45 Min – Einheitsland – Oder doch nicht?

45 Min – Einheitsland – Oder doch nicht?

28.09.2020, 22:00 Uhr, NDR Fernsehen

Warum gibt es noch immer ein Ost und West mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall? Ein Wir und Ihr? Woran liegt das? Das fragt sich NDR Filmemacherin Birgit Wärnke und geht auf eine persönliche Spurensuche.

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Diese „45 Min“-Dokumentation ist eine aktualisierte Version der gleichnamigen Sendung, die das NDR Fernsehen am 30. Oktober 2019 als Sonderbeitrag zum Mauerfall ausgestrahlt hat.

Dabei wurden die datenjournalistischen Recherchen ebenso neu erhoben wie Fragen, die das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap Menschen in Ost- und Westdeutschland zur deutschen Einheit gestellt hat.

Birgit Wärnke selbst war ein typisches DDR-Kind: Kinderkrippe, Kindergarten, Jungpionierin in der Schule, dazu Sporterziehung im Armee Sportklub. Dann kam die Wende. Nach dem Abitur hatte sie das diffuse Gefühl „im Westen habe ich bessere Chancen“. Also ging sie wie so viele andere junge ostdeutsche Frauen in den Westen. Es war eine gigantische Abwanderungswelle. Ostdeutschland verlor fast vier Millionen Einwohner*innen.

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Die Autorin trifft unter anderem Menschen, die sich die DDR zurückwünschen, „weil es früher besser war“. Damals hatten sie einen sicheren Arbeitsplatz, waren Teil einer Gemeinschaft und sozial abgesichert.

„Heute musst du dich um alles selber kümmern“

Die beiden Freundinnen Liane Linke und Monika Barnekow

Die Schwerinerinnen haben 1978 ihre Ausbildung im VEB Kombinat Lederwaren gemacht. Sie arbeiteten im Schichtdienst, wurden als „Aktivisten zur sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet. Mit der Wende verloren sie ihren Arbeitsplatz, Sicherheit und Anerkennung.

Birgit Wärnke begegnet aber auch Werner Molik. Er wollte nicht wie die beiden Näherinnen in der DDR leben und stellte mehrere Ausreiseanträge. Der Systemkritiker wurde 1977 verhaftet und erst anderthalb Jahre später von der Bundesrepublik freigekauft. Heute besitzt Molik auf Usedom ein Viersternehotel in bester Lage. Der Hotelier sieht sich selbst als Wende-Gewinner. Und er will „die deutsche Kultur bewahren“.

Die Filmautorin arbeitet heraus, dass sich nicht nur die sogenannten Abgehängten im Osten zur AfD hingezogen fühlen, sondern auch Molik, der erfolgreiche Unternehmer, der einst in der DDR Oppositioneller war.

Die „45 Min“-Autorin trifft auch ihre ehemalige Lehrerin wieder. Sabine Stoof war damals SED- Parteisekretärin. Sie war überzeugt, dass der Sozialismus das bessere System sei. Mit der Wende änderte sich für sie alles. Sabine Stoof musste sich intensiv mit ihrer Rolle in der DDR auseinandersetzen:

„Ja, ich habe Schuld, weil ich meine Schüler nicht aufgeklärt habe, dass sie in einer Diktatur leben.“

Sabine Stoof

Die ehemalige Lehrerin geht im Film noch einen Schritt weiter: Sie wird Einsicht in ihre Stasiakte beantragen. „45 Min“ zeigt eindrücklich, wie viel Macht die untergegangene Diktatur noch immer über ihre Ex-Bürger hat.

Birgit Wärnke, die mittlerweile seit über 20 Jahren in Hamburg lebt, lässt auch Westdeutsche zu Wort kommen. Sie erfährt, dass es auch in den alten Bundesländern Unzufriedenheit gibt:

„In Ostdeutschland ist mittlerweile alles vom Feinsten, Westdeutschland wurde zu lange vernachlässigt, jetzt müssen wir mal an Gesamtdeutschland denken“.

Birgit Wärnke

Die „45 Min“-Dokumentation über den Zustand der Bundesrepublik Deutschland arbeitet auch diesmal mit Rückblicken in die Geschichte. Dabei werden die großen Themen der Zeit mit seltenen, zum Teil auch privaten Archivbildern erzählt.

*NDR, September 2020

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