Achtung – hier kommt jetzt Kultur!
Scarlett - Die Kolumne

Achtung – hier kommt jetzt Kultur!

Von der Angestaubtheit eines Begriffes und dem, was unser Leben so vielfältig und bunt macht

„Kultur? Das klingt so hausbacken“, so zumindest hat man sich uns gegenüber geäußert, als wir damals mit dem Scarlett Magazin angefangen haben. Da hieß es des Öfteren „Ach, Kultur, damit kann man doch kein Geld verdienen“. (Und gemeint war: „Das lockt doch keinen Hund hinterm Ofen hervor und Werbung machen wir da schon dreimal nicht“. Es gab auch den Tipp, doch Polizeiberichte einzufügen, wegen „das bringt mehr Leser“. Aber wir wollen nicht über betrunkene Autofahrer und Trickdiebstähle schreiben, diese Nachrichten haben doch letztlich den Zeitwert einer Eintagsfliege, und dass nur, wenn diese einen ziemlich schlechten Tag hat.

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Uns ging es um Nachhaltigkeit und darum, zu unterhalten. Aber hey, Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden, also haben wir unsere Idee von Kultur einfach durchgezogen. Also, wenn Sie jetzt einen Polizeibericht erwarten, dann der Hinweis: „Passt nicht, gibts nicht, wollen wir nicht.“ Trotzdem war der Begriff KULTUR für einige so charmant wie „orthopädische Strümpfe“, „Nerd“ oder auch „Mottenkiste“.

Das haben sogar Werbepartner und Institutionen gesagt, und zwar Großunternehmer und Leute aus dem Marketing, bei denen man denkt, die sehen eigentlich aus, als ob sie mal ins Theater gehen und sie gehen doch auch mal ins Kino oder lesen ein Buch, gehen zur Kirmes und auf der Landpartie ist mir der eine oder andere auch schon über den Weg gelaufen… Und dann tun sie Kultur ab als etwas angestaubt Überholtes?

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Aber von vorn: Kultur, was ist das eigentlich?

Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbstgestaltend hervorbringt – im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.

Der Begriff der Kultur ist im Lauf der Geschichte immer wieder von unterschiedlichen Seiten einer Bestimmung unterzogen worden. Je nachdem drückt sich in der Bezeichnung Kultur das jeweils lebendige Selbstverständnis und der Zeitgeist einer Epoche aus, der Herrschaftsstatus oder -anspruch bestimmter gesellschaftlicher Klassen oder auch wissenschaftliche und philosophisch-anthropologische Anschauungen.

Der Begriff der Kultur kann sich auf eine soziale Gruppe von Menschen beziehen, denen eine bestimmte Kultur zugesprochen wird, oder auf das, was allen Menschen zukommen soll (siehe den Kulturbegriff in der kulturvergleichenden Sozialforschung). Gemeinsamkeiten einer Menschengruppe oder der gesamten Menschheit dienen dann der Abgrenzung dieser Gruppe von anderen oder des Menschen von Tieren.

Wikipedia – und das ist nur ein kleiner Auszug….

Man kann Kultur als Gesamtheit der Errungenschaften der menschlichen Zivilisation zusammenfassen. Und – die Kultur bewahrt auch unser geschichtliches Gedächtnis.

Kultur beinhaltet im Übrigen eine Vielzahl von Begriffen, aber oftmals verbinden viele Menschen damit eher altes oder „getragenes“, wie Bücherwürmer und „angestaubte“ Menschen, die sich beispielsweise auf kleinen Lesungen tummeln, in engen und unbelüfteten Räumlichkeiten.

Angestaubt und hausbacken – so assoziieren einige den Begriff: Kultur

Es klingt nach schwerer Literatur und ein bisschen erbsensuppenfarben langweilig, nach Grübeln und einer kleinen Klientel von Interessierten. Fast schon eine Randgruppe und ein Kulturmagazin kann dann ja nur ein Nieschenprodukt sein. „Finden Sie lieber einen moderneren Namen“, so wurde uns nahegelegt, „das schreckt sonst viele Leute ab“.

Ach so. Na ja, aber….

Kultur ist doch so viel mehr! Und angestaubt sind dabei höchstens die antiquierten Ansichten derer, die so wenig mit dem Begriff anfangen können oder zumindest deren Gedanken. Denn zur Kultur gehören selbstverständlich Bücher, und zwar nicht nur die großen Klassiker, sondern durchaus Belletristik und mehr, aber auch das Kinoprogramm, dazu können sicherlich auch Lesungen zählen, aber eben auch große Veranstaltungen, wie der Jahrmarkt, der Zirkus oder das Weinfest. Kultur ist dabei auch mit Traditionen verbunden, Dinge, die man schon seit Jahrzehnten oder noch länger so macht.

Interessiert Sie etwas von diesen Dingen? Nun, dann sind Sie doch tatsächlich kulturell interessiert. #gehtdoch

Fassen wir kurz zusammen: Kultur ist farbiger und vielfältiger als vielleicht gedacht. Und – wie wichtig sie letztendlich ist und wie stiefmütterlich man sie oftmals behandelt hat, dass zeigt derzeit dieses Supervirus. (Geben wir es zu, gemeckert hat man oft, wie langweilig das Angebot ist. Nun ist nichts da und plötzlich fehlt es)

Durch Corona hat Kultur eine ganz neue Bedeutung erhalten. Wie hieß es doch: first in – last out, das bedeutet, die Veranstaltungen sind als erstes abgesagt worden. Und – die Veranstaltungen sind aber auch das, was bis jetzt noch im großen Rahmen untersagt wird.

Das, was stattfindet läuft nur mit großen Hygienemaßnahmen und da scheuen sich ganz viele Veranstalter damit umzugehen. Was, wenn ein Event neue positiv getestete Fälle hervorbringt? Kein Veranstalter möchte sich so etwas ans Bein binden. Deshalb sind auch die Städte und Gemeinden sehr zögerlich, was das Kulturprogramm betrifft.

Denn – ganz ehrlich – wirft man derzeit einen Blick in die Innenstädte, dann sind diese wieder gut gefüllt von Menschen ohne Mundnasenbedeckung, die dort entspannt ihrem Shopping Bedürfnis nachkommen.
1,5 m Abstand ist kaum erkennbar und wie gesagt, „Mundschutz“ trägt man in den Geschäften, aber nicht draußen.

Spaß in der Gastronomie

Auch die Gastronomie ist wieder gut gefüllt, auf den Spielplätzen ist viel los, sogar die Urlaubsorte samt Strände sind voll und hat man nicht erst anfangs behauptet, dieses Jahr gibt es keinen Auslandsurlaub und jetzt sitzen die Leute schon auf gepackten Koffern Richtung Ferienflieger?

Der Alltag geht also irgendwie weiter, muss und soll er auch! Ein Virus kann uns nicht so lahm legen, dass das ganze Leben plötzlich nicht mehr stattfindet. Und nur auf den Impfschutz warten ergibt aus meiner persönlichen Sicht wenig Sinn, sondern als immens wichtig erachte ich es (wieder meine ganz subjektive Meinung) sich damit zu arrangieren, wie können wir mit diesem Virus leben, so wie wir auch mit HIV leben oder mit Grippe oder irgendwelchen anderen Sachen.

Und mit dazu gehört einfach die Kultur – wir brauchen auch „Nahrung für die Rübe“ sozusagen, wir brauchen ein Unterhaltungsprogramm als Ausgleich für unseren Alltag, wir müssen die Traditionen und eben auch die Kultur bewahren. Wir brauchen gute Literatur und Leute, die uns das in Lesungen vorstellen, wir brauchen Konzerte und Musik, Künstler, die uns ihre Musik live und in Farbe präsentieren, es braucht Schauspieler und Entertainer und alle diese Leute sind im Gegenzug auch auf den Job angewiesen, denn zum Beispiel als Schauspieler kannst du nicht mal eben einen Online Service einrichten oder ein „to-go“, wir brauchen die Bühne und wir brauchen das Theater und wir brauchen eine ganze Menge mehr.

Stellen Sie sich mal ein Leben vor ohne all diese Veranstaltungen und Möglichkeiten. Schon jetzt ist klar, irgendwann ist der Hype um das Toilettenpapier und die geöffneten Klamottenläden vorbei, dann kommen die Leute an und sagen: „Ich würde gerne mal wieder ins Theater gehen“ oder „Ich würde gerne mal wieder über die Kirmes bummeln“ oder „Wann findet wohl mal wieder ein Konzert statt?“

Man kann doch nicht alles digital aus der Dose machen, der Reiz eines Konzerts ist doch gar nicht unbedingt, dass man die Musik hört, sondern die ganze Atmosphäre, die Stimmung, die Leute, die Verbindung zwischen Künstler und Publikum – das ist das Besondere und mit diesen Glücksgefühlen gehen wir nach Hause und freuen uns auf die nächste Veranstaltung.

Kultur ist auch mit Freude verbunden, mit Unterhaltung, mit Glücksgefühlen, alles das kann man nicht künstlich erzeugen. Die Vorfreude, wenn man in einem Theaterstück sitzt und gleich geht der Vorhang beiseite und das Stück beginnt, dieses Gefühl bekomme ich zu Hause vor dem Fernseher einfach nicht hin, mir fehlt in den Pausen der Austausch mit den anderen Besuchern, gemeinsam über das Stück zu reden, vielleicht bei einem Glas Prosecco zu philosophieren, wie man das Stück findet, wie die Schauspieler sind, wie der Regisseur das Thema umgesetzt hat.


Mir fehlt die Atmosphäre eines MPS, unter tausenden von Leuten zu sein, ein gemeinsamer Nenner ist das Thema, ist etwas, was Menschen unterschiedlicher Art eint. So etwas gibt es auf vielen Festivals und auch das fehlt.

Es fehlen die Kinoprogramme, nach aktuellen Kinofilmen zu gucken. Streamingdienste wie Netflix sind ja cool, aber Kino eben noch mal eine Nummer anders.


Es fehlt sich über die Kirmes zu schlängeln und Karussell zu fahren, by the way was ist mit den ganzen Schaustellerbetrieben, die ihr Lebenswerk darauf ausgerichtet haben auf Volksfesten aktiv zu sein, woher beziehen diese Leute jetzt ihr Einkommen, denn: auch Karussell fahren gibt es nicht als „to go“ und schon gar nicht digital.

Was können wir jetzt also tun

Wir können uns zufrieden geben mit dem, was ist. „Wenigstens die Gastronomie hat wieder geöffnet“ werden wohl einige sagen. Und ja, für den Anfang sicherlich eine gute Idee, aber…. reicht das wirklich aus?

Und dieses Corona Ding bringt einiges in uns Menschen zum Vorschein, nämlich zu erkennen, was wirklich wichtig ist, und zwar für jeden einzelnen von uns.

Für den einen ist das die Gastronomie, endlich wieder in die Kneipe gehen für das Feierabendbier. Für die anderen ist es Shopping, endlich wieder Schuhe und Klamotten kaufen. Für viele ist es der Austausch mit anderen, dass man wieder Sport machen kann, dass man sich wieder ins Café setzt und miteinander ins Gespräch kommt, dass man die Familie wieder besuchen kann, Ausflüge mit den Kindern, aber man merkt auch, wie dankbar viele sind, wenn etwas geöffnet hat.

Beispielsweise beim „British Weekend“ des Rittergut Remeringhausen, als man überall fröhliche Gesichter, überall begeisterte Menschen sehen konnte, endlich wieder was anderes für die Augen, was zum Erfreuen.

Rittergut Remeringhausen – Foto: Sabine Christel

Jetzt könnte man ganz prosaisch sein und sagen, Corona hat uns verändert, aber letztendlich ist das Leben Veränderung, und zwar jeden einzelnen Tag. Jeden Tag kann uns eine Nachricht erreichen,die unser Leben verändert, jeden Tag kann irgendetwas passieren, was Veränderungen mit sich bringt und die sind nicht immer positiv, die sind durchaus auch sehr negativ und dann verändert sich nämlich die Sicht der Dinge, dann merken wir, was uns wirklich wichtig ist, aber auch, was uns freut, was uns fehlt und dann sind es oftmals kleine Dinge, die Glücksgefühle hervorrufen

….ein kühles Glas Prosecco, eine leckere Tafel Schokolade, ein toller Kinofilm, ein neues Buch unseres Lieblingsautoren, die Möglichkeit, die Nase in die Sonne zu halten und rauszugehen, durch den Park zu spazieren, die beste Freundin zu treffen, mit den Kindern einen Ausflug zu machen, zu fühlen, dass man immer noch lebt, das es immer noch Dinge gibt, die Spaß machen.

Alles das hat uns dieses Virus gezeigt. Wie es ist, wenn man von jetzt auf gleich eben nicht mehr ins Kino oder zum Sport gehen kann, wenn Buchhandlungen und Bibliotheken geschlossen sind, wenn man vorher die Kirmes als „mickrig“ empfunden hat und nun froh wäre, man könnte doch wieder hingehen.

Also – wir haben uns alle so für die Öffnung der Gastronomie eingesetzt, nun müssen wir ganz engagiert etwas dafür tun, dass auch die Veranstaltungen wieder stattfinden. Dann eben mit Abstand und Mund-Nasenbedeckung. Dann eben mit Hinterlassung von Namen und persönlichen Daten.

Wir vom Scarlett Magazin wünschen uns kreative Veranstalter und an den wichtigen Stellen mutige Entscheider mit tollen Konzepten die sagen „hey, wir haben eine Idee, wir können das doch so und so machen.“

Wir wünschen uns Leute, die sich für ein großes Kulturangebot einsetzen, die von der Politik mehr Unterstützung und eine Lockerung fordern. Wir wünschen uns, dass die bisherigen Angebote auch angenommen werden, damit jeder sehen kann – Kultur lebt und ist wichtig!

Wir wünschen uns weniger Sesselpupser und mehr Entscheider. Wir wünschen uns Kreativität, Innovation und viele neue Ideen und wir wünschen Ihnen allen einen schönen Sonntag!

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