Die Sonntagskolumne mit Hasan Cobanli
Scarlett - Die Kolumne

Die Sonntagskolumne mit Hasan Cobanli

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Bosporus Boy Kapitel Côte d’Àzur:
Blau mit Flecken


Luxus, guter Geschmack und mediterranes Flair – das ist die Côte d’Azur. Beim Klang von Ortsnamen wie Antibes, Nice, Cannes denke ich an Glamour und mediterranen Hedonismus. Ihr Charme liegt im Nebeneinander von Exklusivität, Yachten und Palais am Meer – ein Mix prickelnder als Champagner. Ich habe hin und wieder einen
Schluck davon gekostet. Was bleibt sind Erinnerungen eines Gastes im Dolce Vita.

Bestsellerautor Hasan Cobanli („Der halbe Mond“)

Beim Blick aus dem Cockpit im Anflug wurde mir klar: Diese „Côte“ ist nicht einfach Blau, sie ist wirklich „Azur“. Es ist aus 1000 Fuß Anflughöhe betrachtet ein Azur von besonderer Intensität, das in langen Wellen an dieFelsen rollt. Helles, türkises Blau. Henry Matisse hat es also nicht selber erfunden, dieses Blau, nur getroffen.

Warum ist Matisse überhaupt bis in die Südsee gereist, um seine „Polynésie La Mer“ zusammenzukleben? Hätte auch hierbleiben können, an der französischen Riviera.
Wenn die Franzosen „La Côte“ sagen, meinen sie nicht die knapp fünftausend Kilometer Restküste am Atlantik usw., sondern nur diese. Noch immer kokettiert die Côte mit ihrer morbiden Schönheit, noch immer hängt sie in ihren Luxushotels der Exklusivität vergangener Zeiten nach.

Ich habe davon gekostet. Wie vom besten Champagner: Einen ordentlichen Schluck. Es ist jetzt rund 25 Jahre her, dass ich meine erste längere Reise an die Côte machte. Es war eine ganz besondere und unvergessliche Reise, sie
vereinte für mich damals alles, was es an Abenteuer, Spaß und Faszination im Zusammenhang mit Reisen und Luxus gibt: Ich war Gast bei einer sehr vermögenden Freundin in Cap d’Antibes. Und da ich gerade frisch meine Pilotenlizenz erworben hatte, lud sie mich großzügiger Weise auf einen Flug von Deutschland an die Côte ein. Das heißt, die Freundin übernahm Chartergebühren und Spritkosten für mein Leihflugzeug, eine sechs-sitzige „Beechcraft Bonanza“. 

Wir flogen über die Alpen, in 14.000 Fuß an Genf (Funkfeuer St. Prex) vorbei und durchs Rhône-Tal südwärts, die Freundin fotografierte und filmte was das Zeug hielt, las mir die Checkliste, ordnete die Karten und freute sich wie ein Kind – obwohl sie die wohl verwöhnteste Frau war, der ich bis dahin begegnet war: Sie hätte mir das Flugzeug auch kaufen können. Vielleicht hätte sie ja, wenn ich nur gefragt hätte.
Jahre später kaufte sie einem späteren Freund (oder Ehemann? ich hab’s vergessen) die Villa von Elisabeth Taylor in Bel Air. Und die war bestimmt teurer als eine „Beech“, aber ich wollte gar nicht an ihr Geld. Ich war auch so schon fasziniert genug von dieser intelligenten und liebenswerten jungen Frau. Sie war auch fasziniert (wäre sie sonst mit einem vergleichsweise armen Mann zusammen gewesen?) Sie konnte sich damals jedenfalls auch noch an kleinen Dingen freuen, die ich ihr auch ohne Geld zu besitzen, bieten konnte: etwa dem Ausblick aus dem Cockpitfenster auf den Montblanc oder eine gelungene Querwind-Landung in Cannes Mandelieu. Nach rund drei Stunden turbulenten Fluges – wir waren in Egelsbach bei Frankfurt gestartet und hatten ab dem Montblanc Rückenwind, aus Nordwest – setzen wir in Cannes Mandelieu, dem zentralsten Privat-Flugplatz der Côte d’Azur, auf der Süd-Nord
Runway 35 auf.

Wir wurden von ihrem Chauffeur abgeholt, ich ließ mich etwas erschöpft von meinem allerersten Long-Range-Flug in den Sitz fallen, und kam ins Träumen (während die Freundin auf Französisch mit dem Chauffeur organisatorische Fragen für unseren Aufenthalt in der Villa klärte): ich starrte aus dem verdunkelten Fenster, fasziniert und schläfrig zugleich – für mich der erste Aufbruch an die schönste aller besiedelten Küsten (die ich mir ja soeben selber erflogen hatte). Quelle vie merveilleuse!

Wir fuhren ein Stück Richtung Saint Tropez, wo sie etwas zu erledigen hatte (ich glaube sie schaute bei einem Modelädchen vorbei, dessen Besitzer sie sponserte), kehrten dann um. Durchs halb offene Autofenster wehte lauer Fahrtwind von der rauen Meeresoberfläche her, die sich in der Ferne in konturloser Unendlichkeit verlor. Vorbei huschten Villen mit blass grünen Fensterläden hinter Palmen und Zedern – der Beginn einer langen Freundschaft mit der Côte d’Azur, mit Antibes. 

Das Cap ist ja der ersten Flecken Erde den man zu Gesicht bekommt, wenn man den „Aéroport Nice Côte d’Azur“ anfliegt.
Tatsächlich erfolgen zwei Drittel aller „Final
Approaches“ über diese Landzunge, die Prêsqu’ille de L’illette, am Ende des Cap d’Antibes, das also direkt unter der Einflugschneise der Runway xx von Nice liegt. Das aber beeinträchtigt ihren paradiesischen Charakter nicht.



Für die Freundin, die dort mit ihren Schwestern einen pompösen Besitz geerbt hatte, war unsere Landung in Cannes, wie sie mir abends im Salon gestand, auch ein emotionaler Moment gewesen.
Ihr Vater war Jahre zuvor bei einem Flug von Frankfurt an die Côte d’Azur in seiner „Beechcraft King Air“ tödlich verunglückt und seit dem war sie nie mehr in einem Privatflugzeug an die Côte d’Azur geflogen (worden).
Der Besitz der Familie lag an der äußersten Spitze der Halbinse. Der „Eden-Roc“ Hotelpalast nebenan lud nachmittags zu Drinks im Poolhaus ein, und die Freundin, die sich im Hotel ebenso zuhause fühlte wie in ihrer Villa drüben an der Spitze der Presqu’ille de l’Illette, erzählte Anekdoten und ich war ziemlich beeindruckt (und ahnte nicht, dass ich das jemals aufschreiben würde – nun, ich habe damit auch 25 Jahre gewartet und nenne ja keine Namen, das heißt, nur wer sie kennt, weiß, wer gemeint ist).



Sie erzählte vom Vater, wie er schon in den fünfziger Jahren am Sommeranfang manchmal mit einem Koffer voller Tausendmarkscheine im Privatflugzeug nach Nice geflogen sei, um beim Hoteldirektor des Eden-Roc ein ganzes Stockwerk
zu reservieren. Vom offenen „Rolli“ mit dem sie und ihre Schwestern als Kinder an der Côte herumkutschiert wurden. Von schlecht geendeten Liebschaften und Ehen. Der ihrer Schwester, die ihren Mann, einen Weltklasse-Segler und
jungen Rechtsanwalt, als der bei ihr in Ungnade gefallen war, aus den gemeinsamen Schlafzimmern in die Pilotenzimmer im obersten Stock der Villa ausquartierte. Sie, die Erzählende, machte den gefeuerten Ehemann der Schwester später zum Generalbevollmächtigten der eigenen Vermögensverwaltung.

Das Eden-Roc. Synonym des Hôtel du Cap, 1870 von russischen Prinzen mit einem Gartenfest unsterblich gemacht, von Amerikanern zum „edwardian paradise“ verklärt, später mit einem Swimmingpool der Sonderklasse versehen. Eden-Roc, wo für die Dauer der Filmfestspiele von Cannes bis heute Weltstars, finanzstarke Produzenten und Regisseure von Rang
residieren, Eden-Roc, wo man heute Bruce Willis beim Trinkgeldausteilen oder Leonardo Di Caprio beim Tennisspielen zusehen kann. Schon Erika und Klaus Mann wäre angesichts dieser erhabensten aller Hotelanlagen nicht mehr zu bremsen: 


„Ein Ort aber „muss wirklich der schönste sein“,
bilanzierten sie verklärt, „und wir finden also, das ist Cap d’Antibes. Das Hotel liegt so prachtvoll und es hat einen solchen Blick und zum Meer hinunter führt so ein herrschaftlicher Park und ist dann erst die Hauptsache, der Clou, das Felsenschwimmbad Eden-Roc… Die Aufnahmebedingungen in diesen Wasserclub sind sehr kompliziert und kostspielig. Oberhalb des Schwimmbades liegt eine hellgrün eingerichtete Bar, von der aus man nichts als
Meer sieht, sodass man sich wie auf einem Schiffe fühlt… Die Preise sind während des Sommers noch ärger als während des Winters; und während des Winters sind sie arg genug…“


Hiervon stimmt heute, 75 Jahre später – und stimmte also auch vor 25 Jahren als ich dort zu Gast war – noch jeder Satz.
Und wir, die vermögende Freundin und ich junger Hedonist also nebenan. An den Abenden, die wir nicht bei Freunden der Gastgeberin in anderen schönen Häusern mit Palmen in den Gärten, auf Dachterrassen von herrschaftlichen Appartements in Cap Ferrat, Juan-les-Pins oder Cannes verbrachten (oder eben im Eden-Roc) saßen wir hinter verschlossener gläserner Terrassentür der Villa an der Spitze der Halbinsel im Salon und sie erzählte und ich fand’s ungeheuer spannend. Dass
wir dabei nicht draußen auf der Terrasse des Anwesens saßen, wo der seidenweiche, duftende Seewind durch die Palmenblätter rauschte, hatte einen Grund, der mich heute noch ein bisschen erschauern lässt: Die eigenen Wachhunde liefen nachts frei auf dem Grundstück herum. Und diesen Bestien wäre die Freundin, wie sie immer sagte „ungern im Dunkeln begegnet. Die kommen auf die Terrasse“, sagte sie cool, „und greifen dich an. Das ist ihr Job.“

Tagsüber ließen sich „Mück“ und der andere (beides abgerichtete Deutsche Schäferhunde) ohne weiteres streicheln und legten sich auf den Rücken und wedelten mit den buschigen Schweifen. Aber nur wenn der für sie zuständige Hausangestellte seine Hand an ihnen hatte, ein
magerer, durchtrainierter Bodyguard-Typ mit bösen kleinen Augen, der gern laut „Abba“ hörte, wenn er uns morgens in rasender Fahrt zum Flughafen fuhr. Hätte der Guard seine Hand weggezogen und oder einen bestimmten Befehl ausgestoßen, dann wäre es um uns geschehen gewesen, meine Gastgeberin inklusive, der das alles gehörte.
An den Tagen lagen wir am Pool, der so angelegt war, dass sich sein Wasserspiegel vom Salon und seiner Glasschiebetür aus gesehen mit dem Meeresspiegel deckte („das hat der Papi sich beim Eden-Roc abgeschaut“). Im Winter, als wir mal zu Silvester wiederkamen, waren die Palmen mit
Matten verhüllt, standen etwas windschief in ihren schönen Terrakotta-Töpfen und bogen sich im Seewind. Die Luft duftete nach Meer und Thymian, nach Erde und Rosen.

Bei meinem letzten Besuch bevor sich unsere Wege wieder trennten, fragte ich die Freundin einmal, warum sie nicht für immer hierher zöge und sich ein schönes Leben mache, statt im kalten Hamburg zu bleiben, und sie sagte einen Satz, der mir damals unglaubwürdig erschien – heute verstehe ich ihn:
„Gut, Papi hat das Haus gekauft weil es auch für ihn ein Traum war, etwas an der Côte d’Azur zu haben. Aber Du hast ja keine Ahnung, wie lästig es sein kann, hier ständig zu leben. Nicht nur wegen der Hunde, der Security-Angst, der Diebe, Entführer, der Mafia, auch weil du außerhalb der Mauern dieses Parks mit dem ganz normalen
Leben konfrontiert bist. Und das ist mühsam wie an allen Traumgegenden der Welt.“

Heute, rund ein Vierteljahrhundert später, hallen die Worte der Freundin aus der Villa an der Spitze der Halbinsel nach und jedes ist so wahr wie damals. Und wir reden hier nicht vom Leben der Reichen und Schönen, der „Résidents“ und
deshalb Gefährdeten. Wir reden vom Reisenden wie du und ich. 


Und die machen sich besser auf Ernüchterung gefasst, wenn sie sich (wieder mal oder zum ersten Mal) an die Côte d’Azur begeben. Denn es ist dort nicht mehr alles wie es ganz früher, also bis in die frühen Sechziger Jahre mal gewesen sein soll. Davon, wie es einmal aussah zwischen Saint Tropez und Menton, liest man bei Sommerset Maugham oder Jens Rosteck. Unter bestimmten Bedingungen lohnt es sich trotzdem noch, hinzufahren. Die französische Riviera ist einfach und bleibt das architektonisch geschmackvollste und eleganteste, landschaftlich exklusivste
Stückchen Erde der Welt.

In den folgenden Jahren habe ich noch manches Mal die Côte d’Azur bereist. Die Freundschaft mit der Frau von der Spitze der Halbinsel hat sich irgendwann verflüchtigt. Die Reisen waren manchmal beruflich (Cannes Festival, MipCom,
Midem etc., manchmal privat. Aber immer überkam mich gute Laune und ein schwereloses Dolce-Vita-Feeling, wenn mir dieser Pinien-Zederduft in die Nase stieg: Cannes, Nice,
Monaco, Menton, Antibes, Grasse – der Klang dieser Namen steht seit meiner ersten Spazierfahrt, nach meiner ersten eigenhändigen Landung an der Côte für Luxus mit Geschmack, für ein tolerantes Laisser faire, für Charme,
Eleganz und Hedonismus. Und das habe ich der Freundin zu verdanken, die mich damals auf meinen ersten selbst gesteuerten Flug an die Cote einlud, mich mitnahm in ihre Welt, in der sie sich nachts nicht in ihren eigenen Garten wagte. 

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