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Buchtipp: Octavia Winkler – Oranienburger 32
Buchtipp der Woche

Buchtipp: Octavia Winkler – Oranienburger 32

Die »Heckmann-Höfe« in der Oranienburger Straße findet heutzutage jeder Berlin-Tourist in seinem Reiseführer. Welche Geschichten verbergen sich aber hinter der heute so strahlenden Fassade?
Dieses Buch führt zurück in die frühen 50er Jahre, in die noch junge DDR – in einen gutbürgerlichen Haushalt mit jüdischem Kindermädchen, Zugehfrau und Chauffeur. Zeitzeugen kommen zu Wort, und an so manche vergessenen Geschichten wird erinnert – an den Bankräuber, der einst in diesem Haus lebte, an das »Fleißige Lieschen«, eine gealterte Prostituierte vom Oranienburger Tor und viele andere Originale aus der Spandauer Vorstadt.
Octavia Winkler

Die Oranienburger Straße war auch immer Wohnort für jüdische Familien. Einigen Schicksalen wird hier nachgespürt, so zum Beispiel dem des jüdischen Kindermädchens Ruth, die mit ihrer Familie die Nazizeit überlebt hat, versteckt in einer Laubenkolonie. Erinnert wird auch an den bedeutenden Fotografen Abraham Pisarek, der seit 1936 mit seiner Familie in der Oranienburger Straße lebte. Von ihm stammen zum Beispiel die einzigen Fotos von der Beisetzung Max Liebermanns, mit dem er befreundet war. Viele Entdeckungen gibt es zu machen. So legte Zeitzeuge Norbert bei
Renovierungsarbeiten in der Wohnung seiner Mutter in den Heckmann-Höfen die Ausmalung des Gebetsraums des Jüdischen Synagoge Talmud-Vereins frei.
Goldene Sterne auf blauem Grund. „Was hast Du denn dann gemacht?“ „Ach, ich hab das übermalt. Meine Mutter hat gesagt, sie will nicht unterm Himmel schlafen“.
Norberts Onkel war 1951 verwickelt in den sogenannten „Reichsbahnbruch“. Die Geschichte wurde 1989 unter dem Titel „Der Bruch“ verfilmt und beruht auf dem authentischen Fall des Einbruchs der Bande um Walter Pannewitz in die Eisenbahnverkehrskasse der Reichsbahndirektion Berlin. Eine ganz andere Spur wird einige Häuser weiter freigelegt: In dem heute vor allem
bei Touristen beliebten mexikanischen Restaurant „Que pasa“ befand sich einst das Café der jüdischen Gemeinde, gleich neben der Synagoge. Es überstand den II. Weltkrieg und diente einige Jahrzehnte, bis 1981, einem Orthopädie-Laden als Verkaufsraum und Werkstatt.
Neben vielen Geschichten entlang der Straße wird ebenso das Alltagsleben einer Arzt-Familie in den 50er Jahren, der „jungen“ DDR beschrieben. Die „Mischehe“ der Eltern, die katholische Mutter aus Schlesien, der evangelische Vater vom Wedding. Die katholische Erziehung der Kinder, in der damaligen DDR nicht nur geduldet – sogar der Religionsunterricht fand in der Schule statt, und an den katholischen Feiertagen durften die Kinder zu Hause bleiben. Die Begegnung des Kommunions-Kindes mit einem alten Mann, der seine KZ-Tätowierung der Kleinen anklagend
entgegen hält.
Zum Alltag gehörte auch das nützliche Büchlein „Zahle ich den richtigen Preis?“, herausgegeben vom Magistrat von Berlin. Darin wurden vom Blümchen bis zur Wohnungsmiete für alle denkbaren Bereiche des Lebens die korrekten Preise, staatlich festgelegt, aufgelistet – eine Lieblingslektüre der Familienmutter.
Die Geschichten handeln in der Zeit bis 1961, bis zum Mauerbau. Insofern war das Reisen zwischen Ost- und Westdeutschland, die Verwandtenbesuche über die Grenzen hinweg, mehr oder weniger problemlos möglich. Sogar der Schulbesuch eines Kindes aus Ostberlin in Westberlin, in diesem Falle der Besuch des Französischen Gymnasiums, damals in Tegel, also Westberlin.
Nicht zuletzt wird hier in poetischer Weise und ganz unaufdringlich gezeigt, wie fünf Jahre nach Ende des II. Weltkriegs die Folgen nicht nur in den Ruinen zerstörter Städte, sondern auch in den Schicksalen der Familien, des Einzelnen präsent waren.
Familien, die auf der Flucht aus Schlesien in den verschiedensten Gegenden Deutschlands landeten, „hängen blieben“, wie die Familienmutter zu sagen pflegte, von Thüringen bis ins Westfälische, von Berlin bis ins Rheinland – und wie der Mauerbau 1961 diese Familien wieder trennte, denn lange Jahre konnte man zwischen der DDR und der BRD nicht einmal ohne Weiteres per Telefon Kontakt halten. Erst zehn Jahre nach dem Mauerbau, 1971, war es möglich, zwischen Ost- und Westberlin zu telefonieren – in Gesprächen, die über das „Fräulein vom Amt“ angemeldet werden mussten.

Zur Oranienburger Straße gehörte schon immer der „Strich“, und angeblich geht diese Bezeichnung zurück auf die Tatsache, dass am Ende der Oranienburger Straße, dort, wo sie in die Friedrichstraße mündet, ein Strich auf der Straße die „Reviere“ der männlichen und weiblichen Prostituierten voneinander trennte. Auch zu DDR-Zeiten gab es in der Gegend Straßenprostitution, allerdings nicht offiziell erlaubt, sondern eher stillschweigend geduldet. Auch diese „Damen“ mussten jeden Monat ihr „Bock“- bzw. „Bäckerbuch“ von einem Arzt abstempeln lassen – nach erfolgter Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten. Der Familienvater war einer der Ärzte in der Spandauer Vorstadt, die solche Stempel erteilten. Übrigens wurde diese Vorschrift in der BRD erst im Jahr 2000 abgeschafft und durch andere Verpflichtungen ersetzt.

Aus sorgfältig recherchierten Fakten, aus historischen Dokumenten, aus autobiografisch gespeisten Erinnerungen, aus Berichten von Zeitzeugen setzt sich dieses Buch zusammen. Ergänzt wird der Text durch eine Vielzahl beeindruckender historischer Schwarz-Weiß-Aufnahmen, fast ausschließlich von dem renommierten Fotografen Klaus Bädiker.
Humorvoll und aus vielen spannenden Details wird hier ein »Erinnerungs-Mosaik« gebaut, das einen ganz besonderen Blick auf Geschichte und Gegenwart dieser
bekannten Straße erlaubt.
Informationen zur Autorin:
Octavia Wolle
– geboren in Berlin, lebt in Berlin. Studium der Außenwirtschaft (ohne Abschluss) und der Theaterwissenschaft (Diplom). Tätigkeit als Lektorin, Herausgeberin, Autorin, Projektmanagerin in (internationalen) Projekten des III. Sektors, Trainerin für Kommunikation und Gesprächsführung, MindMap und Interkulturelle Kommunikation.
Publikationsliste (Auswahl) Buchveröffentlichungen:
„Salomon Maimons Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben“
Herausgabe, Kommentar und Nachwort, Union-Verlag Berlin, 1988
„Späte Rose“
Erzählung, erschienen in der Anthologie „Alma fliegt. Neue Märchen von der Liebe“,
Buchverlag Der Morgen Berlin, 1988
Inszenierungen im Rundfunk und im „Weiten Theater“ Berlin
77 Märchenfilme
Beiträge über russische und tschechische Märchenfilme, Henschelverlag Berlin, 1990
„Ordentliche Dachstubenwahrheit wird er hören…“
Aphorismenauswahl aus Briefen und Tagebuchblättern der Rahel Varnhagen.
Union-Verlag Berlin, Mäander-Reihe, 1992
„Vom Leben auf dem Lande – Geschichten aus der Uckermark“
Kein Heimatroman, erschienen im Aschenbeck Verlag Bremen, 2008
(auf der Bestenliste der online-Zeitung pro regio)
Essay „Wo ist Heimat“ (eingereicht für den Ehm-Welk-Preis, Ehrenurkunde)
2009
„Oranienburger32 oder ZurunterirdischenTante – Eine Kindheit in den Heckmann-Höfen Berlins“
Autobiografischer Roman, selfpublishing, 2016
bis 1990 Herausgeberin der theaterwissenschaftlichen Reihe „Material zum Theater“ beim Verband der Theaterschaffenden der DDR
zahlreiche Arbeiten für den Rundfunk (O-Ton-Feature, Hörspiele, Moderation)
seit 2018 ständiger Gast der „Offenen Lesebühne Pankow“ mit zahlreichen Kurzgeschichten
ab Januar 2019 u.a. Arbeit an einer 3-stündigen Rundfunksendung für die Reihe „Lange Nacht“ des Deutschlandfunks
Mit herzlichem Dank an die Gastautorin Octavia Wolle.
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