übersetzt habe. Der arme Erich Kästner. Wenn er wüsste, dass er so viele Jahre nach seiner Schaffensphase Schüler langweilt, weil man seine wirklich gute Literatur in uninteressante Fragen quetscht. Und warum greift man dann alternativ nicht zu aktuellen Autoren? So kann man Schülern das Lesen aber auch verleiden…

Man lernt ja nie aus…

Deutsch mit Kind 2 ist geschafft und meine große Stunde schlägt: Geometrie. Dass habe ich schon in der Schule nicht verstanden. Mir erschließt sich auch nicht der Sinn, warum man irgendwelche komisch winkligen Zeichnungen machen muss. Ganz ehrlich, ich bin jetzt schon so lange auf der Welt und habe es nie gebraucht. Niemals.

Bis jetzt.

Ich überlege, ob mein Mathelehrer von damals noch lebt und beginne ihn zu googeln. Kind 2 hat Mitleid und fängt an, mir den Stoff zu erklären. Wir sind jetzt an dem Punkt: Er erklärt und ich zeichne. Ich bin nicht gut, aber Rom ist ja auch nicht an einem Tag…

Nun ja, ich bin nicht ganz sicher, ob das so gewollt ist, aber ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Ich verbessere hier immerhin meine damalige Mathenote. Bin vor mir selbst begeistert. Ich und Geometrie! Kind 2 bremst meinen Enthusiasmus – ich soll mal ordentlicher arbeiten, nicht über den Rand zeichnen, sonst muss ich alles nochmals machen. Hier übertreibt aber gerade jemand gewaltig!

Und man denkt immer, „dass muss ich nie wieder machen“. Und zack, Homeschooling!

In der Oberstufe gibt es kein Geometrie, dafür Funktionsrechnungen, deren Funktion mir allerdings ein absolutes Rätsel ist. Buchstaben und Zahlen in einer Aufgabe und dann müssen die irgendwie weggemacht und wiedergefunden werden. Wer braucht so etwas und vor allen Dingen: Wer versteht so etwas? Das hat mit logischem Denken doch schon lange nichts mehr zu tun, wer so denkt, hat auch sonst nichts vom Leben. Kind 1 meint, dass der Mathelehrer das nicht gut erklären konnte und sie sich die Lösung aus dem Internet raussuchen musste. Ich habe Sympathien für den Lehrer, denn für mich ergibt das Ganze auch keinen Sinn. Bin aber neugierig: Wer macht darüber Youtubevideos?

Dabei ist das sogar ein großes Feld an Informationen. Es gibt zu vielen Themen Videos – langatmige Literatur wird beispielsweise in Kurzform mit Legofiguren nachgespielt. Gucke ein bisschen „Die Leiden des jungen Werther„. Werde aber sofort gemaßregelt: „Ey, am Tisch ist HANDYVERBOT!“ Sach mal, wer macht denn hier die Regeln?

Zwei Stunden Homeschooling und ich bin reif für die Insel. Wir machen das übrigens sieben Tage die Woche, damit wir gar nicht aus dem Rhythmus kommen. Es sind aber auch nur zwei Stunden täglich, die wir aktiv den Schulstoff bearbeiten. Danach schicke ich Kind 2 zum Sport vor die Tür, eine Stunde Waveboard fahren. Natürlich alleine ohne Gesellschaft, aber zum Auslüften und als sportliche Betätigung. Derweil versuche ich, ein bisschen Homeoffice zu erledigen und die Küche wieder zurückzuverwandeln.

Schule? Kann ich!

Nachmittags gibt es dann noch ein paar nette Fächer die mir gefallen, z.B. „räumliches Denken“ in „Wie passen die Dinge, die auf dem Boden liegen, alle in den Schrank“ oder Biologie und Chemie in „Heute kochen wir Suppe“ und natürlich ein bisschen Geschichte in „Wer die Spülmaschine zuletzt eingeräumt hat ist auch fürs Ausräumen zuständig – also, wer wars?“ und „wo ist die Packung Eis, die gestern noch im Gefrier war, geblieben“, fast wird es dabei sogar politisch, wenn Krisengespräche geführt werden und jeder argumentativ seinen Standpunkt verteidigt.

Ich sags mal so: Wenn dieses Virus vorbei ist oder man es zumindest irgendwie in den Griff bekommen hat und meine Kinder versetzt werden, bin ich dann eigentlich nicht auch eine Pädagogin?

*Markenname, aber kein Werbedeal. Tatsächlich knabbert die Redaktion nur an gesunden Gemüsesticks. 😉

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