Die Sonntagskolumne mit Hasan Cobanli
Scarlett - Die Kolumne

Die Sonntagskolumne mit Hasan Cobanli

Bosporus Boy: Monaco

Hasan Cobanli – Bestseller-Autor

Ich war ziemlich oft in Monte Carlo, diesem ebenso sterilen wie ohne Zweifel auch faszinierend-verruchten Felsennest, der Heimat von Hôtel de Paris-Mythos und Sporting Club, Jimmy’z und Grand Casino, Rascasse-Kurve und Larvotto-Strand. Ich weiß nicht wirklich warum, aber 25 mal werden es inzwischen gewesen sein, dass ich diesen stolzen Stadtstaat Monaco besuchte. Zurück blieb jedes Mal ein Nachgeschmack von Faszination, Neugierde, Verwirrung, und einer gewissen Abneigung.

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Dabei habe ich es mir eigentlich immer gut gehen lassen. Ein paarmal war ich Gast bei Josef, einem osteuropäischen Klaviervirtuosen mit dem seltenen Titel „Staatspianist“, Luxemburgischer Staatsbürger, Frauenfreund. Nach einem Unfall, bei dem ihm am rechten Ringfinger Nerven und Sehnen durchtrennt wurden, in ein Appartement an der Avenue Princesse Grace zurückzog (er hatte seine Finger gut versichert)

Ein paar Mal stieg ich im „Hermitage“ auch mal im „Loew’s“, (je nachdem, welcher Sender, welche Zeitung die Spesenrechnung bezahlte).

Mit einer Freundin – sie zog später mit ihrer kleinen unehelichen Tochter nach Afrika – verbrachte ich mal eine Nacht im Freien auf einer gefährlich hervorstehenden Felsenspitze. Wir starrten den Mond über der Bucht an – dort, wo heute nebenan das spektakuläre „Monte Vista Palace Hotel“ auf über 300 Metern angesiedelt, jeden Moment in die Tiefe zu stürzen droht. Die Freundin, residierte – es stimmt wirklich – im Alter von 14 ein Jahr lang allein in einem Zimmer im legendären Hôtel de Paris und besuchte von dort aus jeden Morgen das Lycée. Ihr Vater hatte das Zimmer angemietet und war auf Reisen gegangen.

„Jeden Morgen“, erinnerte sich die Freundin, „schritt ich hoch erhobenen Hauptes mit dem Schulranzen auf den Schultern durch die Lobby und die Herren hinter der Rezeption lächelten mir zu und wünschten mir viel Glück in der Schule…“ In dieser Zeit lernte sie dort ihren späteren Ehemann, einen australisch-amerikanischen Multimillionär und Ur-urenkel von Harriet Beecher-Stowe kennen. Den verließ sie bald wieder, obwohl er ihr ein veritables Châteu an der Loire schenkte und sie wann immer sie wollte, mit seiner privaten Boeing 737 zwischen Australien und Nizza hin und her fliegen durfte. „Er war so eifersüchtig, dass er nicht mit ansehen konnte, wenn ich harmlos mit seinen Piloten flirtete.“ Das Schloss in Frankreich, das der Industrielle ihr, einer geborenen deutschen Gräfin gekauft und überschrieben hatte, nahm er übrigens nach der Scheidung zurück, und allen Schmuck, den er ihr geschenkt hatte, auch. Die Freundin, die fortan ihr eigenes Geld verdienen musste, gründete später mit einem Partner einen Club (genannt „Club of Clubs“) für Snobs und Parvenus mit Geld aber ohne Bedeutung, die dennoch ihre Namen gern in einem Magazin gelesen hätten so wie echte Stars und Aristos – so gründete sie das Magazin gleich mit.

Ich habe als Reporter Expats wie den legendär-fiesen „Mecki“-Erfinder Eduard Rein und den schrecklich neureichen Autor Johannes Mario Simmel interviewt, den liebenswerten Sean Connery und die verführerische Ornella Muti. Ja, ich habe auch mal im Casino einen Haufen Geld gewonnen (und leider in den Folgejahren auch wieder verloren).

Casino und Monaco, das war für mich, sagen wir zwischen Besuch Nummer 10 und 15, ein und dasselbe. Eine berühmtere Spielbank gibt es auf der Welt nicht, exquisitere wohl auch nicht – und ich schwöre, ich kenne die guten weltweit. Als ich zum letzten Mal im Casino Monaco war, herrschte noch Sakko- Krawattenzwang für männliche, Kleid-Zwang für weibliche Besucher: No bauchnabelfrei, no Käppi (was, glaube ich, heute mittlerweile auch gelockert ist).

Ja, die Spielleidenschaft – zahllose Schriftsteller haben ihre Visiten an den feudalen grünen Tischen des Casinos Monte Carlo beschrieben, Henri Miller, Anton Tschechow – die grünen Tische sind Vergangenheit, bis auf wenige mussten sie mittlerweile einarmigen Banditen weichen – adieu Bel Casino. Das schönste literarische Porträt dieser einstmals „pompösen Zitadelle des Glücksspiels und ihrer Lüster beschwerten Wandelhallen“ verdanken wir Stefan Zweig. In der Novelle „24 Stunden im Leben einer Frau“ lässt er – in verschachtelten Rückblenden wie beim orientalischen „Papageienbuch“ – einen alten Herren einem jungen Mädchen beim Verlassen des eleganten Casinos ein Geheimnis zuflüstern. Das wiederum ist ihm selber Jahre zuvor von einer reichen alten Gräfin zugetragen worden. Die ihrerseits versuchte, einen attraktiven jungen Bruder Leichtfuß von der Droge Spielsucht zu bewahren…

Mit welcher der Figuren man sich in dieser vertrackten Story identifizieren mag, bleibt jedem selber überlassen und hängt wohl auch von den eigenen Erfahrungen mit und in Monaco ab.

Ich selber war auf Honeymoon mit meiner ersten Frau Nana hier (in style ein paar Nächte im Hôtel de Paris, ein Geschenk ihres Onkels) und einmal auf Einladung meines Freundes des tschechischen „Staatspianisten“ Josef Bulva.

„Schreib über Monte Carlo, Du kennst Dich doch aus“, lautete der Auftrag, dies aufzuschreiben. Okay, ich kenn mich aus, ist ja auch kein Wunder, Monaco ist ein Staat, den man bequem zu Fuß in 27 Minuten komplett von der einen Grenze zur anderen durchquert. Ja, auch als Frau, auch nachts, auch im Pelzmantel und mit offen zur Schau getragenem Schmuck und gern auch muttersellenallein. Das alles weiß ich von besagter Freundin – sie kehrte, Jahre nach der einsamen Schülerinnenzeit im Hôtel de Paris, mit ihrem märchenhaft reichen australischen Ehemann Nummer Zwei hierher zurück und musste sich vor nichts fürchten: Einsame Spitze rund ums kriminelle Mittelmeer – Diebstahl, Mord, Überfälle, Einbrüche, Belästigungen gab und gibt es hier praktisch bis heute Null.

Das mag am Eins-zu-Hundert-Verhältnis zwischen Polizisten und Unsereinem liegen: Ein Polizist (Polizisten in MC tragen Livree) wacht im „Principauté de Monaco“ exklusiv über mich und 99 weitere Normalbürger. Das gilt auch zu Zeiten wo sich nicht nur die 6.000 echten Monegassen und ca. 30.000 Residents hier aufhalten, sondern hunderttausend Touristen. Zum Beispiel auch während des Grand Prix.

Monaco, das ist natürlich auch der Grand Prix: Da fällt mir Annunciata ein, beruflich im Kunsthandel tätig, die ihren Balkon in der Avenue Princesse Grace Jahr für Jahr für die Dauer des Grand Prix an einen Haufen wildfremde Leute vermietet, und dafür im Gegenzug um mehrere Monatsmieten (ach was, letztes Jahr waren es unverschämte eineinhalb Jahresmieten) reicher wird – so lange der Formel-Eins-Zirkus andauert. Derweil ihre Gäste ein paar Stunden im infernalischen Gekreisch der Ferrari, Sauber-Mercedes und Toyota-Boliden in den Straßenschluchten 8 Stockwerke weiter unten, Oropax in den Ohren mit Veuve Clicquot anstoßen und sich fühlen wie die Könige der Welt.

Und wenn der Grand Prix vorbei war und die „Ferraristas“ nach Wanne Eickel oder Moskau zurückgereist waren, dann blieb ich noch ein paar Tage um die Abbauten zu erleben oder das normale Leben in Monaco.

Monaco, das heißt auch, dass man für sein Appartement, ob nun klein und eng wie das der Kunsthändlerin Annunciata oder großzügig und luxuriös wie das von Josef, ob Miete oder Kaufpreis, im Vergleich zu Nizza, Cannes oder Menton den auch nicht billigen Orten ringsherum an Côte oder Riviera das Dreifache bezahlen muss. Innerhalb der Grenzen MC sündhaft teuer mieten, dafür steuerfrei leben oder aber außerhalb, zu geringeren Mieten dafür das Gehalt versteuern müssen – für viele, die dort berufstätig für ausländische Unternehmen sind, die Kardinalfrage.

Innerhalb der Grenzen des Zwergstaats bewegt man sich genau genommen, ständig umgeben von Wohnblocks aus den 60er und 70er Jahren, vorzugsweise auf Fließbandteppichen, Rolltreppen, in beleuchteten Tunnels und Aufzügen den Felsen hoch und runter. Und auch dort begegnet man nur selten Menschen. Und schon gar nicht mittellosen Zeitgenossen, etwa Bettlern, Nord- oder sonstigen Afrikanern wie im Rest der hunderttausend Mittelmeerküstenkilometer rings rum.

Monaco besticht und befremdet zugleich durch sein völlig keimfreies Straßenbild, Tausende Kameras, die mich an jeder Ecke beobachten, verfolgen und an die Nächste weitergeben. Auf der Terrasse des Polpetta habe ich in den Neunzigern mit Boris Becker am Nachbartisch gefrühstückt (ohne ihn zu kennen oder dies anzustreben), und ich erinnere mich, dass mir mal die Witwe des damals berühmtesten Pianisten der Welt Arthur Rubinstein beim Einkaufsbummel freundlich zunickte (ohne mich zu kennen). Ich habe beim Betreten der Hotelbar des „Loew’s“ die Loren vorbeihuschen sehen und ich kenne wahre Geschichten wie die meines Freundes Alexander, dessen Tante in weniger als sieben Nächten ein Millionenvermögen leichten Herzens verprasst und im Casino verjeut hat.

Gewinnerstorys, Verliererstorys – diese werden in Monte Carlo immer weitergehen und nie abreißen. Und seien es nur die Skandälchen und Peinlichkeiten rund um die famille princière. Brot und Spiele Sehen und Gesehenwerden sind Teil des Business und der Trümpfe Monacos.

Und natürlich auch Kultur und mondäne Ablenkungen: Neben den Massenveranstaltungen in Casinos, beim Grand Prix, dem Tennisturnier auf Sand im Country Club und dem Zirkusfestival steht Monaco schon immer auch für Ballett, Oper, Symphonik und – vor allem – bildende Kunst: Geradezu übersät sind Monte Carlos Spazierwege, Parks und Terrassen das ganze Jahr über mit den Talentproben der großen Bildhauer unserer Zeit – triviale Pop und Funkunst nicht ausgeschlossen. Ich werde es mir also weiterhin gut gehen lassen bei meinen nächsten 25 Besuchen in Monaco. Und der Blick vom Balkon herunter wird mich immer faszinieren oder vom Felsen oder vom Hubschrauber aus beim Abflug.

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