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Eine kleine Geschichte über die Zeit – Die Sonntagskolumne auf Scarlett-Magazin
Scarlett - Die Kolumne

Eine kleine Geschichte über die Zeit – Die Sonntagskolumne auf Scarlett-Magazin

„Ich habe keine Zeit“. Wie oft haben Sie das gedacht oder gesagt, wie oft haben Sie das gehört? Keine Zeit haben – gibt es das wirklich?

Die Arbeit im Büro stapelt sich. Der Feierabend rückt in weite Ferne. Ein Kollege kommt, stellt sich neben Sie und wartet geduldig ab, bis Sie ihn beachten. Innerlich sind Sie unruhig, die Aufgabe muss erledigt werden, Sie haben alles – nur keine Zeit. Keine Zeit zuzuhören, keine Zeit überhaupt an etwas anderes zu denken. Aber genau das tun Sie gerade… Und Zeit ist zudem etwas, was man nicht hat, sondern sich nimmt. Von den 24 Stunden, in die der Tag eines Jeden eingeteilt ist, nehmen Sie sich die Zeit für die Dinge, die Sie innerhalb dieser Spanne erledigen wollen. Sie haben also Ihren persönlichen Ablaufplan für den Tag erstellt. Gibt es Änderungen, verlieren Sie Zeit und müssen neu planen. Ähnlich wie ein Navigationsgerät die Route neu berechnet.

Dabei ist auch diese Formulierung nicht zutreffend. Sie haben die Zeit nicht verloren, denn Sie haben Sie ja verwendet. Nichts, was mit Zeit zu tun hat, geht verloren. Wir formulieren es nur so, weil wir der Zeit soviel Aufmerksamkeit widmen.

Die Zeit ist somit unser persönlicher Führer geworden: Nicht unsere Bedürfnisse nach Ruhe, Schlaf, Nahrung oder Aufmerksamkeit leiten uns, sondern eine Vorgabe, der sich die Gesellschaft, also wir alle, anpasst.

Allerdings betrifft es nicht alle Menschen. Es gibt durchaus Völker auf der Welt, die sich nach dieser Vorgabe nicht richten. Wir hingegen, als moderne Europäer, sind zum „Sklaven“ selbiger geworden. Die unseren Alltag, ja sogar unsere Freizeit, akribisch aufteilen und am Ende für gesundheitliche Störungen wie Burn-Out oder Erschöpfung sorgen. Weil unser Körper versucht, uns bewusst zu machen, dass wir individuell sind, eigene Bedürfnisse haben und diese viel zu oft verleugnen. Weil wir das Gefühl haben, wir müssten uns stets und immer anpassen. Und wenn es stressig wird, weil wir mit der Zeit anders umgegangen sind, als uns die Sklavenhalter Uhr und Kalender vorgegeben haben, dann verlangen wir unserem Körper noch mehr Leistung ab, um die verlorene Zeit zu versuchen aufzuholen.

Es heißt, wir brauchen diese Vorgaben, damit das allgemeine Leben stattfinden kann. Könnte jeder nach seinen eigenen Bedürfnissen handeln und leben, würde Chaos herrschen.

Tatsächlich?

Was herrscht denn jetzt? Körperliche Erkrankungen, die mit Medizin unterdrückt werden. Urlaub und Freizeit, in der Erholung nach einer Vorgabe erfolgt. Regeln, die uns bestimmen, als wären wir alle gleich. Und wer es wagt individuell zu sein, gilt als „anders“ und wird zur Anpassung gezwungen oder ausgegrenzt.

Wir haben Zeit. Immer und überall.

Aber – wir nehmen Sie uns nicht.

Dafür gibt es so viele Beispiele. Dem anderen ZUHÖREN. SICH für den anderen ZEIT NEHMEN. Sich selbst ZEIT GEBEN.

Ein Kranker braucht oftmals nur Ruhe, damit der Körper seine Selbstheilungskräfte einsetzen kann. Beim Arzt bleibt meistens wenig Zeit für ein Gespräch, was vielen Patienten jedoch mehr helfen würde, als ein chemisches Präparat. „Ich höre Dir zu“ heißt auch „Du bist wichtig, deshalb nehme ich mir die Zeit für Dich“.

In einer Arztpraxis las ich kürzlich auf einem Schild: „Das beste Mittel bei einer Erkältung ist Ruhe.“

Den Kindern in der Schule Zeit geben, die Dinge nach ihren Bedürfnissen zu erlernen. Jedes Kind ist anders. Aber wir züchten aus frei denkenden Kindern angepasste Erwachsene heran, die zur Masse gehören.

Wir nehmen uns keine Zeit, deshalb muss auch alles um uns herum schneller sein. Eingriffe in die Natur, um bessere, vor allem schnellere Ergebnisse zu erzielen, Stichwort Begradigung und Vertiefung von Flüssen, Genmanipulation, Rodung von Wäldern. Immer mehr PS-starke Fahrzeuge bauen, damit wir noch schneller überall hinkommen. Schnelles Geld verdienen. Schnellrestaurants, damit wir auf unser Fast-Food nicht warten müssen. Sogar, wenn wir etwas zur Entspannung machen, wie Yoga oder Meditation, messen wir auch dies in Zeit, um danach vorgeblich entspannter, aber immer noch schnell der Zeitvorgabe zu folgen. Eile, Hektik, Stress, Nervösität, Herzrasen, Atemnot, Panik, Mühe. Alles Begriffe, die mit Zeitnot in Verbindung stehen. Schnell sein. Schneller als der andere. Mehr leisten. Die vorgegebene Zeit überlisten und dabei zum Opfer selbiger werden.

Egal, wie schnell wir sind, der Tag hat immer genau 24 Stunden.

Sie sagen, dass wissen Sie? Aber warum handeln Sie dann nicht danach? Sie trommeln nervös mit den Fingern auf Ihr Lenkrad, wenn Sie irgendwo warten müssen. Geht es dadurch schneller? Versuchen Sie, einen Rekord aufzustellen, in dem Sie immer mehr Tätigkeiten in einen Tag hineinquetschen? Und wenn ja, warum?

Wer schnell lebt, lebt nicht länger…

Egal, wie schnell wir leben, unser Leben ist endlich. Und es liegt an uns selbst, wieviel Zeit wir uns nehmen, um es zu erfüllen. Mit Dingen, die uns gesund halten. Die Freude und damit positive Energie und freiwillige Leistung bringen. Wie viel wir von dem, was um uns herum ist, wahrnehmen.

Zeit ist kostbar.

Danke, dass Sie sich für mich Zeit genommen haben. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

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