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Die Sonntagskolumne – Der Club der schnellen Denker
Scarlett - Die Kolumne

Die Sonntagskolumne – Der Club der schnellen Denker

Menschen mit überdurchschnittlichem Intelligenzquotienten haben es nicht unbedingt einfacher als ihre normalen Zeitgenossen. Die klugen Köpfe treffen sich deshalb bei Mensa, dem Verein der Superhirne. Die heutige Sonntagskolumne von Hasan Cobanli.

Drei gefangene Piloten sitzen im Kreis. Als die Feinde ihnen die Augenbinden abnehmen, hat jeder Pilot einen Hut auf, von dem er selbst nicht weiß, ob er schwarz oder weiß ist. Allen dreien wird lediglich mitgeteilt, dass drei weiße und zwei schwarze Hüte zur Verfügung standen. Nun sollen sie die Farbe des Huts auf dem eigenen Kopf herausfinden – zwinkern und reden ist verboten. Gelingt ihnen das nicht, droht der Tod. Doch die drei sind intelligent. Das wissen sie von einander und vertrauen darauf. Und das ist in dieser prekären Lage für jeden einzelnen die Lebensversicherung. Nach zehn Minuten des Nachdenkens rufen alle drei gleichzeitig: „Mein Hut ist weiß!“ Wie sind die Piloten durch reine Logik auf diese richtige Antwort gekommen?

Haben Sie Spaß am Lösen solcher Aufgaben? Wie schnell lösen Sie dann die folgenden Rätsel?

– Eine Flasche Wein kostet zehn Euro. Der Wein ist neun Euro teurer als die Flasche. Wieviel kostet die Weinflasche?

– Boris Spasskij und Bobby Fischer spielten fünf Partien Schach ohne ein Unentschieden und gewannen beide gleich oft. Wie haben sie das wohl angestellt?

– Und dann waren da noch die munteren Seerosen, die ihre Fläche alle 24 Stunden verdoppelten. Zu Beginn des Sommers gab es nur eine Seerose auf dem See. Nach 15 Tagen um halb fünf nachmittags war der See völlig zugewachsen. Wann war der See zur Hälfte bedeckt?

Wenn Sie (wohlgemerkt ohne allzu langes Grübeln!) die Lösungen herauskriegen, sind Sie ein Kandidat für den Mensa-Test. Dann gehören Sie vielleicht zu den zwei Prozent der Zeitgenossen, die einen Intelligenz-Quotienten (IQ) von 130 oder mehr vorweisen können – die Voraussetzung, dem Mensa-Club beitreten zu dürfen.

Mensa, der Club der schnellen Denker und bisweilen durchaus schrulligen Typen, wurde 1946 in Oxford gegründet und hat heute knapp 135.000 Mitglieder in 85 Ländern. Zu Mensa in Deutschland (MinD) gehören derzeit etwas mehr als 15.000 Hochbegabte. Der Mitgliedsbeitrag kostet 55 Euro im Jahr. Mensa ist nicht religiös oder politisch ausgerichtet. Was nicht heißt, dass die Mitglieder keine eigenen Meinungen haben dürfen. Die tauschen sie in Special Interest Groups aus, in Internet-Chatrooms oder an Stammtischen – garantiert mit Plausch auf hohem Niveau. Wobei das Lösen von Problemen wie den oben genannten nur spielerisch Inhalt von Mensa-Gelagen ist.

Die Flasche kostet natürlich 50 Cent, die Schachspieler können nur gegen jeweils andere Partner gespielt haben, und die Seerosen bedecken den Teich zur Hälfte 24 Stunden, bevor er ganz zugewachsen ist, also nach 14 Tagen.

Der Mensa-Test ist eine spannende Herausforderung. Warum auch ich mich freiwillig dreieinhalb Stunden mit Dreisatz, verdrehten Würfeln, verzwickten Brüchen oder Zahlengesetzmäßigkeiten herumgeschlagen habe? Neugier ist Journalistenpflicht!

Ob ich anschließend das Erfolgserlebnis hatte wie die Schnelldenker, die dadurch Mitglieder des Mensa-Clubs wurden, wusste die Spezialistin, die meinen Test ausgewertet hat: Dr. Ida Fleiß, viele Jahre Betriebspsychologin der Lufthansa und National Supervisory Psychologist bei Mensa. Warum ich mein eigenes Testergebnis nicht verrate? Auch Objektivität ist Journalistenpflicht – nachher sagen Sie vielleicht noch, ich sei befangen. Aber gut, ganz unter uns: Ich bin drin. Seit 1989 mit der Mitgliedsausweisnummer 180.

Dabei habe ich den Test nicht absolviert, um unbedingt Mitglied des internationalen Clubs hochbegabter Menschen zu werden. Und: Ist es nicht wohltuend, sich ab und zu mit schlauen (und netten) Köpfen zu umgeben? Die erste Aussage unterscheidet mich von den meisten Mitgliedern des Intelligenz-Clubs, die zweite verbindet uns. Zum Beispiel mit der scharfsinnigen Astrid. Die Diplomkauffrau leitete damals die Entwicklungsabteilung Software in einem renommierten Hamburger Kommunikationsunternehmen. „Ich hatte in der Zeitung über Mensa gelesen und mich dann mal zu einem der Stammtische gesellt“, erzählte sie. Den Test hat sie dann „aus Neugier“ gemacht. Um „meine geistigen Fähigkeiten zu testen“, und weil ihr die Atmosphäre gefiel: „Es ist so schön, verstanden zu werden und nicht jeden Gedanken erklären zu müssen.“

Ulf arbeitete damals als Experimente-Ingenieur beim Forschungszentrum Desy (Deutsches Elektronen-Synchrotron). Privat interessierte er sich für Handfestes: So hielt er am Hamburger Mensa-Stammtisch einen Vortrag über die Geschichte des Fahrradbaus. „Ich fühlte mich schon in der Schule oft alleingelassen und missverstanden mit meinem Kopf, der nun mal etwas schneller arbeitet als andere“, beschrieb er sein Dilemma: „Im Mensa-Club fühle ich mich wohl, weil man dort meiner Denke folgt. Hier weiß ich, man diskutiert auf einer Ebene mit ähnlichen geistigen Voraussetzungen, auch wenn man verschiedener Meinung sein kann.“ „Wir finden schneller eine gemeinsame Ebene“, stellte auch Klaus fest. Der Vater von sechs Kindern war damals als ich den Test bestand, Hamburger Koordinator des Intelligenz-Clubs. Was er besonders schätzte: „Wenn ein(e) Mensaner(in) ins Ausland verreist, bietet sich über die weltweite Mensa-Organisation Sight Unterkunft bei Clubmitgliedern. So lernt man in den entlegensten Winkeln der Erde interessante Leute kennen.“

„Mensaner sind aufgeschlossen und interessiert an ungewöhnlichen Themen“, hat auch die Slawistin Birgit festgestellt. Und: Sie hat beim Test Jan kennengelernt, einen Computerfachmann, der ihr nicht nur deshalb gefiel, weil „wir das gleiche Tempo beim Denken haben und ohne Hemmungen reden können“. Dass bei den beiden auch der E(motional)Q stimmte, machte das Glück perfekt – bald waren sie ein Liebespaar. Vielen Mensanern scheint das Kreuz mit dem Grips gemeinsam zu sein. „In der Schule wurde ich als Streberin abgestempelt und ständig angefeindet, weil ich schneller kapierte und spielend gute Noten erzielte“, erzählt Elisabeth. Die 29jährige studierte in Hamburg Wirtschaftsmathematik und machte damals nicht nur auf dem Volleyball-Court eine gute Figur. Als Testleiterin für das Hamburger Büro beantwortete sie Fragen, die misstrauische Menschen an Mensa hatten – das ist zwar eine Weile her, aber Misstrauen gegenüber Intelligenz und Eliten ist in Deutschland immer noch ebenso verbreitet wie schlechter Geschmack und schlechte Manieren.

Intelligenz bezieht sich auf das Ergebnis, das die Mitglieder bei einem international anerkannten, drei bis vier Stunden dauernden Test erzielt haben. Eintreten kann, wer darin besser abschneidet als es 98 Prozent der Bevölkerung täten. Auf der in Deutschland gültigen Skala ist das bei einem IQ von 130 an aufwärts der Fall.

Ich selber habe Mensa in den nunmehr 30 Jahren meiner Mitgliedschaft als einen fröhlichen Verein verschiedenster Charaktere kennengelernt. Der Anteil an Akademikern ist groß, aber es gibt auch Gärtner, Piloten, Handwerker. Sie alle haben nur eine ebenso winzige wie entscheidende Facette der Persönlichkeit gemeinsam: einen klaren Kopf. Schnellere Auffassungsgabe, bessere Lern- und Merkfähigkeit als die Mehrheit, die Gabe, auch unter Zeitdruck logische Schlußfolgerungen zu ziehen, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, Informationen in einen Zusammenhang zu bringen, sie zu „kodieren“.

Falsche Kodierung führt zum Beispiel in dem Schachspieler-Rätsel zu der Annahme, die beiden Meister hätten gegeneinander gespielt. Oder zur Lösung, die Flasche koste eine und der Wein neun Euro (wäre dem so, dann kostete der Wein ja nicht neun, sondern acht Euro mehr als die Flasche).

Hilfreich beim Messen von Intelligenz ist laut Wissenschaftler Robert J. Sternberg von der Yale Universität die Problemstellung mit den Seerosen: Natürlich ist es für die Lösung völlig piepe, nach wieviel Tagen und Stunden der See zugewachsen war. Wer die wichtige von den unwichtigen Informationen in der Aufgabe unterscheidet, löst sie mit Links. Ein solcher Mensch ist (auch laut Mensa-Definition) intelligent, solche Menschen aus allen Lebensbereichen will Mensa miteinander in Kontakt bringen. Auch die Erforschung von Intelligenz will Mensa fördern. Das eine hat mit dem anderen nicht zwingend zu tun (sonst wäre der Verein vielleicht auch zu dröge).

„Das Lösen von Denkspielen ist noch kein Spaß“ stellt der Jurist Carl Christian fest. „Selber Denkspiele zu erfinden und zur Diskussion zu stellen, macht schon eher Spaß.“ Die allererste Aufgabe, die mit den Hüten, ist so eine. Und deshalb interessant, weil sie die Lösung ja schon beinhaltet, es also nur darauf ankommt, den Lösungsweg in Worten schlüssig vorzutragen.

Sie sind eingeladen, sich, wo immer sie gerade sind, mit ihrem zuständigen Mensa-Büro in Verbindung zu setzen, wo man ihnen mit Freude beim Diskutieren dieser und anderer logischer Problemlösungen behilflich sein wird.
Denn wie heißt es doch so wahr: „Die Intelligenz der Natur ist nachweisbar – bis zur Entstehung des Menschen.“

Links: mensa.de, galileo.tv wikipedia.org

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