Die Sonntagskolumne: Prominente ganz privat
Scarlett - Die Kolumne

Die Sonntagskolumne: Prominente ganz privat

Hasan Cobanli zum 100sten Geburtstag der Fürstin „Manni“ Wittgenstein

Bestsellerautor Hasan Cobanli mit Fürstin Marianne zu Sayn-Wittgenstein-Sayn – Foto: Cobanli privat

Wenn Fürstin Marianne zu Sayn-Wittgenstein-Sayn ihre Urlaubsfotos zeigt, schaut jeder gerne hin. Als ich zum ersten Mal die Ehre hatte, musste ich in den Keller ihres Fuscheler Jagdhauses kriechen (und stieß mir an der Treppe den Kopf blutig und selbst da klebten Fotos) und die riesigen roten Alben hoch schleppen. Jedes Jahr wurden es 3 rote Riesen-Alben mehr. Damals gab es noch kein „Mamarazza“ Buch und keine „Sayn-Wittgenstein Collection“. Ich wünschte heute, ich hätte die Idee zu diesen Büchern gehabt. Aber andererseits hätte ich mich mit Manni zu Tode gezankt bei der Auswahl. Sie hat ihren eigenen Willen, die Fürstin. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Und damals gab‘s ja nur die roten Alben. Nur Freunde und Verwandte durften die durchblättern. Oder mussten. Denn man wurde ein bisschen süchtig nach diesen Fotos, die so einfach und unprätentiös geschossen waren – klick – und so außergewöhnlich. Auf diesen Fotos posierten Familienmitglieder am Strand von Acapulco gleichberechtigt mit Sean Connery, der mit Ehefrau Micheline und Jet-Set-Ikone Gunter Sachs gut gelaunt mit der Kamera kokettiert. Nicht abgeschossen wie von Paparazzi, nicht heimlich vom Baum herunter mit der Tele-Tüte wie in der „Sun“ oder der „Bild“ Zeitung. Nein, einfach fotografiert. Klick.

Ich war eine Zeitlang regelmäßig Gast in ihrem kleinen gemütlichen Jagdhaus, was mit meiner ersten Ehe zu tun hat. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Und ich bewundere diese Frau sehr (wenn ich auch dauernd mit ihr stritt und mir aus allen (un)möglichen Gründen ihren Tadel zuziehe). Manni Wittgenstein ist eine strahlende Persönlichkeit in welche Schublade man sie auch steckt: Als Fotojournalistin? Ein Naturtalent. Als Aristokratin? Genotypisch ein bisschen Emporkömmling, das sagt sie selber auch, wenn sie Lust hat, aber phänotypisch eine Bilderbuchfürstin, die bis heute mit Grandezza durch ihr nicht immer einfaches Leben schreitet. Als Gastgeberin? Hinreißend. Ich hatte die Freude, fünf Jahre lang (die Dauer meiner ersten Ehe sozusagen) in ihrem Hause und später in dem ihrer Tochter Elisabeth („Li“) Weihnachten und Silvester zu feiern und auch während der Festspiele war ich Mäuschen, wenn sie kamen, die Kissingers, die Thatchers, die Sachs, die Laudas…

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Als Mitglied des europäischen Hochadels hatte Manni immer Zugang zu den VIPs dieser Welt. Und da jeder wusste, dass sie stets als Freundin und Vertraute fotografierte, erhielt sie ganz andere, intimere Einblicke als herkömmliche Fotografen, die keinen Schimmer von den Menschen haben, die sie fotografieren und sie nur als „A-, B- oder C-Promis“ klassifizieren wie – na Sie wissen schon, wer.

Manni bekam mit neun Jahren ihre erste Kamera geschenkt. Und noch als verheiratete Prinzessin Sayn-Wittgenstein-Sayn tat sie jahrelang das, was alle tun: die Familie fotografieren. Den Ehemann, die immer größer werdende Kinderschar, die Freunde. So zeigt der Bildband „Sayn-Wittgenstein Collection“ nicht nur Celebrity-Fotos, sondern gibt auch sehr private Einblicke in das Leben der Fürstenfamilie, deren Hauptsitz auf Schloss Sayn in der Nähe von Koblenz ist. Es sind Dokumente einer vergangenen Zeit und entwickeln ein künstlerisches Eigenleben wie einen fernen Glanz.

So sind auf einem Foto vom frühen Morgen des 14. Mai 1950 die unversehrten, aber sichtlich geschockten Opfer eines Autounfalls um das verbeulte Wrack ihres schwarzen Brezelfenster-Volkswagen-Käfers versammelt: Alle tragen noch festliche Kleidung, sie kamen von einem Ball. Während Ludwig Sayn-Wittgenstein-Sayn, der junge Ehemann der Fürstin, den Schaden im Frack am Auto kniend inspiziert, umstehen die jungen Damen das Wrack mit wirklich adliger Haltung – die drei Grazien in Person.

Was zunächst nur ein Hobby war, machte die Fürstin erst in den 1970er Jahren erfolgreich zu ihrem Beruf. Da war sie schon Mutter von fünf Kindern, Alexander, Theresa, Elisabeth, Peter, (ein Name fällt mir grad nicht ein) und vielfache Großmutter. Irgendwann als sie durch das „Mamarazza“-Buch berühmt wurde, erzählte sie bei „Beckmann“, dass es die Schauspielerin Lilli Palmer gewesen sei, die den entscheidenden Anstoß zu ihrer Karriere als Berufsfotografin gab:

„Als ich mal wieder Bilder verschenkt hatte, sagte Lilli mir: ‚Du hörst sofort auf, Bilder zu verschenken! Ab jetzt nimmst du Geld dafür. Du wirst deine Bilder verkaufen!’“

Also schickte sie eine Auswahl ihrer Fotos an eine Zeitschrift – und schon kurze Zeit später hatte sie ihr erstes Titelbild.

Ihr erster offizieller Fototermin führte die Fürstin 1972 nach Spanien, wo sie den soeben gekrönten König Juan Carlos ablichten sollte. Als dieser seine alte Freundin Manni in der Riege der Pressefotografen entdeckte, rief er seiner Frau Königin Sophia quer durch den Raum zu: „Sophia, come here, ‚Manni‘ has become a pro!“ („Sophia, komm her, ‚Manni‘ ist jetzt berufstätig!“) Natürlich wurde sie sogleich zum Nachmittagstee in den königlichen Palast eingeladen und konnte in aller Ruhe exklusive Fotos vom Königspaar machen. „Manchmal“, erinnert sie sich schmunzelnd in ihrer unnachahmlichen hellen Alte-Damen-Stimme, „haben mich die Kollegen dafür gehasst.“ Mag sein, dass Manni Wittgenstein, den besten Zugang zu all den Reichen und Schönen, den Celebrities, Prominenten und wie man sie noch nennen will, den Politikern, und denen aus fürstlichen, königlichen und kaiserlichen oder sonst wie aristokratischen Häusern wegen ihres Namens (oder genau genommen des Namens ihres Mannes) bekam. Man agierte auf Augenhöhe. Man kam nicht als Reporterin oder Bittstellerin, sondern als Gast und – okay die machte halt ihre Bilder, die sie – okay – dann eben zum Teil auch mal verkauft. Schließlich hatte sie fünf Kinder und war früh verwitwet – Prinz Ludwig wurde eines Morgens von einem Lastwagen überfahren im Graben der Straße zum Schloß Sayn gefunden – und der Besitz warf nicht genug Geld ab, dass man alle davon satt bekommen konnte. Aber selbst als Lieschen Müller – hätte diese Abenteuerin, diese Jahrhundertfrau und Romantikerin niemand gestoppt.

Das Königspaar waren natürlich nicht die einzigen prominenten Spanier, die die Fürstin porträtierte. Auch Salvador Dalí lud sie 1978 in sein Atelier nach Cadaqués ein und posierte bereitwillig vor der fürstlichen Kamera. Und wer nicht alles noch. Auch von solchen Aufnahmen konnten andere Fotografen nur träumen: Operndiva Maria Callas paddelt selbstvergessen mit Hündchen „Jedda“ auf dem Rücken durchs Wasser. Einzige Beobachterin: Manni, die die traute Zweisamkeit mit der Kamera einfing.

Oder: Maria Callas sitzt versonnen auf einem Sessel auf der Yacht „Christina“ ihres damaligen Gatten Ari Onassis – im Hintergrund nur für Eingeweihte zu erkennen, von hinten links angeschnitten: Sir Winston Churchill und seine Gattin, die gerade auch auf der „Christina“ zu Gast weilten.

Marianne Fürstin zu Sayn Wittgenstein-Sayn lädt ………… zum Mittagessen ins Jagdhaus in Fuschl am See ein. U.a.w.g., Kleidung: Tracht, leger.

Wer während der Salzburger Festspiele eine so oder ähnlich lautende Einladung erhielt, ließ sich nicht zweimal bitten: Das Mittagessen bei Manni Wittgenstein. Ob Romy Schneider, Maggie Thatcher, Karl Lagerfeld, oder Henry Kissinger – alles, was Rang und Namen hatte, war da und wurde – klick – mit der Kamera abgelichtet. Man kannte sich, die Atmosphäre war ungezwungen und entspannt und Mannis Fotos entstanden quasi nebenbei.

Neulich ist Fürstin Marianne zu Sayn-Wittgenstein 100 Jahre alt geworden. Und sie fotografiert noch immer, nicht mehr jeden Tag aber doch: „Ich bin schon uralt, ich werde aber immer weitermachen, so lange ich stehen kann.“ Zahlreiche Ausstellungen wurden ihr gewidmet und wenn sie zur Eröffnung erscheint, wie neulich, als ich ihr mal wieder die Hand küssen durfte, ist auch ihre kleine Kamera immer mit dabei. Klick. Interessante Motive finden sich schließlich überall.

Hasan Cobanli ist bekannt durch seine Bücher „Erdoganistan, der Absturz der Türkei und die Folgen für Deutschland “ und „Der Halbe Mond“.

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