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„Herz rangiert vor Schliff“ – Die Sonntagskolumne von Bestsellerautor Hasan Cobanli
Scarlett - Die Kolumne

„Herz rangiert vor Schliff“ – Die Sonntagskolumne von Bestsellerautor Hasan Cobanli

Herz rangiert vor Schliff

Benehmen und Klasse lassen sich nicht lernen – schon gar nicht aus Büchern, meint unser Kolumnist Hasan Cobanli und belegt das an einigen Beispielen aus seiner Bibliothek .

Hasan Cobanli – Bestseller-Autor

Manche Leute kennen zwar alle Regeln, irren aber genau aus diesem Grund. Dazu gehören die Autor(inn)en einiger Benimm-Bücher. Natürliche Lässigkeit ist gut – offensichtlich forcierte Korrektheit ist peinlich. Da es nur Nuancen, Winzigkeiten sind, an denen ein Gentleman den anderen erkennt, sind sie für Nichteingeweihte schwer auszumachen: Echtheit rangiert nämlich vor Schliff, Herz vor Förmlichkeit. Die Art, wie einer sich am Tisch erhebt um einen (weiblichen oder männlichen) Ankömmling zu begrüßen, sagt viel aus. Noch mehr die Art, wie einer über den anderen spricht, ihn vielleicht in Schutz nimmt, Verständnis und Toleranz zeigt.

Dass man selbst heute noch merkt, woher einer kommt, hat zwar auch etwas mit Kleidung zu tun, mehr jedoch damit, wie er sich darin bewegt und wie er sich
in der Konversation schlägt. Einer, der dauernd dazwischenredet, anderen seine
Meinung aufzwingt, schlechte Witze absondert, gibt sich ebenso zu erkennen wie einer, der nachts auf der Autobahn aufgeblendet fährt, beim Trinkgeld knausert oder sich mit Eroberungen brüstet. So einem hilft auch nicht, wenn er nebenbei angelernte Kenntnisse über Weintemperatur, teure Armbanduhren und Zigarrenmarken verkündet.

Wenn es auch manchem Ehrgeizling auf dem Weg nach oben gelingt, durch sein Äußeres auf den ersten Blick irrezuführen (alles auf einen Schlag bei Brioni
gekauft), so decouvriert er sich spätestens, wenn er den Mund auftut.

Womit wir beim dritten Merkmal sind, das kein Benimmkurs einem Menschen aberziehen kann – der Sprache.

Angehörige der Oberschicht sprechen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Man hört ihnen die Klasse an, der sie angehören, egal aus welcher Gegend sie oder ihre Familien stammen (Schlossdeutsch näseln zum Beispiel ist schlichtweg nicht erlernbar, warum auch?). Kleinbürger reden auch wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, nur dass man ihrem Idiom die Provinz – was sage ich, bisweilen sogar den Straßenzug – anhört, dem sie entstammen.

Und die Leute, die irgendwo zwischen Oberschicht und Kleinbürgertum angesiedelt sind, sprechen, benehmen und kleiden sich wie es Menschen zwischen zwei Klassen eben zukommt. Das ist die (selten schweigende) Mehrheit unseres Volkes, das ist die Masse.

Verwirrenderweise nivellieren die Massenmedien Fernsehen und Kino (und nicht nur die) die Sprachgrenzen zwischen den Klassen. Mancher, dem daran gelegen ist, kann sich also eine Aussprache aneignen, die ihm gar nicht angeboren ist (dann redet er eben wie der Synchronsprecher von Tom Cruise). Was auch nicht erstrebenswert ist, denn der Siegeszug des Degoutanten hat dafür gesorgt, dass man sich nicht mehr am Fernsehen orientieren kann. Die Zeiten der (unbewussten) Reverenz des Mediums gegenüber
Kultiviertheit sind vorbei.

Soll man sich also ein Benimm-Handbuch kaufen – oder ist das nicht irgendwie ein bisschen lächerlich? Ich bezweifle nämlich ausdrücklich, dass diese gedruckten oder dozierten Leitfäden jemanden zu einem angenehmeren Zeitgenossen machen, aber Autor-(inn)en und Seminarleiter müssen ja auch leben. Die Bücher und Stilkurse dieser öffentlichen Gouvernanten tun doch nichts anderes als der Oberschicht ihre Geheimnisse abzukupfern und sie der Unterschicht aufschwatzen. Krethi und Plethi, denen es eigentlich besser anstehen würde, weiterhin mit beiden Händen tief in der Hosentasche herumzustehen, mal – „uupsss“ – leicht aufzustoßen (um dann gepeint „Tschulliung“ zu murmeln, oder auch nicht), den Flugzeugsessel ohne Rücksicht in Schlafposition zu klappen, (hinter vorgehaltener Hand) zu zahnstochern, mit offenem Mund Kaugummi zu kauen, im Jogginganzug zu reisen und so weiter, sollen sich plötzlich gerieren wie kultivierte Menschen mit Manieren?

Sollen Fans des Volksmusikprogramms samstags im Ersten sich plötzlich einen Rachmaninow-Abend auf „Arte“ antun? Ein „Focus“-Leser ab nächsten Montag zum „Spiegel“ greifen (und richtig lesen müssen)? Das kann nicht gutgehen.

Dennoch habe ich in einigen dieser Bücher geblättert und möchte sie Ihnen nicht vorenthalten, auch wenn ich, wie gesagt, an ihrem Sinn zweifle.

„Hummer, Handkuss, Höflichkeit“, das „Handbuch des guten Benehmens“ ist das dickste. „Was sind Anstand, Takt, Diskretion, Charme, Harmonie, und warum unterstützen wir diese Tugenden?“ Autor C. Bernd Sucher gibt darauf durchaus originelle Antworten, denn er hat die Benimmliteratur gesichtet – von Erasmus von Rotterdam über Knigge und Della Casa bis zu Elise Burch – und jongliert beim Beantworten von Stilfragen ebenso mit Zitaten aus der Weltliteratur wie mit anderen klassischen Publikationen (Gräfin Pappritz, Gräfin Schönfeldt etc.) zum Thema. Sucher ist Herausgeber des DTV-„Theaterlexikons“. Vielleicht glaubt er deshalb, dass man zum Cut unbedingt Handschuhe und Zylinder tragen muss und einzig graue Weste und weißes Hemd – was man heute wirklich nur noch auf Volksbühnen oder in sehr, sehr alten Filmschnulzen sieht.

Die betulichste Version einer Benimmfibel ist Helen Ann Augsts „Das große Buch der Umgangsformen“. Wenigstens hat die Autorin erkannt, dass gute Manieren nicht „wieder In“ sind – ein Unsinn, der für viele Benimmartikel und Bücher als eine Art Entschuldigung für ihre Existenz dient -, sondern stellt zurecht fest, dass „gutes Benehmen nie aus der Mode“ kommt.

Der Untertitel „Erfolg bei Frauen mit Stil und guten Manieren“ ist die erste sichtbare Schwäche des unfreiwillig komischen Werks „Fingerspitzengefühl“ von Ulrike Krages. Wären da nicht ausgesprochen dümmliche Kapitel, etwa „Wie angelt man sich das Herz einer verheirateten Frau und wie wird man es wieder los“ oder „Die richtigen Ausreden – Frauen wollen belogen werden“, wären ihre bierernst gemeinten Benimm-Ratschläge für den Provinzaufreißer als Lachnummer für eine Partyrunde geeignet. Kostprobe: „Lassen Sie die Dame gleich spüren, dass Sie ein ungezwungener Mann sind, der mitten im Leben steht: Gehen Sie, nachdem Sie ihren Besuch empfangen haben, duschen! Sie haben ihr nun die Möglichkeit gegeben, auf die Dinge in Ihrer Wohnung aufmerksam zu werden, die Sie vorher mit viel Sorgfalt arrangiert haben…“ Auch beim Thema Etikette vergreift sich die Autorin gehörig im (guten) Ton, etwa im Kapitel „Zu zweit in der Öffentlichkeit“. Zitat: „Sind Sie der Ranghöchste in einer Gesellschaft, brauchen Sie schlaffe, verschwitzte, klebrige oder schraubstockartige Hände auch nicht zu ergreifen, wenn Sie nicht wollen.“ Ein Buch zum Fremdschämen.

Durchaus sinnvoll erschien mir „Spaghetti, Jeans & gute Sprüche“ – „Knigge für Kids“: Wie wirke ich auf andere? Wem gehört was? Wie esse ich was? Wie komme ich aus einem Fettnäpfchen wieder heraus? Was ist eine Notlüge? Was darf ich einem Kranken sagen? In ihrer freundlich plaudernden Frage- und Antwort-Form vermittelt die Kommunikationstrainerin Elisabeth Bonneau in diesem Buch Kindern vor allem eine Erkenntnis: Verständnis füreinander fördert die Verständigung untereinander. Ihr Buch berät die Zwerge, wie sie sich in allen Lebenslagen, auch in prekären, gegenüber Menschen verhalten, ohne eigene Interessen zu unterdrücken. Im Umgang mit den Eltern, in der Gruppe, im Ausland. Hat mir gut gefallen, das Büchlein – ich empfehle es aufgeblasenen Zwergen wie Unternehmensberatern, Auto-Managern, Boulevardredakteuren und manchen Ministern (keine Namen, Sie werden schon wissen, wen ich meine).

Hier möchte ich jetzt noch ein Buch ausdrücklich loben: Es heißt kurz und bündig: „Manieren“

Was sind eigentlich Manieren? Warum stand Kemal Atatürk noch als Todkranker auf, um seinen Arzt anständig zu empfangen? Welche innere Haltung drückte die gute alte, früher weit verbreitete Geste des Handkusses aus, die heute nur noch unter Aristokraten üblich ist? Dass die Frage nach dem Wesen von Manieren nicht ganz einfach zu beantworten ist, merkt der Leser zu seiner Verwunderung im Laufe der Lektüre des Buchs „Manieren“ des Afrikaners Prinz Asfa Wossen Asserate.

Manieren haben heißt nach Asserate grundsätzlich, dass der Mensch sich von seinem angeborenen Verhalten durch Mäßigung entfernen und einen Stil des zwischenmenschlichen Umgangs entwickeln soll, der ästhetisch als schön und moralisch als gut empfunden wird. Manieren sind die äußere Repräsentation des jeweiligen Bildes vom idealen Menschen. Zu Manieren gehören Sitten der Kleidung und der Sprache, Riten der Begrüßung, der Anreden, der Titel und durchaus auch heute noch. Dementsprechend ändern sich die Manieren in Abhängigkeit von den Epochen, den Nationen und den unmittelbar prägenden Institutionen.
Die gesellschaftliche Bedeutung der Manieren wechselt: Im vorindustriellen Zeitalter stellte der einzelne durch seine Manieren mehr dar als sich selbst, nämlich in erster Linie seine Familie, seinen Stand, seinen König, sein Land, sein Geschlecht.
Heute sind die Stände abgeschafft und in Deutschland herrscht eine klassenlose Gesellschaft ohne verbindliche Regeln.
Der Einzelne stellt durch seine Manieren also (fast) nur noch sich selbst dar. Manieren sind Ausdruck seines Selbstanspruchs, seines Geschmacks, seines Respekts für andere, seiner Feinfühligkeit und seiner Vornehmheit des Herzens. Daher sind Manieren heute mehr denn je die Visitenkarte eines Menschen.
Die 37 Kapitel des Buches „Manieren“ veranschaulichen glanzvoll Manieren aus der Geschichte, aus der Literatur und aus der eigenen Beobachtung. Der kulturhistorische Zusammenhang wird gleich mitgeliefert. Jedes Kapitel ist ein in sich geschlossenen kleines Kunstwerk. Ich habe mich bei der Lektüre bestens unterhalten gefühlt, mich an der geschliffenen Sprache Martin Mosebachs, des Koautors und Lektors von Prinz Asserate erfreut, und viel Vergnügliches erfahren.

Der Stil dieses Buchs kann gut durch des Autors aus Afrika mitgebrachte Vorstellung von gesellschaftlicher Konversation in Europa charakterisiert werden: „..und nun sprachen sie, als ob sie sich goldene Kugeln zuwarfen, schnell sicher, immer exakt …“. „Manieren“ ist schön, leicht und formvollendet und vor allem (!) von großer Humanität getragen.

Denn Herz geht eben vor Schliff.

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