Kontakt: Redaktion@Scarlett-Magazin.de oder Mobil 0151-55684186
Die Kolumne: „Der Enkel des Gattopardo“ – ein etwas anderer Reisebericht
Scarlett - Die Kolumne

Die Kolumne: „Der Enkel des Gattopardo“ – ein etwas anderer Reisebericht

Hasan Cobanli lebt als Journalist, Buch- und Fernseh-Autor in München. Bisher erschienen sind seine Familienchronik „Der Halbe Mond“, sowie der C. H. Beck-Bestseller „Erdoganistan, der Absturz der Türkei und die Folgen für Deutschland“. Jetzt schreibt er regelmäßig als Gastautor für Scarlett. Heute geht es in einem besonderen Reisebericht über Sizilien.

Hasan Cobanli erzählt

Sein Beruf, ach was, dass er überhaupt einen hatte, war eigentlich nicht gerade comme il faut unter Seinesgleichen – jedenfalls noch vor einer Generation völlig unüblich und eher unfein. So etwas wie Arbeit kannten die Väter der Aristokraten, die heute im besten Alter noch überall auf Sizilien anzutreffen sind, jedenfalls nicht. Es lebte sich tadellos von den Einkünften der Besitzungen, mithin der Arbeit anderer. Bernardo Bertolucci hat diese Geschichte Siziliens in seinem Meisterwerk „1900“ mit dem jungen Robert De Niro und Gérard Depardieu ein wuchtiges cineastisches Denkmal gesetzt. „Grundbesitz war hier und da zwar durch Erbteilung ein wenig reduziert, aber immer noch immens“, erinnert sich Baron Roberto Chiaramonte Bordonaro, 55, als ich ihn bei einer Promenade durch den Garten seines Stadtpalais begleite. „Obstgärten und Olivenhaine, Gemüsefelder und riesige Jagdreviere von zehntausend Hektar pro Familie waren im alten, wilden Sizilien keine Seltenheit“, lacht er und seine Augen blitzen so blau wie das Meer. Das umspült seinen zweiten Besitz, das „Castello di Falconara“.

Anderntags führt uns Baron Roberto über dessen Dachterrassen, durch die Säle und Gästezimmer der mächtigen, zum Teil noch mittelalterlichen Burg aus gelbem Sandstein mit Privatstrand an der stürmischen Südküste seiner Heimat gelegen. In fließendem, fast molièrehaft distinguierten Französisch mit rollendem R erinnert er sich: „Da oben saß meine Mutter und sah schweigend zu, wie die Alliierten an unserem Strand landeten. Es war der 10. Juli 1943. Schon am 5. April war Palermo bombardiert worden, wo unsere Winterresidenz war. Und was dann folgte, die Enteignung, brachte mit sich, das Sie mich heute als Hotelier und Ausrichter von Hochzeiten und Seminaren arbeiten sehen wie einen Esel!“ Wie er zu seinem Castello passt, der Barone! Das Outfit ebenso wie die Manieren sehr „aristo“: Maßgeschneidert, wenn auch hier und da vielleicht nicht mehr ganz von heute. Das Castell aus dem späten 14. Jahrhundert, 45 Kilometer vor Agrigento gelegen, hat er zu einer der spektakulärsten Urlaubsresidenzen Siziliens gemacht. „So einen Besitz kann man heute nicht mehr halten wie vor hundert Jahren“, erläutert Roberto das Phänomen, mit dem sich Aristokraten quer über den Kontinent auseinanderzusetzen haben. Seit Jahren beteiligen sich mehr und mehr Gäste aus aller Welt am Unterhalt und kehren Sommer für Sommer treu und begeistert in die 18 liebevoll und „schlossig“ eingerichteten Suiten zurück. Deshalb soll demnächst auch der zum Castell gehörende landwirtschaftliche Betrieb in ein Hotel mit 30 Zimmern, 30 Suiten, Spa und mehreren Restaurants entwickelt werden.

„Bis zum Zweiten Weltkrieg besaßen wir Macht und Land, aber keinem von uns wäre es in den Sinn gekommen, als Unternehmer aufzutreten.“ Baron Roberto aber sorgte vor zehn Jahren für Furore, als er und seine Frau Antonella das erwähnte riesige Stadthaus in Palermo, das seinen Namen trägt. für Feste, Hochzeiten und Empfänge öffneten. „Das hatte vor uns noch niemand gewagt“, erinnert er sich, „die einheimischen Standesgenossen waren nicht amüsiert über so viel un-adeligen Geschäftssinn. Wir aber hatten unseren Spaß.“In der Hand ein Glas Rotwein, stiefelt der Gastgeber mir voraus durch den Palast und erteilt auf Französisch einen Schnellkursus in sizilianischer Familiengeschichte, die ich gern notiere, denn jede Familiengeschichte auf dieser Insel ist auch Sizilien-Geschichte, mithin Europageschichte: „Die Falconara“ brüllt er gegen den aufbrausenden Meereswind an, als wir auf einer seiner Terrassen den Ausblick Richtung afrikanische Küste genießen, „die Falconara heißt so, weil ihr erster Besitzer, Ugone di Santapau, der die Burg 1392 als Geschenk von König Martino von Aragon bekam, den wuchtigen Turm da drüben zur Zucht von Jagdfalken nutzte. An meinen Ur-Urgroßvater Antonio Chiaramonte Bordonaro, geriet dieses Castello, das zwischendurch dreihundert Jahre den Fürsten Butera als wehrhafter Sitz gedient hatte, im Jahre 1848 – aus der Hand übrigens eines deutschen Grafen Wilding! Der hatte es 1800 von seiner italienischen Mutter geerbt, zog es aber vor, während der Revolution nach Deutschland zurück zu kehren…“

Nach dieser Exkursion vor tosender Mittelmeerkulisse treten wir wieder zurück von der Zinnenterrasse ins stille Innere der Strandburg. An den Wänden und Decken Bilder aus dem 16. bis 19. Jahrhundert und afrikanische Großwild-Trophäen. Wir durchstreifen Treppenhäuser, Säle und Zimmer, eingerichtet mit Möbeln vielerlei Provinienz aus sechs Jahrhunderten. Der studierte Architekt und Hobbyrennfahrer Chiaramonte Bordonaro hat diesen Palazzo – „sonst würden mich die Kosten auffressen“ – zu einem Luxushotel ausgebaut, in dem an alles gedacht ist. Sogar Zimmer für die Dienerschaft und Nannys der Gäste sind vorgesehen. Allerdings, so betont de Baron, ist die „Falconara“ nicht geeignet als Hotel für Individualreisende, Familien oder Paare. Das Arrangement geht von Gruppen um die 20 aus, die dort auf organisierten Rundreisen zu bestimmten Terminen Station machen können, und bietet Hochzeitsfeiern, Seminare und Kurse an. Die Gäste aber, die er zulässt, empfängt der Baron persönlich und sagt ihnen auch jeden Morgen beim Frühstück, was sie über Tag so unternehmen können in Siziliens Süden: „Ich schicke sie nach Ragusa, nach Noto oder Siracusa, dorthin, wo sich die Zahl der Touristen in Grenzen hält.“ Dass es ausgerechnet dort, wo es am meisten zu sehen gibt, an den interessantesten Orten der Welt, weniger Touristen hinzieht, als da, wo es nichts zu sehen gibt, ist ein internationales Phänomen, irgendwie beruhigend und trifft nicht nur auf Sizilien zu. Es zu ergründen, übersteigt die Analyse selbst des Barons, der sich notgedrungen mit dem Tourismus beschäftigt. Jedenfalls liegen dort unten die schönsten Strände Siziliens – etwa die noch unberührte Bucht von Eraclea Minoa oder der ewig lange Strand von Agrigento. Auch unterhalb von Ragusa laden menschenleere Sanddünen zum Wandern ein, allerdings ohne jegliche touristische Infrastruktur.

Auch gut für uns, die wir die schönen Gegenden gern für uns behalten. Gut erschlossen ist dagegen leider das Hinterland: Hinter Agrigento liegt das „Tal der Tempel“ mit unzähligen Säulenhallen, Altären und Grabanlagen aus der griechischen Antike, die bekanntlich auf Sizilien ihre zweite Blüte hatte. Der historische Stadtkern Palermos, eineinhalb Autostunden nördlich der altgriechischen Idylle, ist auch heute noch weithin ein grandioser Trümmerhaufen der Geschichte, malerische Kulisse aus verlorener Pracht einer aussterbenden Gattung Mensch – des Aristokraten, der nichts unternehmen muss, weil er alles hat – Addio Dekadenz. Wie eine Bühnenkulisse versucht die Fassade mancher Villa, manches Palazzo, die Schande ihres Verfalls zu kaschieren. In der Via Butera etwa, wo der schwärmerische Goethe und der lernbegierige Schinkel verkehrten, wohnte der „Gattopardo“-Autor Fürst Tomasidi Lampedusa im Haus Nr. 28, dem Palazzo Aceto, den sein Adoptivsohn erbte, und restaurieren ließ.

Der Leopard

SCARLETT wagt einen Blick hinter die Kulissen, der im Gegensatz zum Chiaramonte Bordonara’schen Besitz dem normal sterblichen Publikum nicht vergönnt sein dürfte: Ein Innenhof mit geharkten Wegen und gepflegten Palmen. Über eine bemooste alte Steintreppe und einen herrschaftlichen Kreuzgang gelangen wir in einen düsteren Salon. Durch die Lamellen im Fensterladen fallen Sonnenstrahlen mediterranen Lichts schräg auf Brokat-Tapeten und meterhohe Ölbildnisse streng blickender Fürstinnen und Rittern zu Ross. Regisseur Luchino Visconti hätte Stunden gebraucht, um seinem „Gattopardo“ Burt Lancaster so ein Licht zu zaubern. Aber wir sind nicht im Film, sondern im historischen Stadtkern von Palermo, im Palazzo eines modernen „Leoparden“. Von draußen hört man Grillen zirpen, das Verkehrsrauschen ist verstummt, gegenüber schlägt träge eine Kirchenglocke. Der Hausherr trägt eine maßgeschneiderte Hausjacke aus festem Popelin mit dunkelrot samtenem Kragen, dessen Revers man ansieht, dass er wohl soeben noch eine seiner drei kleinen Töchter gefüttert hat. Sein Idiom ist verbindlich näselnd: „Während der vergangenen Generationen“ doziert er, „gab es Tortoricis, die unendlich reich waren, und welche, denen es schlechter ging. Aber bis hin zu meinem Großvater hat niemand, NIE-mand in der Familie jemals auch nur einen Finger rühren müssen.“ Dann umspielt ein Lächeln das gepflegte Bärtchen des Granden: „Heute“, scherzt er, „bezeichne ich uns als nouveaux pauvres – Neu-Arme, im Gegensatz zu nouveaux riches.

Bernardo Tortorici Montaperto Principe di Raffadali, Mitte 40, dessen Familie im frühen 17. Jahrhundert in den Fürstenstand erhoben wurde, spricht nicht Englisch, nein, er zelebriert es: In jenem für Bürgerliche Italiener (es sei denn sie sind Schauspieler) unnachahmlichen Akzent, den nur ein in Oxford erzogener italienischer Aristokrat so hinkriegt. Nein, ein spanische Grande würde vielleicht auch näseln und dazu castillianisch lispeln, aber doch eher im Stakkato, eher pferdegetrappelartig. Sätze mit klarer Aussage vermeidet der sizilianische Standesherr – wenn sie ihm peinlich sind. „Meine Eltern“, spricht der Prinz, als ich nach Stunden der Unterhaltung im immer dunkler werdenden Salon andeute, dass ich mal Händewaschen muss, „meine Eltern halten gerade irgendwo dort in den hinteren Räumen Siesta…“ Womit er mir sagen will, dass es mir leider nicht erlaubt ist, mich zum „Pipimachen“ aus dem Salon zu entfernen. Auf dem Weg zum Waschraum könnte ich im Dunkeln der alten Fürstin begegnen, was diese erschrecken könnte. Im Übrigen aber freue er sich durchaus auf eine Fortsetzung unserer Konversation über sizilianische Könige und türkische Sultane, Enteignung, Arbeit und moderne Zeiten, versicherte mir der Gute beim Abschied am Rückportal. „Ich selber tendiere zur Monarchie“, rief er mir dann noch von oben nach, seine winkende Jüngste auf dem Arm und seine Stimme hallte durch den Hinterhof des Palazzo: „Das spanische Modell wäre passend für Sizilien – schreiben Sie das! Und da ist ein Café um die Ecke, wo man auch Händewaschen kann…“

Don Bernardo Tortoricci Montaperto dei Principi di Raffadali, hat die Fiat-Vertretung für Sizilien. Den Stadtpalazzo, den er mit der Familie bewohnt, ließen seine Vorfahren im 16. Jahrhundert auf den Ruinen einer arabischen Festung errichten. Während des Zweiten Weltkriegs mussten sein Vater und seine Großeltern den Besitz im Bombenhagel der Alliierten verlassen. Bis in die späten 80er blieb das arg ruinierte Gemäuer mit den kostbaren Fresken und prachtvollen alten Möbeln verwaist. Die Familie konnte es sich nicht leisten, es zu restaurieren. „Mein Vater“ so der Prinz, „lebte noch von den Erträgen der Landwirtschaft. Nach der Enteignung 1945 reichte das Land nicht mehr zum Überleben. So verkaufte ich schließlich den Rest der mir blieb und finanzierte damit die Restaurierung des Stadthauses.“ Und die vollzieht sich Stück für Stück mit viel Geduld und wenig Hilfe vom Staat, der so etwas wie unseren Denkmalschutz nicht in dem Maße kennt und allenfalls bei der Vermittlung von Baukrediten behilflich ist. Allmählich werden Säulen, zwei weitere Säle, alte Seidentapeten, Deckenfresken und der Innenhof restauriert. Aber das ist offensichtlich noch nicht fertig. Ein Standesgenosse des kauzigen Stadtpalais-Bewohners klärte mich später auf, warum der mich partout nicht aufs Klo lassen wollte: „Nun, aus dem einfachen Grund, weil ihm außer dem Salon wohl noch keiner seiner restaurierten Räume repräsentabel erschien und er sich dafür wohl etwas schämte.“

Menü schließen