„Warten und Lauschen“ – Sternstunde im Stadttheater Minden
Peter Simonischek und Brigitte Karner im Stadttheater Minden - Foto: Sabine Christel

„Warten und Lauschen“ – Sternstunde im Stadttheater Minden

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Im Jahr 2011 sah ich das Fernsehspiel „Liebesjahre“. Iris Berben und Peter Simonischek brillierten als geschiedenes Ehepaar, dass sich zur Räumung des ehemals gemeinsamen Hauses trifft und beim Aussortieren der Sachen gleich noch alte Probleme hervorholt. Damals dachte ich „den würde ich gern mal auf der Bühne erleben“. 2019 war es dann endlich soweit: Die Intendantin Andrea Krauledat hatte für das Stadttheater Minden das Stück „Warten und Lauschen“ mit Peter Simonischek und Brigitte Karner für die Spielzeit 2019/20 gebucht. Und noch besser, ich darf für einen Moment in die Garderobe und das Künstlerpaar begrüßen. Eine wahre Sternstunde.

Brigitte Karner und Peter Simonischek mit dem Streichquartett „Sonare“ – Foto: Sabine Christel

Der große Burgschauspieler Peter Simonischek bringt mit der bekannten Film-, Fernseh- und Theaterschauspielerin Brigitte Karner und dem Streichquartett „Sonare“ mit Peter Gillmayr, (1. Violine) – Kathrin Lenzenweger, (2. Violine) Christoph Lenz, (Viola) – Judith Bik, (Violoncello) das Gefühl von Weihnachten ins Stadttheater Minden. „Warten und Lauschen“ so der Titel und damit ist tatsächlich der Abend perfekt zusammengefasst.

Foto: Sabine Christel

Es geht um das Warten auf den Heiligen Abend, um Weihnachten, um humorvolle und traurige Geschichten, um Gedichte und alles, was große Dichter und Autoren wie Rainer Maria Rilke oder Erich Kästner zum Thema Weihnachten verfasst haben. Zwischen den Stücken spielt das hervorragend aufeinander eingespielte Streichquartett bekannte Weihnachtsmelodien, die sich in die Lesungen harmonisch einfügen. So rund und stilvoll, dass eine Ruhe und Entspannung über das Publikum im restlos ausverkauften Stadttheater kommt.

Weihnachtsatmosphäre im Stadttheater Minden – Foto: Sabine Christel

Besonders berührend zum Beispiel die Geschichte „Felix holt Senf“ von Erich Kästner, in dem besagter Felix ausgeschickt wird, um zum Abendessen Senf zu holen und erst fünf Jahre später wieder zurückkehrt.

Es war am Weihnachtsabend im Jahre 1927 gegen sechs Uhr, und Preissers hatten eben beschert. Der Vater balancierte auf einem Stuhl dicht vorm Weihnachtsbaum und zerdrückte die Stearinflämmchen zwischen den angefeuchteten Fingern. Die Mutter hantierte draußen in der Küche, brachte das Essgeschirr und den Kartoffelsalat in die Stube und meinte: „Die Würstchen sind gleich heiß!“ Ihr Mann kletterte vom Stuhl, klatschte fidel in die Hände und rief ihr nach: „Vergiss den Senf nicht!“ Sie kam, statt zu antworten, mit dem leeren Senfglas zurück und sagte: „Felix, hol Senf! Die Würstchen sind sofort fertig.“

Erich Kästner – „Felix holt Senf“

Sehr humorvoll hingegen der Dialog von Simonischek und Karner, als es um den Weihnachtsmann geht, der seinen Rentieren erzählt, dass er jetzt so gar keine Lust mehr auf das Fest hat. Statt Wunschzettel gäbe es eher Bestellungen wie in einem Versandhaus. Und auch seine Kleidung gefiel ihm nicht mehr. Dieser furchtbare rote Mantel, er wäre doch eher ein Dienstleister, da würde er einen Anzug bevorzugen, zum Beispiel grauen Flanell oder doch lieber Tweed und dazu eine Melone. Außerdem habe er sowieso das Gefühl, keiner glaubt an ihn und deshalb würde er mittlerweile auch selbst nicht mehr an sich glauben. Mit welcher Idee die Rentiere ihn vom Gegenteil zu überzeugen versuchen, sei hier nicht verraten.

Eine Geschichte, die zeigt, wie harmonisch und gut aufeinander eingestimmt die Eheleute Simonischek/Karner sind. Vor der Aufführung, im Gespräch mit dem Künstlerpaar, frage ich, wie die Zusammenarbeit mit dem eigenen Partner ist und erlebe ein charmantes Gespräch von Simonischek und Karner, als sie erzählen, wie sehr sie die Arbeit des anderen schätzen und doch, dass man, auch wenn man den anderen als Kollegen auf der Bühne ansieht (so Simonischek) eine andere, intensivere Zusammenarbeit miteinander hat. Denn, so erzählt Brigitte Karner, auf Tournee nehmen beide zum Beispiel ein Einzelzimmer, um den anderen in seiner Vorbereitung nicht zu stören, weil jeder sein eigenes Ritual hat, um sich auf das Stück einzustimmen. Und auch wenn Simonischek betont, dass er mehr Theatererfahrung habe und seine Frau eher Film und Fernsehen machen würde und es fast den Anschein hat, als wäre man gerade in eine kleine wienerische Kabbelei geraten, zeigt sich sowohl hinter wie auch auf der Bühne, wie liebevoll beide miteinander umgehen. Wenn Brigitte Karner im Stück ihren Text vorträgt, liegt der bewundernde Blick ihres Mannes auf ihr und beide suchen immer wieder den Blickkontakt zueinander.

Auf die Frage, was das Theater für ihn bedeutet, erzählt Simonischek: „Alles“, denn er liebt seine Theaterarbeit und das schon seit Jahrzehnten. Was sie so besonders macht, ist der direkte Kontakt zum Publikum. Sich vorzubereiten, auf den Punkt bereit sein und ein komplettes Stück durchzuspielen, das macht den Reiz des Theaters aus. Dann das Publikum, an dem man sofort sieht, wie das Stück ankommt. Brigitte Karner fügt hinzu, wenn das Publikum nicht gut drauf sei, springt das auch auf den Künstler auf der Bühne über und umgekehrt. Publikum und Künstler sind dabei immer eine Einheit. Für einen Künstler sei Beruf auch gleichzeitig Berufung, dass sei schon eine Voraussetzung, um in diesem Genre zu arbeiten. Gerade beim Theater gehöre sehr viel Berufung dazu, denn mehr Geld würde man sicherlich mit Film- und Fernsehaufnahmen verdienen.

Aber, so fügt Brigitte Karner hinzu, man bemerkt schon auch, dass sich das Publikum verändert hat, manche es nicht mehr gewohnt sind, die Aufmerksamkeit für einen längeren Zeitraum auf die Bühne zu richten. „In jeder Vorstellung klingelt mindestens ein Handy“, meint Simonischek dazu, „es ist schon unruhig“. Wobei die Theaterschauspieler durchaus froh seien, dass die Leute sich nicht nur aus der Konserve, dem Fernsehen, bedienen, sondern zumindest noch ins Kino gehen und am besten natürlich ins Theater.

Früher, so Simonischek weiter, zur Zeit Goethes, war es im Theater sogar richtig laut. Da wurde während der Vorstellungen gegessen und getrunken oder gar Karten gespielt. Karner fügt erklärend hinzu, dass die Leute seinerzeit ja auch keine andere Unterhaltung hatten. Man ging jeden zweiten Tag ins Theater und die Leute vorn auf der Bühne spielten ihr Stück und im Zuschauerraum wurde sich eben unterhalten.

In manchen Theatern sei das heute noch so, dass man wenig respektvoll mit den Schauspielern umgeht, aber, gerade wenn es sich um Sponsoren handelt, man es hinnehmen muss. Zum Glück nicht im Stadttheater Minden. Bis auf gelegentliches Hüsteln war es andächtig still und das Publikum wusste wohl zu schätzen, dass dort auf der Bühne zwei Ausnahmekünstler waren. Schön auch, dass es nach jedem Stück des Quartetts einen Zwischenapplaus gab und auch nach den Lesungen zeigte sich das Publikum zurecht begeistert.

Pause im neuen Theatercafé – Foto: Sabine Christel

In der Pause treffe ich das Ehepaar Wienke, die zum ersten Mal ein Abo gebucht haben, aber auch sonst gern ins Theater gehen. Beide haben sich sehr auf den Abend gefreut, wussten vorab aber nicht, wie sich Lesung und Musik verbinden würden. Ihr Mann sei da noch etwas unentschlossen, wie er es finden würde, erzählt Frau Wiencke, aber das Stück habe ihm bis jetzt gut gefallen. Beide zeigen sich zudem sehr angetan von der klaren und warmen Stimme Brigitte Karners, die das Zuhören zum Vergnügen macht. Und natürlich von der Bühnenpräsenz Peter Simonischeks. Auch die einzigartige Atmosphäre des Theaters gefällt, denn in diesem Ambiente wirkt ein Stück anders, als in einem einfachen Saal oder einem Mehrzweckraum, da sind sich beide einig. Eine schlichtere Umgebung kann ein noch so gutes Stück in der Qualität schmälern befinden sie. Umso schöner, dass es das Stadttheater und dann noch mit einem derart hochklassigen Programm gibt.

Gemütlich die Pause verbringen im stilvollen Ambiente des Stadttheater Minden – Foto: Sabine Christel

Eine mehr als gelungene Vorstellung, hervorragende Künstler und dann in der Pause auf den Gängen flanieren oder im neuen sehr gemütlichen Theatercafé sich eine kurze Erfrischungspause gönnen, so schön ist ein Abend im Stadttheater Minden. Zwei Stunden „Warten und Lauschen“, die zu einer weiteren kulturellen Sternstunde wurden.

Ausgebucht – wie die meisten Vorstellungen des Stadttheaters Minden – Foto: Sabine Christel

Das neue Theatercafé im Stadttheater Minden – Foto: Sabine Christel
Das neue Theatercafé im Stadttheater Minden – Foto: Sabine Christel

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