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Die Sonntagskolumne: Charme und Narben  – eine Liebeserklärung von Hasan Cobanli
Scarlett - Die Kolumne

Die Sonntagskolumne: Charme und Narben – eine Liebeserklärung von Hasan Cobanli

Hasan Cobanli

Es gibt Orte in der großen weiten Welt, die einen immer wieder zurück holen, die einen nicht mehr loslassen, an die man mit Wehmut oder Kribbeln denkt, wie an eine Geliebte. Meistens sind diese Orte sehr, sehr weit weg – remote, wie man sagt, entlegen. Und umweht von einer gewissen Tragik, auch das: Mauritius ist so ein Ort.

Eine Liebeserklärung von Hasan Cobanli.

Was die Insel weit draußen vor der Ostküste Madagaskars von anderen Schönheiten auf dem Globus, von Südseeinseln, Karibikparadiesen, asiatischen Eilanden unterscheidet, ist ihr unvergleichliches Charisma, ihre einmalige Persönlichkeit. 

Gewinnerstorys, Verliererstorys – Mauritius sind seine Narben in die Gesichtshaut geritzt wie den Sklaven früher die Brandzeichen. Das Charisma aus Tragik und Charme, Naivität und Weisheit – es ist natürlich zu komplex als dass man seiner als ganz normaler Feriengast auf Mauritius überhaupt gewahr würde:

Er, der Feriengast kommt ja wegen der Strände, der Luxushotels und Spa Ressorts und der Golfplätze wie das „Le Telfair“, das vielleicht schönste Hotel, jedenfalls im Süden, das ich zum ersten (aber bestimmt nicht zum letzten) Mal besuche. Seine Architektur mutet so schön kolonial an und erinert an die Plantagenhäuser.

Der Feriengast also, zumindest der besser gestellte, wird schon am Flughafen mit einem hochgehaltenen Schild „gepagt“, es werden ihm gleich darauf beflissen die Koffer abgenommen, der Wagenschlag geöffnet, wo er sich auf den Rücksitz fallen lässt und los geht die rasende Fahrt durch eine frühmorgendliche Landschaft, durch kleine Städte und Dörfer, vorbei an Teeplantagen und Zuckerrohrfeldern. Und in jedem Dorf gäbe es einen Grund anzuhalten, sich zu freuen, etwas zu erfahren, und doch nirgends wird der Fahrer anhalten – es sei denn man bittet ihn darum.

Aber der Fahrgast ist ja noch gar nicht richtig angekommen und müde vom langen Flug und wird wahrscheinlich nicht mal das Fenster einen Spalt weit öffnen um die Luft einzuatmen, den Duft nach Leben, nach Bougainvilla und Meersalz, Urwald und Rauch, je nachdem in welche Richtung das Auto den Airport verlässt.

Und nach der klimatisierten Autofahrt wird der Gast in seinem schönen Ressort ankommen, bevor er überhaupt richtig angekommen ist auf der Insel und ehe er sich’s versieht, ist er schon wieder raus aus der Landschaft, den Dörfern, den Narben, dem Rauch, den Mauern, den Gesichtern am Straßenrand, die ihm, wenn er das nur zuließe, vielleicht neben ihrem märchenhaften waldgrünen Charme auch einen Hauch von düsterer Historie mitgegeben hätte.
Er ist jetzt in seinem klimatisierten Zimmer, seiner Suite oder gleich am Pool oder Strand.

Die Persönlichkeit der Insel Mauritius, liegt aber nicht in der wunderbar ausgestatteten Suite im Telfair, mit ihrem nach Badesalz duftenden Bad, dem Schiebefenster vom Bad zum Schlafbereich, und auch nicht in der Aussicht aus dem Zimmer auf englischen Rasen, Pool und Meer – sie liegt verborgen, tief im Land:  Und wer nur Hotelgast ist auf der Insel, wenn auch noch so verdient hedonistisch, dem entgeht eigentlich das wahre Leben.

Wer der Insel ins schöne, wenn auch vernarbte Angesicht schauen will, dem sind einheimische Freunde hilfreich, die einem die Augen öffnen, Menschen, die hier leben und / oder arbeiten. Ulrike, die österreichische Sporttrainerin und Wahlmauritierin, oder Michel Hardy, der kauzige ehemalige Zuckerexportmanager und Präsident des altehrwürdigen Dodo Clubs in Curepipe. Auch Xavier, der Architekt ist einer der Mauritier, die man als normaler Feriengast nicht kennen lernt und die einem doch das Bit geben, das man braucht um klüger zu sein, wenn man zurückgeht in die saturierte Heimat Europa. Und von da ist  schließlich irgendwann vor noch nicht allzu langer Zeit aller Jammer, alle Ausbeutung und alles Unglück über große Teile der Südhalbkugel gekommen – und über dieses schöne kleine Mauritius.

Durch Leute wie Xavier erlebte ich einen Teil meiner Reise etwas näher am Puls der Insel. Sie verschafften mir Zugang zu internen Informationen. Sie halfen mir, Mauritius einzukreisen und es in Maßen zu verstehen. Jeder der genannten Persönlichkeiten steht für einen Teil der Geschichte Mauritius‘.
Michel Hardy ist der Nachfahre der Kolons, ein kritischer, liebenswerter und intelligenter Zeitgenosse, der wunderbar erzählen kann.
Der Architekt, hat genotypisch und phänotypisch alles was Mauritius zu bieten hat: Schwarz, Weiß, Braun, Gelb: die Sklavin aus Madagaskar, den Herren aus Europa, der sie schwängerte, den indischen Kuli, der geholt wurde, als man die Sklaven nolens volens freilassen musste, den Chinesischen Geschäftsmann. Alles in einem Mann, das Blut der Geschichte. Er hat Architektur studiert, er spricht Französisch mit den weißen Landsleuten, englisch mit den Kunden und Kreol mit den Freunden.

Die Historie dieser Insel, die ja auch die Weißen und Gelben und indischen Einwohner heute als Heimat betrachten und lieben, ist ebenso abenteuerlich wie grausam. Und sie  steht symbolisch für die der Südhalbkugel und ihre koloniale Vergangenheit. Ihre innere Substanz, die wahre Persönlichkeit dieser knapp 2000 Quadratkilometer Land mitten im Indischen Ozean lässt sich leicht entschlüsseln durch eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit, sie ist dokumentiert in zahlreichen Berichten und auf Stichen und Ölbildern, die noch heute in den vornehmen Plantagenhäusern und Museen zu betrachten sind.

„Ja, das mit dem Paradies auf Erden, ahnt man ja heute noch“, sagt Ulrike, die Europäerin, „das war Mauritius bevor die Menschen aus Europa kamen: Gesegnet mit den perfekten Temperaturen, der perfekten Luftfeuchtigkeit der fruchtbaren Vulkanerde, war sie geschaffen für dichten Urwald und später für Tierarten, die es so nirgendwo anders auf der Erde gab.“

Tiere ohne Säbelzahn, ohne Krallen, Gift, ohne Flügel gar zum Fliehen – einfach weil sie einander nicht Feind waren, und sich vor niemandem bedroht fühlten. Als dann Ende des 17. Jahrhunderts der weiße Mann nach Mauritius kam – in Gestalt der Portugiesen erst, dann der Niederländer -, gefolgt von den Franzosen und zuletzt den Engländern musste das Paradies rasend schnell und ohne Pardon sein Leben lassen.

Die Geschichte der Kolonisierung Mauritius‘ – wie gesagt ein Muster der Geschichte, der die Insel zu einem Mikrokosmos und Beispiel macht: Keine 200 Jahre nachdem sie zum ersten Mal auf portugiesischen Seekarten auftaucht, ist ihre Flora und Fauna unwiederbringlich zerstört, Adieu. Das Ebenholz der schönen hohen Bäume erzielte Höchstpreise auf den Weltmärkten. Grund genug für die Holländer, gleich den gesamten Bestand zu roden ohne auch nur ein Bäumchen zu pflanzen, und die Stämme nach Europa zu verschiffen.
Und dann erst der Dodo – ein sympathischer Vogel mit Kulleraugen, einem gebogenen Schnabel zum Knacken von Nüssen, und längst verkümmerten Flügeln – heute ziert er das Wappen des Landes. Ihn rottete der weiße Mann innerhalb von 100 Jahren aus. Auch das ein Ende wie ein Gleichnis: Der Dodo war einfach zu zutraulich und zu schwerfällig als dass er seiner gierigen Feinde entkommen konnte, und somit war er leichte Beute für die Siedler. Und dann wurden auch noch die Eier, die er am Boden legte, von den Ratten und Schweinen verspeist, und die waren natürlich auch importiert.

Wie verspätete Scham der Nachfahren über so viel Umweltzerstörung, Dummheit und Gier mutet es an, dass die Knochen des allerletzten Dodos heute noch eingerahmt und auf Papier geklebt an der Wand im Dodo-Club zu Curepipe zu besichtigen sind.
Sein Vizepräsident, Park, ein liebenswerter Franco-Mauritier, der ein bisschen aussieht wie Jean Gabin, sitzt auf dem Sofa des Clubraums und wenn ihn der Gong zum Lunch nicht irgendwann unterbräche, würde er immer weiter erzählen von den Sünden seiner Vorfahren:
Denn nicht nur dem armen Dodo, auch den legendären Riesenschildkröten auf Mauritius ging es bereits in den ersten Jahrzehnten nach der Entdeckung und Besiedlung der Insel an den Kragen: Sie wurden eingefangen und zu Dutzenden an Bord der Caravellen und Windjammer gebunkert, die auf Mauritius zum Provianteinladen zwischenlandeten auf ihrer Route von Europa nach Fernost und umgekehrt. Die Schiffsköche drehten die erhabenen, zum Teil über hundert Jahre alten Tiere einfach auf den Rücken und stapelten sie so bei lebendigem Leibe im Frachtraum, um sie irgendwann zu Suppe und Fleisch zu verarbeiten.


Die Holländer verwüsteten Mauritius also als erste. Gefolgt von den Franzosen, die dort einen Stützpunkt gegen die Piraten und Korsaren einrichteten. Sie bauten den Hafen in der heutigen Hauptstadt Port Louis aus, stationierten Soldaten und Kanonen und machten die Insel zu einer höchst rentablen Einnahmequelle. Die Wälder waren eh schon von den Vorgängern kahl gerodet worden. Da musste man nur noch überall aufs kahl geschlagene und gebrandrodete Land Zuckerrohr anbauen. Dazu wiederum brauchte man Arbeitskräfte, also Sklaven und die holte man sich von der großen Nachbarinsel Madagaskar und aus dem südöstlichen Afrika. Um 1770 waren 80 Prozent der mauritischen Bevölkerung Sklaven.
Wie diese Leibeigenen behandelt wurden, kann man in den Annalen nachlesen: Insubordination wurde mit Auspeitschen, Fluchtversuch mit Amputation von Ohren, Armen und im Wiederholungsfalle Beinen geahndet. Getötet wurden die Sklaven nur in Ausnahmefällen (dazu waren sie zu teuer gekauft). Dafür beschliefen und schwängerten die Herren ihre weiblichen Sklaven, denn es herrschte ja Frauenmangel – und zeugte mit ihnen Mischlingskinder, welche dann die Belegschaft gratis vermehrten. Die Kreolen – etwa 30 Prozent der heutigen mauritischen Bevölkerung – stammen aus solchen Verbindungen, sind also Nachfahren der Opfer und der Täter zugleich. Sie sind das heute mit Stolz und Bewusstsein und – im Gegensatz zum gar nicht so weit entfernten Südafrika – durchaus in Frieden lebend mit den Nachfahren der Täter.

Die weißen Nachfahren der Kolonialherren von einst – so um die zwei Prozent der Gesamtbevölkerung – bilden die wirtschaftliche Elite der mauritischen Menschenmelange. „An den Besitzverhältnissen hat sich in den letzten 300 Jahren also nichts wesentliches geändert“, stellt Michel Hardy ebenso realistisch wie lakonisch fest. Als die Briten Mauritius im März 1968 in die Unabhängigkeit entließen, war seine Familie schon in vierter Generation hier, er selber gerade ein Student und Junior-Mitglied im Dodo Club. Und als das Land drei Jahre später von schweren Unruhen erschüttert wurde, war Michal gerade zur Ausbildung in Frankreich. Es war kein Aufruhr gegen die weiße Oberschicht, die geschützt hinter hohen Gartenmauern ihrer Anwesen in Floreal oder Trou d’Eau Douce saßen. Islamische Inder und katholische Kreolen traten gegeneinander an, lieferten sich tagelange Straßenschlachten mit Todesopfern.
„Eigentlich“, sagt Clubpräsident Parc, „sitzen wir hier in Mauritius heute noch auf einem Pulverfass. Weil aber alle darauf warten, dass es explodiert, zündet keiner die Lunte.“
Und so hat sich Mauritius in den letzten 30 Jahren zu einer der wenigen stabilen Demokratien Afrikas entwickelt –  trotz aller Probleme, die es aus seiner wechselhaften und tragischen Vergangenheit aufgebürdet bekommen hat. „Wir sind“ sagt Michel Hardy, „an unserem Kindheitstrauma zwar nicht gewachsen, aber doch vielleicht ein bisschen gereift.“

Am letzten Abend saßen wir bei Whisky Soda auf Ledersesseln in der nach allen Seiten offenen Bibliothek des herrlichen Hotels „Le Telfair“ zusammen, umgeben von klugen Büchern über Vögel, Natur und Politik, und auch von schönen Accessoires aus Wurzel und Bein. Der mauritische Architekt, der schweizer General Manager Kurt Schmid, der erst seit drei Monaten auf der Insel ist und trotz oder gerade wegen seiner Weltgewandtheit und Erfahrung lieber zuhört als zu reden, die junge Unternehmerin, der alte Clubpräsident und der Journalist. Von außen weht eine kühle Brise durch die Bibliothek, die Palmen rauschen und weit draußen tosen die Brecher gegen die Lagune. Irgendjemand spielt Klavier und wir tauschen Wissen, Erfahrungen, Ideen,  und Fragen aus:
„Ist Mauritius eine Insel der Seligen?“
„Nein, aber ein gewesenes Paradies.“ „Aber es ist doch so friedlich und ruhig da draußen, wenn man an Südafrika denkt oder Zimbabwe…“
„Aber auch hier kann es hektisch und laut, und elend und hässlich sein“.
„Für mich erscheinen seine Bewohner so freundlich und gütig, offen und sanft“, sage ich.
„Und ich kenne genug, die engstirnig, kleinlich und stur sind“, erwidert die Unternehmerin.
„Wie man ein Land wahrnimmt, kommt wohl immer auf die Perspektive an“, lächelt der Architekt.

Eigentlich treten die Gefühle, die ich für Mauritius hege, jetzt erst aus der Entfernung beim Schreiben zutage. Natürlich weiß ich die Makellosigkeit eines eleganten Hotels wie des „Telfair“, oder die Landschaft eines Golfkurses zu schätzen – sie verehren oder gar lieben kann ich nicht. Also sind es  gerade die Narben, die Schwächen und Widerhaken, das Schillernde an der Persönlichkeit Mauritius, die mich immer wieder zurückkehren lassen.
END

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