ADS – Zappelphilipp oder Hochbegabt? Von Vorurteilen, Schubladendenken und dem Mittel Ritalin

ADS. Bis zur Diagnose sind Jahre vergangen. Jahre, in denen ich von Arzt zu Arzt gegangen bin, mit der Frage: Was fehlt meinem Kind, was kann ich tun? Ich habe mich und besonders meine Erziehung in Frage gestellt. Als Singlemom bin ich stets in der Situation, dass ich ungefragt Ratschläge erhalte, angreifbar bin und oftmals von Außenstehenden in Schubladen gesteckt werde. Gerade Alleinerziehenden gegegenüber neigt die Gesellschaft dazu, aufgrund von Äußerlichkeiten oder ihrer Art zu leben zum vernachlässigenden überforderten Elternteil zu degradieren. Man wird nicht nur angreifbar, sondern die Hemmschwelle im Hinblick auf Respekt, Anerkennung und Verständnis sinkt.



Statt Hilfen bekam ich die Macht von sogenannten Pädagogen zu spüren, deren Aufgabe es eigentlich sein sollte, Kindern Wissen zu vermitteln, die ihrerseits aber mit Unwissenheit und teilweise grenzwertigen und grenzüberschreitenden Aussagen unser Leben zusätzlich erschwerten. Was sie mit dem Gesagten und Vorurteilen angerichtet haben, lässt mich am deutschen Bildungssystem zweifeln. Woher kommen die Begriffe „Schulangst“ und „Mobbing“? Wenn ein Kind Angst hat, zur Schule zu gehen, dann haben diese Pädagogen ihren Lehrauftrag nicht verstanden.

Wie viele Aussagen ich in dem vergangen Jahr zudem gehört habe, über AD(H)S, über Ritalin und darüber, dass es Kinder gibt, die „nun mal zappelig sind“. Von Ernährungsfehlern und der Tatsache, dass man als alleinstehende Frau OHNE MANN ja nicht in der Lage sein kann, ein Kind großzuziehen.

Ein Blick auf den Kalender zeigt mir aber, wir leben im 21. Jahrhundert. In den Köpfen vieler jedoch noch weit im letzten Jahrhundert, als die Frau oftmals nur das „Heimchen am Herd“ war und der Mann für die „wichtigen“ Dinge zuständig sein sollte.

Ich bin gerne Frau. Ich bin auch gerne Mutter. Aber ich bin nicht gern in einer Schublade.

Eine Geschichte über das Leben mit ADS.

Was ist AD(H)S?

Eine gesicherte Diagnose ist die Grundvoraussetzung für sinnvolle Therapiemaßnahmen. Die Diagnostik der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) orientiert sich nach internationaler Übereinkunft heute an den Kriterien der beiden diagnostischen Systeme ICD-10 und DSM-IV. Eine Abklärung sollte im Rahmen einer differenzierten Diagnostik von einem hierauf spezialisierten Arzt erfolgen.

Hierzu gehören als Routinediagnostik

Eigen-, Familien-, Fremdanamnese,

körperliche und neurologische Diagnostik,

motoskopischer/motometrischer Entwicklungsstatus,

Bei Bedarf und bestimmten Hinweisen:

Audiometrie, Visusüberprüfung,

EEG und Laborstatus.

Des weiteren sind neuropsychologische Testverfahren durchzuführen wie

Leistungstests, Konzentrationstest,

Testung auf Teilleistungsschwächen.

Zur Differenzialdiagnostik gehört der Ausschluss von Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik und die Feststellung eventueller begleitender (assoziierter) Störungen (z. B. Teilleistungsstörungen, Tics, Asperger Syndrom, Zwangsstörungen, Depressionen). Bei Verdacht auf eine nahrungsmittelinduzierte ADHS-Symptomatik sollten weitere Untersuchungen in dieser Richtung folgen.

Die Frage nach den Ursachen der ADHS wird leider immer noch kontrovers oft auch sehr emotional diskutiert. Mediziner sprechen von einer organischen Störung, Psychologen und Pädagogen gehen eher von einer psychischen Störung als Reaktion auf krankmachende familiäre und gesellschaftliche Belastungen aus. Darüber hinaus gibt es noch weitere Theorien, die aber eine untergeordnete Rolle spielen.

Die Mehrzahl der Mediziner geht heute davon aus, dass die Störung auf eine Dysfunktion bestimmter Regelsysteme im Frontalhirnbereich beruht, auf einem Ungleichgewicht in verschiedenen Neurotransmittersystemen. Die Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Noradrenalin spielen hier eine entscheidende Rolle.

Psychosoziale Bedingungen (z. B. ungünstige familiäre Situation) werden von den meisten Wissenschaftlern nicht als primäre Ursachen der ADHS angesehen!

ADHS-Deutschland

Mein Sohn war ein gut entwickeltes Kind. Er sprach schon früh und in ganzen Sätzen, überzeugte mit Klugheit und Weitsicht, wurde deshalb als überaus intelligent und hochbegabt eingestuft. Im Kindergarten fiel dann zum ersten Mal auf, dass er nicht gern ausdauernd malt. „Na ja, ein Junge“ hieß es „die malen nicht so gern. Die toben lieber.“ Bei einem Training, zum besseren Halten des Stiftes, kam dann das erste Mal der Begriff ADS ins Spiel. Die damalige Ergotherapeutin hatte einige Tests gemacht und selbst einen ADSler zu Hause. Der befragte Kinderarzt winkte ab: „Was wollen Sie? Ritalin geben?“ Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte eine klare Aussage, was ist zu tun, was kann ich tun? Ich bekam keine Aussage, aber Globuli, Zappelin hieß das Mittel, für kleine Zappelkinder.

In der Schule dann das Grauen überhaupt: Schreiben nach Gehör. Wie kann man Kindern beibringen „schreib, wie du es hörst“? Manche Fehler bleiben so erhalten, weil das Kind es sich so angeeignet hat. Sie gehen doch auch nicht zur Fahrschule und dann heißt es „fahr mal so, wie du meinst“ und dann müssen Sie sich das mühsam wieder abtrainieren. Es entsteht ein Automatismus, der wieder geändert wird.

In der dritten Klasse und nachdem ich bereits im Jahr davor nachgefragt habe, woran das liegen könnte, dass mein Sohn so schlecht und so langsam liest, trotz Übens, hieß es dann plötzlich: „Das ist nicht normal. Testen Sie mal auf LRS.“ In den ersten beiden Jahren wurde immer nur abgewunken: „Das ist normal, besonders Jungen lesen nicht so gern.“ Auch seine Wortfindungen im schriftlichen Bereich wurden lange Zeit als „niedlich“ abgetan.

Die Testung ergab nichts genaues, aber mein Sohn bekam wieder eine Ergotherapie verschrieben. Er ging äußerst ungern hin. Er wurde gemaßregelt, „sitz still, mach Deine Aufgaben, lerne Dich zu konzentrieren.“ Über Monate gingen wir dahin, aber es wurde eher schlimmer, denn besser. Wie er seine Wut im Zaum halten sollte, lernte er. Aber niemand fragte, woher diese Aggression eigentlich kommt? Jeder therapierte an ihm herum. Mit Globuli, mit klugen Ratschlägen, mit Druck, mit Drohungen, mit Einschüchterungen. Immer neue Termine, immer mehr Stress.

Mittlerweile war er richtig bockig, verweigerte sich und bekam immer wieder Bauchschmerzen. Die Fehlstunden gingen ins unendliche. Entweder er blieb mit Durchfall und Übelkeit zu Hause oder ich musste ihn abholen.

Außerdem kam er ständig zu spät, hatte seine Hefte verlegt, Zettel nicht abgeheftet, war fahrig, unorganisiert und bekam von der Schule den Stempel FAUL. Ich wurde immer wieder zur Schule zitiert. Ich hörte nur noch „Sie müssen dafür sorgen, dass…“ und „Wir schicken Ihnen sonst das Jugendamt nach Hause“. Das Jugendamt. Das ist das Druckmittel, was man Eltern mit auf den Weg gibt: Wenn Du als Eltern versagst, dann nehmen wir Dir das Kind weg. Zu all den Sorgen und der Frage, was hat mein Kind so verändert, kam die Angst, dass man mir das Kind nehmen könnte. Was sollte das Amt denn anders machen?

Ich hätte sehr gern eine klare Diagnose gehabt. Eine Erklärung. Stattdessen gab es immer neue Ratschläge. Vielleicht braucht er eine Brille, kann deshalb schlecht lesen? Vielleicht hat er Hörprobleme? Wir waren durchaus auch einmal zu einem Gespräch bei einem Psychologen bzgl ADS. Der bescheinigte nach einem Gepräch, dass mein Sohn auf keinen Fall ADHS habe, dafür sei er viel zu rühig. Es fehlte ja auch die Hyperaktivität….

Ich hatte das Gefühl, ich drehe mich im Kreis. Immer neue Ratschläge, keine Unterstützung, keine Hilfen und man folgt immer einer neuen Idee und kommt nicht weiter.

Einerseits ein bockiges Kind, andererseits saß mir die Schule im Nacken. Und ich wusste nicht, woher kommen die vielen Bauchschmerzen. Die Schule erzählte, er geht so gern hin, ich erlebte zu Hause etwas völlig anderes. Und wieder die Aussage: Ich als alleinerziehende Mutter….

Irgendwann kam ein Elternsprechtag, der für mich zum Schlüsselerlebnis wurde: Die Lehrerin bescheinigte meinem Sohn größte Faulheit. Und sprach sich gegen eine Klassenwiederholung aus, weil er sich da nur langweilen würde. Im weiteren Verlauf des Gesprächs schickte sie meinen Sohn auf den Schulhof, er sollte draußen warten. Dann erzählte sie mir, dass er die Klasse „tragen würde“ mit seiner Intelligenz, sie sei aber der Meinung, wenn sie ihm sagte, wie schlecht er sei, dann würde er sich vielleicht mehr anstrengen.

Ich ging zu meinem Sohn auf den Schulhof. Da stand ein kleiner Junge, der vor sich hinstarrte. „Vielleicht sollte ich nicht leben, vielleicht haben die Lehrer recht und ich bin einfach nur dumm.“

Das war der Moment, an dem ich die Schule mehr als in Frage stellte. Und ich versprach meinem Sohn, „Du musst hier nicht bleiben, wir können die Schule wechseln.“

Aber nicht in dem Dorf, in dem wir wohnen. Hier sind die Buschtrommeln extrem laut. Ohne meinen Sohn zu kennen wurde er woanders abgelehnt. Da hatte eine Schulsekretärin wohl geplaudert und Halbwahrheiten erzählt. Was macht es mit einem Kind, wenn es so vehement abgelehnt und ausgegrenzt wird?

So blieb nur, das letzte Schuljahr dort zu beenden. Das war mit Abstand das schlimmste Jahr für ihn. Er hat sich hingequält. Gleichzeitig setzte ich alles daran, dass mein Sohn die Klasse wiederholen dürfte, allerdings tatsächlich an einer anderen Schule. Die bisherige Schule hat das jedoch kategorisch abgelehnt. Bis zur obersten Schulbehörde habe ich mich durchtelefoniert, mit jedem gesprochen, der mir weiterhelfen konnte. Und gegen den Willen der Schule hat die Schulbehörde durchgesetzt, dass er nicht nur die Klasse noch einmal machen konnte, sondern er durfte auch endlich die Schule wechseln.

Die neue Schule hat ihm soweit gut getan, dass der Druck weg war und er neu anfangen konnte. Aber auch dort waren Pädagogen, die mit LRS nichts anfangen konnten. Wir hatten zudem in der Zeit die Testungen auf ADS. Über ein jahr waren wir bei einer speziellen Klinik auf der Warteliste, bis wir endlich die Untersuchungen durchführen lassen konnten. Und dieses Mal auch eine klare Diagnostik.

Bei den Testungen wurde – vereinfacht gesagt – geschaut, ist das Kind intelligent, kann er sich konzentrieren, wie lange benötigt er, um eine Aufgabe zu lösen, wie viele Aufgaben schafft er, wie ist die Balance zwischen Intelligenz und dem Ergebnis der Aufgaben.

Dazu kommen Gespräche mit den Eltern, mit dem Kind und mit beiden zusammen. Berichte zu bisherigen Untersuchungen, Fragebögen der Schulen, Zeugnisse, alles das schuf ein Bild, nach dem die Untersuchungen gemacht wurden.

Die festgestellte Intelligenz und das schnelle Auffassungsvermögen passten nicht zu der Zeit, die er benötigte, um eine Aufgabe zu lösen. Er selbst versteht nicht, dass er Fehler macht, weil er die Lösung ja weiß. Er schafft es nur nicht, sie zu Papier zu bringen. Er verzettelt sich, setzt sich selbst unter Druck, kann sich nicht genügend fokussieren. Das frustriert und sorgt auch dafür, dass ein Kind anfängt, sich zu verweigern. Denn es merkt selbst am besten, dass weder Nachhilfe noch eigenes verstärktes Bemühen etwas ändern. Kurz gesagt: Man behandelt einen Nebenschauplatz, weil das Problem nicht mangelnde Bereitschaft oder fehlender Einsatz sind, sondern es fehlt ein wichtiger Botenstoff.

Nach den Testungen ist klar, es ist ein ADS (die stillere Variante ohne das „H“ für Hyperaktivität. Das sind die Kinder, die immer etwas verträumt wirken und damit selten mit ADS diagnostiziert werden, was man ja gern mit verstärkter Aktivität in Verbindung bringt) gekoppelt an eine LRS.

Beim Abschlussgespräch wird eine medikamentöse Behandlung als eine Möglichkeit in den Raum gestellt. Als Eltern eine schwere Frage, denn das bekannteste Medikament, Ritalin, hat Nebenwirkungen, fällt unter das Betäubungsmittelgesetz.

Als die Diagnose ADS kam, war es zum einen erleichternd, weil man endlich, endlich etwas hat, was eine Richtung vorgibt. Zum anderen steht man nun vor der Frage: Wie geht es weiter? Muss mein Kind nun Medikamente nehmen, und wenn ja, welche?

Wir versuchen es erst einmal ohne. Immerhin wissen wir jetzt endlich, was los ist. Es gibt eine neue speziell abgestimmte Ergotherapie mit dem Hintergrund, neue Strukturen zu schaffen, schulische Dinge zu vereinfachen, seine eigene Ordnung zu finden, Hilfen beim LRS. Wir versuchen es dazu mit einem freiverkäuflichen Vitaminpräparat zur besseren Konzentration, welches uns empfohlen wird als „Ritalin Alternative“. Teuer, bringt nur leider nichts.

Dann ein weiteres Gespräch mit dem Arzt, was können wir tun? Ich entschließe mich, den medikamentösen Weg zu gehen. Doch – welche Medikamente gibt es? Das Standardmittel ist ein Methylpräparat. Mein Sohn bekommt Ritalin. Der Beipackzettel liest sich wie das Grauen. Von Übelkeit, Erbrechen über Kopfschmerzen und Müdigkeit bis hin zu Wachstumsstörungen, Herzversagen und Suizidgedanken ist die Rede. Als Eltern muss ich entscheiden, will ich das? Ist es die richtige Entscheidung?

Ritalin

Die Voruteile sind unglaublich. Was ich persönlich an Anfeindungen erlebt habe, Aussagen von Menschen, die keine Ahnung davon haben, was ADS wirklich für ein Kind bedeutet. Als „faul“ eingestuft zu werden oder „dumm“, weil die Möglichkeit der Konzentration fehlt. Weil es leicht ablenkbar ist. Weil es Schwierigkeiten hat, sein Wissen abzurufen.

Es fehlt ein Botenstoff im Gehirn, der durch das Medikament ersetzt wird. Das ist die vereinfachte Aussage, um das Mittel erklärbar zu machen.

Ritalin macht aus dummen Menschen keine Schlauen. Ritalin ist kein Beruhigungsmittel für Kinder, die einfach einen Bewegungsmangel haben. Ritalin macht aus faulen Schülern keine Überflieger.

Wenn der Unterschied zwischen Intelligenz und Leistung ungleich ist, dann wirkt Ritalin. Und nur dann ist dieses Mittel auch das letzte Indiz dafür, dass es sich um AD(H)S handelt.

Die Nebenwirkungen sind verherend. Das will ich nicht für mein Kind!! Ich kann ihm das nicht geben. Ich kann nicht. Ich habe ihn doch nicht ewig gestillt, gesund ernährt und versorgt und dann gebe ich ihm ein Mittel, das sogar unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.

Methylphenidat (kurz: MPH; Handelsname u. a. Ritalin, Medikinet, Concerta) ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Phenylethylamine. Er besitzt eine stimulierende Wirkung und wird heute hauptsächlich zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und seltener auch bei Narkolepsie eingesetzt.

MPH ähnelt zwar strukturell etwas den Amphetaminen, wird aber zu den PiperidinDerivaten gezählt. Es hat eine ähnliche Wirkung wie Pemolin und ist chemisch eng verwandt mit Desoxypipradrol. In Deutschland wird Methylphenidat als verkehrs- und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel eingestuft.

Ich kämpfe lange Zeit mit mir. Die ganzen Voruntersuchungen vor dem Rezept zeigen, so leichtfertig wird nichts verschrieben. Wiegen, messen, weil es das Wachstum beeinflussen kann, ein EEG im Krankenhaus, um die Gehirnströme zu messen, Blutbild, Messung von Herzschlag und Blutdruck. Mein Sohn ist 10 Jahre alt. Was tue ich ihm an? Wenn er Diabetes hätte, wenn sein Leben davon abhängen würde, aber nur wegen schulischer Leistungen? Ist dieses Medikament wirklich notwendig? Die Zweifel sind allgegenwärtig. Und die Frage:

Muss er aufs Gymnasium gehen?

Und das ist ein Denkfehler. Denn der psychische Druck eines Kindes, etwas zu können, zu verstehen, aber nicht umsetzen zu können, ist so groß, dass es zu suizidalen Gedanken kommen kann, das eigene Selbstwertgefühl wird stark beeinflusst. Warum kann ich nicht umsetzen, was ich weiß? Warum kann ich meine Gedanken nicht halten? Was stimmt nicht mit mir?

Diese Kinder leiden darunter, dass man sie als faul oder dumm einstuft. Sie sind es nicht, aber die Umgebung urteilt so. Aus Unwissenheit. Und leider aus Dummheit und Arroganz.

Und nein, es gibt dafür keine Globuli. Ja, ich halte viel von Hausmitteln und durchaus von alternativen Heilmethoden. Aber es gibt Grenzen. Und die muss man akzeptieren. Nein, das Weglassen von Zucker hilft nicht. Nein, man kann es auch nicht wegtherapieren oder mit Vitaminen ausgleichen. Auch das familiäre Umfeld spielt dabei keine Rolle, AD(H)S kann jedes Kind treffen, Jungen statistisch gesehen eher als Mädchen, auch Vererbung spielt dabei eine aber untergeordnete Rolle. Wichtig ist: Das Kind kann nichts dafür. Und auch der Status „Alleinerziehend“ ist keine Ursache.

Es gibt medikamentös leider nur die Mittel, die allesamt Nebenwirkungen haben und keinesfalls harmlos sind. Aber – sie sind für die Kinder, die unter den Auswirkungen von AD(H)S leiden, ein Schlüssel in eine ganz andere Welt.

Sie haben noch nie ein Kind erlebt, dass unter den Medikamenten lernt. Dass endlich das zeigen kann, was in ihm steckt.

Mein Sohn hat es mal so formuliert: Es ist, als ob mein Gehirn eine Brille trägt und ich plötzlich ganz klar denken kann.“

Und ja, es gibt Kinder, die ohne Ritalin aufwachsen mit AD(H)S. Und die vielleicht im späteren Leben dann aber andere Mittel finden, um mit den Symptomen umzugehen und sich „runterzufahren“ – Alkohol oder Drogen.

Bei der ADS Version finden Sie auch viele unbehandelte Erwachsene mit Depressionen. Wenn Sie immer als dumm oder faul abgestempelt werden, schaffen Sie sich Ihre eigene Art, damit umzugehen. Mein Sohn wollte lieber als faul gelten, nicht als dumm, deshalb hat er stets gesagt, er habe nicht gelernt. Weil ihm niemand erklären konnte, warum er trotz lernen nichts aufs Papier bringen kann. Warum ihm die Nachhilfe nichts gebracht hat, warum er ständig so müde ist und im mündlichen glänzt und im schriftlichen nicht das gleiche erreicht.

Als Eltern stehe ich vor der Entscheidung, was ist das Richtige? Und es geht gar nicht mehr darum, welche Schulform die richtige ist. Es ist sehr belastend für ein Kind, wenn es falsch eingestuft wird. Mein Kind hat darunter sehr gelitten. Und es hat eine Zeit gedauert, bis er selbst gespürt hat, wie das Mittel wirkt. Was er plötzlich alles leisten kann.

Natürlich ist es keine Zauberei. Die daran gekoppelte LRS macht ihm das schulische Leben schon schwer, er muss viel mehr lernen, mehr üben und sich mehr anstrengen. Es tritt leider kein Automatismus ein. Sich da mehr anstrengen zu müssen, das wird ihm leider erhalten bleiben. Aber in allen anderen Bereichen spürt er die Konzentrationsfähigkeit, die Gedanken, die nicht wie sonst durcheinandergeraten.

Und so kämpfen wir jeden Tag darum, die Nebenwirkungen in Schach zu halten. Und mit dem Medikament zu leben. Aber auch mit dem Unverständnis und den Vorurteilen.

Rückblickend waren die letzten Jahre eine Odyssee, verbunden mit Fehlentscheidungen und Ängsten, mit so vielen Sorgen und Nöten und dem Wissen, es wird einem nicht geholfen, man selbst muss hartnäckig sein und penetrant immer wieder sich selbst Hilfen suchen. Und dem Gefühl von Ohnmacht, Behördenwillkür und Menschen, die ihre Position missbrauchen.

Nicht alles ist so, wie es scheint. Und manchmal hilft es sehr, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, zu fragen, sich zu informieren und nicht alles nachzureden, was man als Halbwissen mal aufgeschnappt hat.

Mich persönlich quält die Frage, ob Ritalin wirklich sicher ist. Ob die Nebenwirkungen nicht dauerhaft schaden können, auch wenn Langzeitstudien und die behandelnden Ärzte da abwinken. Ich sehe meinem Kind die Nebenwirkungen an, muss ihn manchmal trösten und dazu animieren, versuche, ihm zu helfen, aber ich kann ihm die Übelkeit und die Beschwerden nicht abnehmen. Der Zweifel ist stets an meiner Seite.

Aber ich weiß auch, dass es meinem Sohn hilft, er ein völlig anderer Mensch geworden ist. Alles bockige und fahrige ist abgefallen. Er würde sicherlich gern verzichten, wenn er wieder mit Übelkeit zur Schule geht und einfach wenig Appetit hat. Wenn selbst Bonbons keinen Reiz ausüben. Aber er weiß auch, wieviel leichter ihm alles fällt, wenn er das Medikament nimmt. Und das Schule wieder mit etwas Positivem verbunden ist.

Ein Plädoyer für Ritalin? Nein. Eine Geschichte, was Ritalin auch bewirken kann.