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Tradition und Engagement – Das Bürgerbataillon Bückeburg
Bückeburger Bürgerbataillon

Tradition und Engagement – Das Bürgerbataillon Bückeburg

Das Jahr 2019 ist ein besonderes Jahr für das Bürgerbataillon Bückeburg: Seit 335 Jahren ab 1683 findet das Bürgerschießen (ehemals Freyschiessen) statt. Ein Grund zum Feiern, aber auch eine Möglichkeit, den Staub der vergangenen Zeiten zu vertreiben und den Blick freizumachen auf das, was das Bürgerschießen ausmacht: Gelebte Tradition.

Natürlich ist das ein Begriff, der in vielen Presseberichten auftaucht und immer wieder in Ansprachen verwendet wird. Doch, was bedeutet es eigentlich?

Bürgerbataillon Bückeburg – Foto: BB

Etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o. Ä. in der Geschichte, von Generation zu Generation entwickelt und weitergegeben wurde und weiterhin Bestand hat“

Definition von Tradition

So verhält es sich auch in Bückeburg. Als Erinnerung an die Zeit, in der die Stadt sich mit der Bürgerwehr verteidigen musste, stammen die Kompanien, die wiederum in Rotts aufgeteilt sind.

Das Errichten von Wallanlagen, Gräben und Palisaden, sowie die Erhaltung und Verteidigung selbiger gehörte zu den Aufgaben der Bürgerwehr. Aus Kostengründen rekrutierte man Bürger, die mit diesen Aufgaben betraut wurden. Diese gliederten sich in Quartierschaften, Kompanien und Rotts und wurden von gewählten Stadtoffizieren und Rottmeistern geführt. Auch zur Feuerbekämpfung und um für Schutz und Ordnung innerhalb der Stadtmauern zu sorgen wurden sie herangezogen. Die erste Bürgerwehr stammt aus der Zeit 1609.

Um 1683 wurde dann das erste „Freyschiessen“ ausgerichtet, bei dem der Sieger von sämtlichen Abgaben für die Dauer eines Jahres befreit wurde.

Heute gibt es die Bürgerwehr nicht mehr, trotzdem erinnert man mit dem Bürgerbataillon an diese Männer. Auch das Freyschiessen, heute Bürgerschießen, findet noch statt, allerdings erhält der Schützenkönig nur noch seine Würde, nicht aber eine Steuerbefreiung. Eine Tradition, die nun schon über 300 Jahre besteht und die durch die heutigen Mitglieder des Bürgerbataillons Bückeburg fortgeführt und deren Erinnerung erhalten werden soll.

Generationsübergreifendes Fest für alle – Foto: Sabine Christel

Für zu viele ist diese Tradition jedoch mit zwei Dingen verbunden: Alkohol und Marschieren. Beides gehört auch dazu, aber nicht in dem Maße, in dem man es der Veranstaltung negativ vorhält.

Das Bataillon hat einen festen Platz in der Gemeinschaft

Bürgerschießen Bückeburg – Foto: Sabine Christel

Tatsächlich steht im Vordergrund der Gemeinschaftsgedanke: „Wir sind zusammen daran interessiert, diese alte Tradition über die Jahrhunderte zu bewahren und fortzuführen. Und wir reihen uns damit ein in die Geschichte derer, die schon lange nicht mehr unter uns sind und doch auch ihrerseits sich der Geschichte verpflichtet gefühlt haben.“ Und es ist ein Gedenken derer, die seinerzeit sich für die Sicherheit der Stadt eingesetzt haben. Dieser Tradition sollte man sich stellen, wenn man beim Bürgerbataillon dabeisein möchte. Und dieser Gedanke ist auch das, was immer wieder – jetzt beispielsweise zur Jahreshauptversammlung – den Kompaniemitgliedern erzählt wird. „Seid stolz auf das Bataillon“ und „Wir haben unseren festen Platz im Leben dieser Stadt.“

Würde man allein nur des Feierns wegen am Bataillon festhalten, wäre das eine kostspielige und unsinnige Sache, die spätestens dann ausgelöscht wird, wenn die letzten „Feierbeaster“ nicht mehr dabei sind oder sich die Interessen geändert haben.

Was bedeutet gelebte Tradition heute?

Natürlich muss man mit der Zeit gehen. Der Anspruch des Einzelnen an so eine Gemeinschaft ändert sich, wie auch das Interesse derer, die die Veranstaltungen besuchen. In Zeiten, in denen Social Media immer mehr an Bedeutung gewinnt und Veranstaltungen nicht mehr die Kontaktbörse und der alleinige Treffpunkt sind, wenn Familien und die berufliche Tätigkeit in den Vordergrund rücken, muss sich ein Fest, wie das Bürgerschießen, grundlegend verändern. Das bedeutet auch, dass man sich von den Events verabschiedet, die heute niemanden mehr „vor die Tür locken“. So ist ein Königsball genauso unspannend, wie die Tatsache, konsequent Frauen und Familien auszulassen.

„Wir wollen die Bevölkerung miteinbeziehen“

Um ein Gemeinschaftsfest zu sein, bei dem jeder Lust hat teilzunehmen, ist es vonnöten, Institutionen in Bückeburg stärker einzubinden. Kinderfeste und Seniorenkaffeetrinken, Familiennachmittage und musikalische Abende für Jedermann ersetzen die in die Jahre gekommenen Veranstaltungen und zeigen, dass man – ohne den Ursprungsgedanken zu verdrängen – das Konzept der neuen Generation anpasst.

Natürlich gibt es diejenigen, die befürchten, dass man damit die Tradition verrät, sie einbrechen lässt und dafür sorgt, dass so ein Bürgerschießen beliebig wird, sich nicht mehr heraushebt aus den übrigen Veranstaltungen.

Den guten Mittelweg zu finden und beides miteinander zu verknüpfen, dabei den Fokus auf die Stadt zu richten und sich abzuheben von den umliegenden Bataillonen der Nachbarstädte, ist ein schmaler Grat, den man in den letzten Jahren vorsichtig gegangen ist.

„Einen Bürgermeister hat jede Stadt. Aber einen Bürgermeister, einen Fürsten und einen General haben nur wir in Bückeburg.“

Martin Brandt, Stadtmajor

Begeisterung bei den Teilnehmern, Gästen und Zuschauern hat jedoch gezeigt, dass der Weg der richtige ist und man – bis auf wenige Änderungen – diesen gedenkt auch in der Form zukünftig zu gehen.

So wird beim diesjährigen Bürgerschießen das Kaffeetrinken der Senioren auf den Marktplatz verlegt, um junge und ältere Menschen gemeinsam an einem Ort feiern zu lassen. Auch das Feierabendbier, welches letztes Jahr in der Bürgerschießenfreien Zeit zelebriert wurde, soll als dauerhafter Termin fortgeführt werden.

„Die letzte Woche im August gehört dem Bürgerbataillon Bückeburg.“

Martin Brandt, Stadtmajor

Und noch eine Neuerung, die allerdings aus der Vergangenheit stammt und nur aufleben soll, ist die Neu-Gründung einer fünften Kompanie, der „Jugend-Kompanie„. Hier können junge Herren im Alter von 18-28 Jahren den Zugang zum Bürgerbataillon finden. Unter Gleichgesinnten und Altersgenossen sollen sie Spaß am Feiern haben, aber auch auf diese Weise den Sinn und Zweck des Bataillons kennenlernen. Und – es sind sozusagen die „Bürgerschießen-Azubis“, denn das erklärte Ziel ist, sie mit Ablauf ihrer Altersbegrenzung in die übrigen Kompanien einzugliedern. So funktioniert Nachwuchsarbeit in Bückeburg.

Heino Röwer, vierte Kompanie – Foto: Sabine Christel

Als Partnerkompanie hat man „die Vierte“ mit dem Kompaniechef Heino Röwer dafür gewinnen können. Sein Einsatz kommt jedoch nicht von ungefähr: Er betreut die „Schaumburg Rangers“, die ihrerseits schon seit einer Weile mit dem Bataillon liebäugeln. Und natürlich ist es schöner, dann altersmäßig ein wenig „unter sich“ zu sein und gemeinsam ins Bataillon zu wachsen.

Bislang sind es fast 25 Interessenten und es dürfen gern noch mehr werden: Sie sind männlich und im Alter 18-28? Sie haben Spaß an gemeinsamen Unternehmungen? Sie möchten mehr erfahren über die Arbeit in den Kompanien? Traditionen sind Ihnen ein Begriff? Dann melden Sie sich doch gern unter der Seite des Bückeburger Bürgerbataillons an.

Tradition und Geschichte, das ist ja schön und gut, aber wie genau sieht die Arbeit der Kompanien aus?

Zum einen richten sie regelmäßige Veranstaltungen aus. Radtouren, Leitergolf, Knobelabende, Kompanietreffen, dass sind einige Termine, die innerhalb der Kompanien, und dort aufgeteilt in den jeweiligen Rotts, ausgerichtet werden. Darüber hinaus ist das Bürgerbataillon jedoch als Ganzes aktiv im sozialen Bereich tätig. So werden Spenden gesammelt und wohltätigen Zwecken zugeführt. Im Kleinen mit der Spendendose, zum Beispiel bei der jährlich stattfindenden Sammlung der Kriegsgräberfürsorge, oder auch im Großen mit der Bitte um Spenden bei Partnern und Unternehmen, um die Projekte auch finanziell unterstützen zu können. Profitieren tun davon die Einrichtungen, wie Schulen und Kindergärten, Vereine und hilfsbedürftige, sowie sozial schwache Mitmenschen. Unbürokratisch, aber mit viel Einsatz und ehrenamtlicher Hilfe geleistet.

Das zu bewahren, auch dazu fühlt sich das Bataillon verpflichtet.

So darf in einem Rückblick der Jahreshauptversammlung durchaus erwähnt werden, wie oft die Hilfe des Bataillons geleistet wurde. Und wie viele Veranstaltungen von ihnen in ihrer freien Zeit durchdacht, geplant, organisiert und durchgeführt worden sind. Und letztendlich zeigt dann die Teilnahme und Begeisterung der Bevölkerung, inwieweit die Veranstaltung erfolgreich war.

„Bürgerschaftliche Solidarität“ nennt es der Stadtmajor in seiner Ansprache. Ich nenne es unbürokratische Hilfe, die von Herzen kommt und deren Ziel es ist, zu unterstützen, wo Hilfe benötigt wird.

Ehrenamtlich zu helfen ist immer mit sehr viel Einsatz verbunden. Die eigene freie Zeit nutzen, um zu unterstützen, auch, wenn diese Hilfe von Außenstehenden oftmals gar nicht in dem Maße, in dem man sie leistet, wahrgenommen oder gewertschätzt wird.

Die Information an die Medien dient in dem Zusammenhang weniger der Tatsache, sich loben zu lassen für das gezeigte Engagement. Sie ist eher eine gute Gelegenheit, noch mehr Leute einzubeziehen und auf das Ziel der Spenden hinzuweisen: „Seht her, dafür wird das Geld verwendet, diesen Menschen habt ihr mit eurer Spende helfen können.“

Der dritte Pfeiler des Bataillons ist die optimale Vernetzung untereinander

Was nützen einem 5.000 Freunde im Internet, wenn man vor Ort niemanden direkt hat, der hilft? So dient zum Beispiel das Grünkohlessen am Jahresanfang dazu, sich gegenseitig kennenzulernen und bei Bedarf auch auf die Hilfe des anderen zugreifen zu können. Die Sprache und das Gespräch, sowie der persönliche Kontakt sind immer noch das Wichtigste und können durch keine Mitteilung über die sozialen Medien ersetzt werden.

Kulinarische Kontaktbörse, das Grünkohlessen – Foto: Sabine Christel

Diese Vernetzung findet ihren Sammelpunkt bei eben dieser Veranstaltung, die zu Jahresbeginn in Bückeburg wieder stattgefunden hat. Wie wichtig sie ist und wie sehr die Teilnehmer diese Art der kulinarischen Kontaktbörse wertschätzen, zeigte sich an der Vielzahl der verkauften Eintrittskarten, was dazu führte, dass man schlankerhand den oberen Bereich der Empore in eine Dependance verwandelte und auch dort Grünkohl servierte. Ob man demnächst noch Bistrotische auf der Treppe oder im Eingangsbereich aufstellen muss, um allen Anfragen gerecht zu werden, bleibt abzuwarten.

Zeigen sich engagiert für das Bataillon – Stellv. BM Peter Kohlmann (v.l.), Klaus Scholz, Stadtmajor Obernkirchen, Martin Brandt, Stadtmajor Bückeburg, Heinz-Joachim Pecher, Stadtmajor Minden – Foto: Sabine Christel
Stadtball – Foto: Sabine Christel

Einzig der Stadtball ist das „Sorgenkind“ des Bataillons. Nachdem man sich vom Königsball verabschiedet hatte und stattdessen sich am Stadtball beteiligte, beobachtet man diese Veranstaltungen mit besorgtem Blick. Die einen möchten es gern weiterhin traditionell und bleiben fern, wenn es zu modern wird. Die anderen wollen es zeitgemäß und verzichten gern, wenn es zu „oldfashioned“ wird. Da den goldenen Mittelweg zu finden und das mit Eintrittspreis und Angebot in Einklang zu bringen ist nicht einfach. Deshalb gab es erstmals eine kreative Pause, die dazu führte, dass man im Jahr 2020 am 15. Februar mit einem DJ-Duo und einigen Änderungen im Ablauf den Stadtball 2.0 an den Start gehen lassen möchte. Schon allein aus Neugier sollten sich auch die Zweifler auf die Tanzfläche wagen, denn nur was man kennt, kann man auch beurteilen. Und wenn gar nichts mehr stattfindet, wäre das nicht nur sehr schade, sondern würde dazu beitragen, dass das kulturelle Angebot sich verkleinert und das wird sicherlich den wenigsten recht sein.

Das war ein kleiner Blick hinter die Kulissen des Traditionsvereins Bürgerbataillon Bückeburg.

Wichtig ist, sich folgenden Termin zu merken: 21.08.-25.08.2019 – An diesen Tagen findet das Bürgerschießen statt. Kommen Sie dazu und nehmen Sie teil an den verschiedenen Angeboten, die für jedes Alter und jeden Geschmack etwas bieten. Lassen Sie sich ein, bei der Erhaltung von Tradition und Geschichte mitzuwirken. Und zollen Sie denjenigen Anerkennung, die ehrenamtlich tätig sind, um zu bewahren, zu unterstützen und eine Tradition auch in den nächsten Jahren fortzuführen.

Bürgerschießen – Foto: Sabine Christel

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