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Blickwechsel – der etwas andere Gottesdienst in Bückeburg
Der etwas andere Gottesdienst in der Stadtkirche zu Bückeburg

Blickwechsel – der etwas andere Gottesdienst in Bückeburg

Blickwechsel

In die Stadtkirche zu Bückeburg strömten am Sonntagabend genügend Besucher, sodass sich die Frage stellte: Was ist dort so Spannendes zu sehen oder hören?

Ein gut besuchter Blickwechsel in der Stadtkirche zu Bückeburg – Foto: Sabine Christel

Angekündigt auf Plakaten war der „Blickwechsel“, als eine andere Art von Gottesdienst. Wir fassen es so auf, dass man den Blick von der jahrtausendalten Kirchenkultur ein wenig auf das legt, was sich aktuell in der Welt und in der direkten Umgebung entwickelt. Oder anders: Kann man einen Gottesdienst so gestalten, dass er auch diejenigen anspricht, die höchstens an den Feiertagen aus traditionellen (oder familiären) Gründen den Weg in die Kirche finden, und erreicht man somit ein anderes Bewusstwerden dessen, was die Bibel aussagt?

Das Team des „Blickwechsels“ besteht aus ca. 20 Mitarbeitern, die mit Theaterszenen und Texten, sowie eines besonders gestalteten Gottesdienstraumes, mit persönlich formulierten Gebeten, neuen und alten Liedern wirklich einen anderen Gottesdienst anbieten.

Neu in der Kirche sind an diesen Abenden die großen Leinwände. Auch herrscht allgemein weniger eine gedämpfte, sondern eher eine erwartungsvolle Atmosphäre. Menschen unterschiedlichen Alters finden sich ein in der Kirche. Vorn steht die Kirchenband „Grenzgänger“ bereit, was auch ein ungewöhnlicher Anblick ist. Genau wie die Tatsache, dass Pastor Jan-Uwe Zapke lediglich ein Teil dieses Teams ist, denn der etwas andere Gottesdienst wird von vielen Interessierten mitgestaltet. Und auch Sie haben die Möglichkeit, mitzuwirken. Näheres dazu finden Sie auf der Seite des Blickwechsel.

Es geht dieses Mal um das Thema: „Vergib uns unsere Schuld – mir nicht.“

Ein Bibelvers aus dem Matthäus-Evangelium abgewandelt und damit stellt sich die Frage: Warum nicht? Kann ich mir selbst nicht vergeben oder sehe ich die Schuld nicht oder will sie nicht sehen?

Der erste Denksansatz ist, die Schuld gern beim anderen zu suchen, nicht bei uns selbst.


Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Grundgebet aller Christen
Matthäus-Evangelium, Kap. 6, Verse 9 – 13

Ein moderner Dialog zwischen Mann und Frau, die beide uneinig sind, was im Fernsehen gesehen werden darf, macht den Anfang. Beide sehen sich im Recht, niemand will nachgeben. Am Ende ist die Fernbedienung kaputt, was jeder dem anderen als Schuld zuschiebt.

Wer hat Schuld? Ein moderner Dialog beim „Blickwechsel“ – Foto: Sabine Christel

Die nachfolgende Lesung aus der Bibel zeigt dann auf, dass man sich auch schuldig machen kann, ohne direkt als Verantwortlicher dazustehen. Wie würden wir jedoch die Angelegenheit beurteilen, wenn wir sie von jemand anderem erzählt bekommen?

Schuld kann wie eine Fessel sein, dass zeigt Carsten Reuss in einem Monolog sehr deutlich, in dem er von seinen eigenen Schuldgefühlen wie gefesselt ist, als er symbolisch mit einem Seil am Stuhl festgebunden wird und sich selbst nicht befreien kann. Schuldgefühle so sichtbar machen, dass die eigene Qual dahinter, der Gedanke daran überwältigend zu sein scheint: „Ich habe Schuld auf mich geladen, wer das hat, der ist ein Verlorener. Könnte ich es nur ungeschehen machen. Aber nein.“

Eindrucksvoller Monolog von Carsten Reuss – Foto: Sabine Christel
Schuldgefühle als Fessel sichtbar gemacht – Foto: Sabine Christel

Eine anhaltende Stille danach zeigt, wie tief dieser Monolog berührt. Ganz klar zu sehen, dass Gefühle beengen und erdrücken können.

Liedtexte für alle sichtbar auf großen Leinwänden – Foto: Sabine Christel

Zwischendurch Musik und auch dafür sind die Leinwände: Der Liedtext erscheint vergrößert für alle sichtbar und zusammen mit der Band klingen moderne und alte Lieder durch das Kirchenschiff.

Es folgt der Dialog zwischen Landesbischoff Dr. Manzke und Pastor Zapke. Letzterer beginnt mit einem Scherz: „Der Richter fragt den Angeklagten, ob er sich schuldig bekennt. Dieser entgegnet, dass er erst abwarten wolle, wie viel die Zeugen wissen.“

Dialog von Landesbischof Dr. Manzke (re.) und Pastor Zapke zur Frage nach der Schuld – Foto: Sabine Christel

Schuld zuzugeben fällt nicht leicht. Schon am Anfang in der Bibel steht geschrieben, wie Adam die Schuld, vom Apfel der Erkenntnis gegessen zu haben, auf Eva schiebt und sie letztendlich die Schlange verantwortlich macht.

Dr. Manzke fragt, woran es liegen könnte, dass es uns so schwerfällt, eine Schuld zuzugeben.

Pastor Zapke verweist auf die Öffentlichkeitsebene. Allein durch die sozialen Medien würde man soviel negative Kritik erhalten, die eigene Schuld wird somit öffentlich gemacht.

Die Sorge davor, was andere dazu sagen könnten, und dass sie zuviel davon wissen, ist das, was uns hindert, eine Schuld zuzugeben.

Letztendlich möchte man es gut machen und hat darum Angst vor Fehlern. Außerdem muss eine Schuld gesühnt werden, es sollte eine Wiedergutmachung stattfinden. Dies geht aber nur, wenn man es auch anerkennt.

Pastor Zapke hält es zudem für nicht richtig, dass viele Menschen glauben, in der Bibel gehe es nur um Schuld und Sühne. Es geht viel mehr darum, ein gelungenes Leben zu führen, dass einem selbst und anderen Freude macht. Und Schuld heißt: „Du hast es nicht geschafft.“ Das tut weh.

Ein Mechanismus ist, dem anderen die Schuld zu geben. Ein weiterer, die Verantwortung von sich zu weisen „Ich kann nichts dafür, weil,…“

Wir Menschen suchen nach einem heilsamen Weg mit der Schuld umzugehen.

Dr. Manzke erzählt von einem Gemeindemitglied, der mit seiner Schuld nicht umgehen konnte. Durch einen tragischen Verkehrsunfall wurde ein Kind getötet. Das konnte er sich nicht verzeihen. In den Gesprächen zeigt sich, dass das Schlimmste ist, wenn man sich selbst nicht vergeben kann.

„Vergib uns… mir nicht“ sagt, wie schwer es ist, sich nicht vergeben zu können. Die großen Religionen haben jede für sich einen Schatz an Hilfen für einen heilsamen Umgang mit der Schuld.

Der erste Schritt ist, das Wissen – Reue und das Bedauern.

Die katholische Kirche beispielsweise hat im 4./5. Jahrhundert den Beichtstuhl erschaffen. Die sogenannte „Ohrenbeichte“ bietet die Möglichkeit, etwas in einem geschützten Raum auszusprechen. Indem ich es ausspreche, befreie ich meine Seele. Daher auch der Satz: „Es liegt mir etwas auf der Seele.“

Zum heilsamen Umgang braucht es deshalb ein Gegenüber, einen Menschen, der einen fragt. Die Möglichkeit, jemand anderen um Hilfe zu bitten. Sich zusagen zu lassen: „Du darfst das Leben weiter fröhlich führen.“ Den Glauben an die Vergebung haben, zu wissen, dass uns vergeben wird.

Foto: Sabine Christel

Ein offenes Gespräch, welches am Ende auch offen bleibt und damit die Möglichkeit zum Austausch nach dem Gottesdienst bietet. Dann nämlich trifft man sich – auf ein Getränk, auf ein paar Worte miteinander.

Auch in modernen Zeiten verliert die Bibel nicht an ihrer Ausdrucksstärke

Kirche verbindet. Und der Blickwechsel zeigt, dass es sich durchaus lohnt, einen Blick einmal im Monat jeweils sonntags ab 18.00 Uhr in die Stadtkirche zu Bückeburg zu wagen. Vielleicht fühlen gerade Sie sich angesprochen und sehen eine neue Seite an etwas, was auch nach zweitausend Jahren die Menschheit noch immer zum Austausch und einem Miteinander anregt.

Der nächste Blickwechsel findet statt am Sonntag, 12. Mai 2019 um 18.00 Uhr. Dann mit dem Thema: In Ewigkeit, Amen – für immer?

Foto: Sabine Christel


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