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20 Jahre Kultursommerbühne – Joris: Sein Heimspiel
Joris - Mindener Kultursommerbühne 2019 - Foto: Sabine Christel

20 Jahre Kultursommerbühne – Joris: Sein Heimspiel

Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Seit 20 Jahren gibt es in Minden die Kultursommerbühne. Was einst klassisch begann ist mittlerweile ein kulturelles Sommerhighlight mit einem „best of“ an Künstlern geworden. Dr. Jörg-Friedrich Sander, Geschäftsführer der Minden Marketing GmbH und natürlich live vor Ort, ist zurecht stolz auf dieses Event. „Sehen Sie sich mal die Stellwände an“, sagt er, „dort haben wir die Künstler dargestellt, die alle schon hier aufgetreten sind.“ Und derer gibt es wirklich viele. Große Namen wie Nena, die Toten Hosen (wenngleich deren Konzert an die Weserwiesen verlegt wurde), Tom Gäbel mit Hits von Sinatra, Till Brönner, die Prinzen, Ingo Appelt, Käptn Blaubär – Das Musical, Martina Gedeck (derzeit im Kino mit „Und wer nimmt den Hund?“) und Sebastian Knauer, Glasperlenspiel oder das Dschungelbuch – sie alle waren schon zu Gast auf der Bühne vor dem 1200jährigen Dom zu Minden. Und auch dieses Jahr gab es wieder fünf gute Gründe, sich Tickets zu besorgen.

Dr. Jörg-Friedrich Sander, Mitte, als begeisterter Konzert Besucher von Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
20 Jahre Mindener Kultursommerbühne – Foto: Minden Marketing GmbH

Am Mittwoch gab Götz Alsmann ein ausverkauftes und sehr umjubeltes Konzert. Er war schon einmal zu Gast auf der Kultursommerbühne und wer ihn bereits live erlebt hat, liebt seine leichte Art, jazzige Versionen bekannter Stücke zu spielen. Das Motto „…in Rom“ schloss die Trilogie nach Paris und dem Broadway. Individuelle Fassungen bekannter italienischer Evergreens passten zu dem lauschigen Sommerabend in Minden. So schnell, wie ihn die Fans aus den guten alten „Zimmer frei“ Zeiten vom Fernsehen her kennen, wenn er sprachlich wirklich jeden geschlagen hat, ist er auch an den Tasten. Chapeau für eine derart leidenschaftliche Performance.

Dann folgte am Donnerstag Helge Schneider, der für beste Unterhaltung sorgte. Schneider ist für viele Künstler ein Vorbild, weil er sein Fach nicht nur versteht und ein Ausnahmetalent ist, sondern auch, weil er sich selbst persifliert und sich in all den Jahren seiner Bühnenarbeit treu geblieben ist. Manche fragen sich insgeheim, ob er am Ende nicht das Publikum zum Narren halten will. Aber – nein. Einen derart feinsinnigen Humor auf skurille Art zu präsentieren, dazu gehört schon ein Gespür für das perfekte Timing und ein intellektuelles Verständnis. Das klingt jetzt zu hochgestochen? Nun gut, dann lassen wir doch seine Tourneeankündigung für ihn sprechen:

Schon als 4-jähriger Knirps hat Helge Schneider sich ein Kissen unter den Schlafanzug gesteckt und ging als dicker Mann mit Krückstock vor dem armseligen Wohnungsbauhaus in seiner Siedlung spazieren, um Aufmerksamkeit zu erregen. Bis heute hat sich an seinem Zustand nichts geändert. Er ist nur etwas faltiger geworden, kein Wunder, isst er ja gerne auch mal Hummerersatzpaste oder geht zum Stall von Kartoffelsalat Dachlatte die 16., seinem Huhn, um mit ihm über das letzte von ihm selbst gemalte Bild von Kaspar David Friedrich zu fachsimpeln. Helge Schneider macht möglich, dass wir nicht nur lachen, sondern dass sich unter Herz zu einem saftigen Steak weitet, wenn er uns die Katze Orangutanklaus vorstellt samt ihrer rührenden Lebensgeschichte. Seit über 40 Jahren auf der Bühne zuhause, hat
Helge Schneider es zur ausgereiften Pflaume gebracht. Petze Thoms, Beat und Jazz-Schlagzeug und Henrik Freischlader, Blues-Gitarre, bieten
Schneider die Wurst. Body-Dance: Sergej Gleithmann. Bravo! Bravo! Ja Bravo! Lyrik, Poesie, Jazz, Kunst, Quatsch, all das bietet uns ein aus der Haut gefahrener Endsechziger an seiner wimmernden Hammondorgel.

Helge Schneider

Am Freitag wurde es klassisch mit Helen Schneider und dem Bremer Philharmonieorchester. Lange nichts von ihr gehört, umso mehr überzeugte sie stimmlich und mit einer aussergewöhnlichen Bühnenpräsenz. Der Abend war ein überragender Erfolg und zählt zu den Highlights der Klassikkonzerte beim Bühnensommer.

Am Samstag nun Joris mit seiner Sommertour und den Abschluss am Sonntag bildeten die Kika Plüschstars Jan und Henry aus dem Kinderprogramm. Für jeden Geschmack etwas und der Run auf die Karten zeigte schon frühzeitig, dass man in Minden wieder ein gutes Programm zusammengestellt hatte.

Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Der Samstag – Joris – Ein Heimspiel

Gespräch unter Schreiberlingen vor dem Konzert von Joris: Wer kennt seine Musik, wer ist selbst Fan? In der Riege von jungen deutschsingenden Künstlern, wie Wincent Weiss, Max Giesinger oder Johannes Oerding, gehört auch Joris. Mit Minden verbindet er jedoch viel mehr, denn er stammt gebürtig aus Vlotho und ist des Öfteren privat in der Stadt unterwegs. Umso schöner, nun ein Konzert in der Heimat zu spielen. Für ihn das absolute Highlight der Tour, für das Mindener Publikum ein ganz besonderer Konzertabend.

Mary Lou als Vorband zu Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Die Vorgruppe Mary Lou aus dem schönen Allgäu war schon mal grandios, stimmlich hervorragend und löste erste Begeisterungsstürme beim zahlreich erschienenen Publikum aus. Über 2.300 Zuschauer sollen es laut Veranstalter sein. Vom Alter her sehr durchwachsen – Joris hat generationsübergreifende Fans, was sehr für seine Musik spricht.

Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Mit etwas Verspätung begann dann gegen 20.30 Uhr der Hauptact. Man wird als Journalist ja auch zu Terminen geschickt, bei denen noch nicht abzusehen ist, wie wird der Abend? Und so war die Spannung unter der schreibenden Zunft groß. „Hoffentlich schaffe ich es noch pünktlich zur Sportschau“, hörte ich. Und ich selbst musste zugeben, dass ich bis auf „Herz über Kopf“ und „Glück auf“ nichts weiter kannte. Nach dem Eröffnungsstück war jedoch klar, der Abend wird gut! Vom ersten Ton an hatte Joris das Publikum auf seiner Seite. Und nachdem ein bunter Konfettiregen durch den Sommerabend wehte verwandelte sich der Domhof in eine Zauberwelt. Was Joris auf der Bühne bietet ist stimmlich hervorragend und dazu kommt eine Leichtigkeit in der Performance, dass man zurecht sagen kann, er ist ein wahrer Live Künstler. So muss gute Musik gespielt werden, so kann ein Stück live klingen. Da sitzt jeder Ton, da passt das Timing, und das wissen auch die Fans zu schätzen, die von der ersten bis zur letzten Note mitsingen und ihn feiern.

Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Im Gespräch nach den ersten Songs mit zwei sehr charmanten und begeisterten Damen kam aber auch zur Sprache, dass Joris heute Abend irgendwie „anders“ ist. Nicht ganz so leicht und beschwingt, sondern er schlägt ernste Töne an, sucht immer wieder den Dialog mit dem Publikum. Warum so melancholisch? Der Grund ist ein ernster: Beim Konzert vom 24. Juli 2016 in Ansbach wurde ein islamistischer Terroranschlag verübt. Der Täter zündete eine Bombe und zog Umstehende mit sich, die teilweise schwerverletzt ins Krankenhaus kamen, er selbst kam dabei ums Leben. Das ursprünglich dreitägige Konzert damals wurde abgesagt. Joris war einer der auftretenden Künstler. Doch immer noch sitzt der Schrecken und die Ohnmacht tief, so tief, dass Joris fast schon beschwörend den Zuschauern mitgibt, den Abend zu genießen und sich dieses Gefühl zu bewahren. Die Welt ist bunt, und wenn wir uns das bewusst machen, dann sorgen wir dafür, dass die Welt auch ein bisschen schöner ist. Seine Worte kommen an, berühren. Überhaupt ist dies mehr als ein Konzert: Hier ist eine Einheit, ein Künstler, der einen Abend in der Heimat verbringt, sich klar als Ostwestfale outet und wahrlich ein Heimspiel genießt.

Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Abgesehen von seinem persönlichen Bezug zu Minden, schaffte er den Spagat, von schweren Momenten zur Leichtigkeit zu finden, die Zuhörer mitzunehmen auf eine Reise voller Musik. Die richtige Mischung aus schnellen Tönen, Rhythmus und Tanz über langsamen Stücken bis hin zu nachdenklichen und stillen Momenten.

Stimmlich wird er mit dem Sänger Casper verglichen. Aber mal ehrlich: Er wirkt auf der Bühne eher wie Chris Martin von Coldplay… hat aber eine unverwechselbare Stimme- Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Zwei begeisterte Fans von Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel – DANKESCHÖN –

Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Video: Sabine Christel/Scarlett-Magazin

Dabei vergas er nie, seine Band vorzustellen und jeden individuell hervorzuheben. Man spürte, wie wichtig ihm diese Gemeinschaft ist und dass er sich zu keinem Zeitpunkt als Einzelkünstler sieht.

Ein Traum von Konfetti – Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Smartphoneromantik – Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Konfetti und Luftschlangen gab es mehrfach an dem Abend. Irgendwann sah der Domhof wie nach einem tollen Geburtstagsfest aus – im Prinzip ist es das ja auch. Sie erinnern sich: 20 Jahre Kultursommerbühne.

Jam – Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Von Songs wie „Sommerregen“ und „Das kommt schon gut“ über „Bis ans Ende der Welt“ bis hin zu angespielten Chartssongs reichte das Repertoire an diesem Abend. Einmal um den ganzen Platz gegangen muss ich zugeben, dass man von nahezu überall einen perfekten Blick auf die Bühne hatte und auch akustisch ist nichts auszusetzen.

Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Er mag Minden und die Mindener mögen ihn – Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Heimspiel für Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Irgendwann ist jedoch auch der schönste Abend einmal vorbei. Nun gut. Das gilt nicht für Joris. Er holte am Ende tief Luft, tauchte ein ins Publikum und erschien mitten drin für die erste Zugabe „Signal“. Wow, ein Künstler zum Anfassen. Um ihn herum ein Meer aus Smartphones, die diesen Moment nicht verpassen wollten.

Kann mich irgendjemand hören?
Das ist mein Signal
Ist da draußen irgendwer?
Das ist mein Signal
Kann mich irgendjemand hören?
Ganz egal wie weit entfernt
Ist da draußen irgendwer?
Ich geb nicht auf bis du es hörst
Das ist mein Signal

Text „Signal“, Joris
Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Mittendrin statt nur dabei – Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Dann ging es quer durch das Publikum („hast Du gesehen, JORIS geht an mir vorbei!!“) zurück zur Bühne. Einmal angefangen will das Mindener Publikum ihn dann doch nicht gehenlassen. Zum Schluss saßen die Musiker am Bühnenrand und genossen den Blick über die vielen begeisterten Fans, die ihrerseits nun für Joris den Refrain „Hey, hey, hey“ aus „Du“ sangen. Der Song – eine Hommage an das Leben.

Die letzte Zugabe ist sein größter Hit: „Herz über Kopf“. Und besser könnte man das Konzert nicht zusammenfassen.

Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel
Danke – Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

Obwohl, doch, eigentlich schon. Wenn besagter Journalist am Ende des Konzerts auf die Frage: „Und, wie wars?“ mit einem „Die Sportschau hab ich zwar verpasst, aber das Konzert war tatsächlich richtig gut“ antwortet. Joris, Du hast Minden gerockt, keine Frage. Aber Du hast es auch geschafft, dass die Zuschauer ein bisschen von dem Konfetti in ihr Herz genommen haben und mit dem Gefühl „Das Leben ist schön“ nach Hause gefahren sind.

Dass er sich nach dem Konzert für die Fans, die geduldig gewartet haben, noch Zeit für Autogramme, Fotos und Gespräche genommen hat, sei nur am Rande erwähnt. Es bestätigt eigentlich nur, was jeder an dem Abend spüren konnte: Ein Sänger mit Herz bei seinem eigenen Heimspiel in Minden.

Kompliment an die Minden Marketing GmbH und alle Sponsoren für wunderbare fünf Tage. So muss Kultur. Dankeschön!

Ein paar Impressionen:

c) Joris – Mindener Kultursommerbühne 2019 – Foto: Sabine Christel

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